Überambitionierte Eltern oder das Ziel ist das Ziel

Bilder von Kindern, die zum sportlichen Wettkampf gezwungen werden, erschrecken Bloggerin Patricia. Sie findet, das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Der Schnappschuss des Linzer Juniormarathons ging durch die Medien: Auf dem Foto sieht man eine Reihe Eltern, die ihre Kinder am Arm Richtung Ziel schleifen. Die Gesichter der Kinder sind verzerrt, einige weinen, sie lassen sich hängen, der ganze Körper schreit: „Nein“.

Das Bild hat mich schockiert. Ein unglücklicher Zufall? Hatten die Kinder vielleicht Spaß und das Foto des Starts des Juniormarathons ergibt ein verzerrtes Bild?

Kinderläufe können Spaß machen

Ich habe auch gemeinsam mit meinen Kindern an diversen Läufen teilgenommen. Wir sehen das als Familienaktivität. Die Eltern laufen die längere Strecke, die Kinder feuern an. Die Kinder laufen den Kinderlauf und bekommen eine Medaille.
Beim ersten Lauf war mein jüngstes Kind drei Jahre alt. Die ersten Meter der 100 Meter langen Strecke standen Mädchen mit Pompons, um die Kinder anzufeuern. Nach dem Startschuss lief mein Kind statt gen Ziel zum ersten Pompon-Mädchen und fragte mich: „Macht das Mädchen?“
„Es feuert die Kinder an“, antwortete ich.
Dann lief mein Kind zum nächsten Mädchen: „Und das da?“
„Das auch.“
„Und das da?“
„Das auch.“
„Und das da?“

So haben wir uns jedes Mädchen angeschaut. Weiter sind wir nicht gekommen. Die Pompons waren zu aufregend.

Was ich sagen möchte: Man kann sowas mit Kindern gut machen. Warum auch nicht? Aber wieso die Kinder ins Ziel rennen müssen, geschweige denn geschleppt werden, ist mir unbegreiflich. Medaillen bekommen alle angemeldeten Kinder, egal in welcher Zeit und ob sie überhaupt im Ziel ankommen.
Das Problem sind die überambitionierten Eltern: Ihre Kinder müssen immer erfolgreich und etwas Besonderes sein.

Verplante Kindheit

Dieser Ehrgeiz der Eltern wird häufig in Smalltalks ersichtlich: „Welches Instrument spielt dein Kind?“, „Geht Ihr Kind zur Musikschule?“, „Ist dein Kind im Chor?“ oder „Macht es Kinder-Yoga?“

Die ersten Jahre haben meine Kinder nichts gemacht. Erst mit zunehmender Selbstständigkeit haben sie sich für verbindliche Freizeitaktivitäten entschieden.

Das hat zahlreiche Gründe:

  1. Echte Freizeit ist bei uns rar. Ich arbeite und die Kinder sind bis nachmittags im Kindergarten und im Hort. Die Kinder haben in der Regel pro Tag ca. zwei Stunden wirklich frei. Frei im Sinne von kein Programm. Ich möchte diese Zeit nicht auch noch mit Pflichtaktivitäten zuballern.
  2. Ich bin faul. Da ich von der Arbeit oft erschöpft bin und mich das Gehetze zwischen Arbeitsplatz, Schule, Kindergarten und Zuhause ermüdet, spare ich mir zusätzliche Wege. Außerdem ist es für mich eine Horrorvorstellung, meine Wochenenden an Fußballplätzen, Bühnen oder Sporthallen verbringen zu müssen.
  3. Ich bin geizig. Die allermeisten Aktivitäten kosten Geld – der Kurs selbst und dann ist es meistens nötig, ein Instrument oder spezielle Sportkleidung zu kaufen.
  4. Ich habe mehrere Kinder. Hat jedes Kind nur einen Termin, sind das drei Termine pro Woche. Damit sind drei von fünf Wochentagen belegt. Wenn die Kinder nicht alt genug sind, alleine zu Hause zu bleiben, dann müssen sie mitgenommen und beschäftigt werden, während das ältere Kind in einem Kurs ist.

Natürlich bin ich nicht gegen Freizeitbeschäftigung, Hobbys und Förderung per se. Ich habe meinen Kindern und mir lediglich Zeit gelassen. Sobald die Kinder einigermaßen selbstständig waren, ungefähr ab der zweiten Klasse, konnten sie sich ein bis zwei Nachmittagsaktivitäten aussuchen. Da müssen sie in der Regel aber alleine hin.

Ist es nachlässig, Kinder nicht frühzeitig zu fördern?

Ich finde es sehr traurig, dass viele Eltern diesen Druck verspüren, die Kinder Vollzeit beschäftigen und fördern zu müssen. Ist es wirklich nötig, im Kleinkindalter ein Instrument zu lernen? Ist es wirklich nötig, Sport (im Sinne von etwas erreichen, sich messen, trainieren) zu machen? Und dann immer der oder die Beste sein?
Für mich lautet die Antwort Nein. Infolgedessen muss ich auch kein Kind ins Ziel schleppen.
Irgendwo habe ich mal den Dialog gelesen:
„So wird ja nie was aus dir!“
„Aber wieso werden? Ich bin doch schon.“

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Über die Autorin

Gastautorin Patricia

Patricia

Patricia Cammarata (40) lebt mit ihren Kindern in Berlin. Die gelernte Diplom-Psychologin ist hauptberuflich IT-Projektleiterin. Sie bloggt seit über zehn Jahren unter dasnuf.de zu Themen wie Mutter-Sein, Familie, Gesellschaft und Technik und ist damit bekannt geworden. Das liegt nicht zuletzt an ihrem unvergleichlichen Ton, der süffisant und spitz, oft sehr lustig, aber dabei im Kern immer warm­herzig ist. Im August 2015 ist ihr Buch Sehr gerne, Mama, Du Arschbombe erschienen. Bild: © Christine Fiedler



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