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Ist der Mathe-Unterricht an Gymnasien zu schlecht? – Ein Brief sorgt für Aufregung

Studienanfänger könnten nicht einmal bruchrechnen, heißt es in einem Brandbrief von Professoren und Lehrkräften. Dieser löste eine öffentliche Debatte über die Qualität des Matheunterrichts an Schulen aus.

Große Aufregung um den Mathe-Unterricht – was war los?

130 Professorinnen bzw. – professoren und Mathe-Lehrkräfte haben ihn unterschrieben – den offenen Brief vom 17. März 2017. Adressiert ist er u. a. an die Kultusministerkonferenz (KMK), das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie an das Institut zur Qualitätsentwicklung. In diesem Brandbrief bemängeln die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner die Qualität des Mathematikunterrichts an deutschen Gymnasien. Sie sprechen von einer „Krise der Mathematikausbildung an den Schulen“.

Hintergrund zum Anlass des Briefes

Die Verfasserinnen und Verfasser nennen das Mathe-Abitur in Hamburg und Niedersachsen als Anlass ihres Briefes. In Hamburg hatten Zwölftklässlerinnen und -klässler in der Probeklausur für das Zentralabitur in Mathe 2017 so schlecht abgeschnitten, dass Schulsenator Ties Rabe anordnete, die Zensuren um eine ganze Note anzuheben. Auch beim Zentralabitur im Fach Mathematik im Jahr 2016 in Niedersachsen wurde der Bewertungsmaßstab nachträglich geändert und die Noten angehoben.


Was kritisieren die Unterzeichner?

„Den Studienanfängern fehlen Mathematikkenntnisse aus dem Mittelstufenstoff, sogar schon Bruchrechnung (!), Potenz- und Wurzelrechnung, binomische Formeln, Logarithmen, Termumformungen, Elementargeometrie und Trigonometrie“, heißt es in dem Schreiben, das der Tagesspiegel veröffentlichte. Das mathematische Vorwissen der Studierenden reiche nicht mehr für ein Studium im WiMINT-Bereich (Wirtschaft, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik); die fehlenden Kenntnisse könnten kaum an der Universität aufgeholt werden, beklagen die Verfasserinnen und Verfasser. Als Ursache für die Defizite nennen sie ausgedünnte Lehrpläne bzw. die bundesweit geltenden Bildungsstandards: Der Stoff werde nur noch „oberflächlich vermittelt“ sowie „häppchenweise ‚angeboten‘ und nicht ausreichend vernetzt“.

Hintergrund zu den Bildungsstandards

Nach dem Pisa-Schock 2001 wurden in Deutschland bundesweit einheitliche Bildungsstandards für Kern- und Fremdsprachenfächer eingeführt. Sie schreiben fest, welche Kompetenzen Lernende bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erworben haben müssen. Gleichzeitig sollte der Unterricht so angepasst werden, dass die Schülerinnen und Schüler ihr Wissen nicht nur wiedergeben, sondern auch anwenden können. Ziel der Einführung war u. a., die Schulabschlüsse bundesweit vergleichbar zu machen. 2004 wurde das „Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen“ (IQB) gegründet. Es ist für die Kontrolle und Weiterentwicklung der Bildungsstandards verantwortlich und wird ebenfalls als Adressat im Brandbrief genannt.


Was fordern die Unterzeichner?

Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner sind der Meinung, dass deutsche Schulen wieder „zu einer an fachlichen Inhalten orientierten Mathematikausbildung“ zurückkehren müssen. Sie fordern, dass das Üben sowie das Wiederholen von Mittelstufenstoff an Schulen stattfindet und wichtige mathematische Grundlagen (z. B. Bruch- und Wurzelgleichungen) wieder in den Lehrplan aufgenommen werden. Außerdem sprechen sie sich für eine Beschränkung des Einsatzes von Taschenrechnern sowie für Abitur-Aufgaben „mit inhaltlich-fachlicher Ausrichtung“ anstelle von Modellierungsaufgaben aus.

Die Stellungnahme der Fachdidaktiker

Nach der Veröffentlichung des Briefes widersprechen 50 Mathematikprofessoren bzw. -professorinnen in einer Stellungnahme: Auch sie „sehen die angesprochenen Probleme […], weisen die Ursachenanalyse in diesem Brief jedoch als erkennbar falsch zurück“. Machen die Brief-Autoren und -autorinnen die Bildungsstandards für die Mathedefizite verantwortlich, so argumentieren die Fachdidaktikerinnen und -didaktiker, dass nach ihrer Einführung „erfreuliche Verbesserungen der Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich“ zu erkennen seien. Schließlich seien die Bildungsstandards eine Reaktion auf die schon seit den „1990er Jahren“ bekannten und durch internationalen Studien belegten Defiziten gewesen. Somit könnten sie nicht die Ursache des Problems sein. Denn sie schreiben die „grundlegende[n] Kenntnisse mathematischer Inhalte und den kompetenten Umgang mit diesen Inhalten verbindlich“ fest, so die Mathematikprofessoren und -professorinnen.

Und was fordern die Fachdidaktiker?

„Statt einseitige und empirisch nicht haltbare Schuldzuweisungen an den bestehenden Mathematikunterricht auszusprechen und damit die Arbeit der Lehrkräfte […] in Zweifel zu ziehen“, fordern die Fachdidaktikerinnen und -didaktiker einen „konstruktiven und wissenschaftlich fundierten Umgang“. So werfen sie Fragen auf, die es für die Ursachenforschung bzw. die Problembehandlung zu beantworten gilt: Sie wollen wissen, welche Auswirkungen die gestiegene Abiturienten- bzw. Abiturientinnenquote bei gleichzeitigem Rückgang einer Differenzierung in Grund- und Leistungskurs hat. Außerdem fragen sie, wie ein Mathematikunterricht aussehen könne, „der eine mathematische Allgemeinbildung gewährleistet bei gleichzeitiger Sicherung einer Studierfähigkeit für mathematiknahe Berufe“ und wie eine „Lehrkräftefortbildung zur Unterstützung der Reformbemühungen möglichst zügig umgesetzt werden“ könne.

Auch KMK-Präsidentin Susanne Eisenmann sei von dem Brandbrief überrascht gewesen, äußerte sie sich gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Sie habe großes Vertrauen in die Mathematik-Experten, die beispielsweise gemeinsam mit dem Forschungsinstitut IQB die Abitur-Aufgaben erarbeiten. Sie könne „die hochpessimistische Einschätzung, die in dem Brandbrief mitschwingt, nur bedingt“ nachvollziehen.

Welche Maßnahmen nun auch bildungspolitisch ergriffen werden, bleibt abzuwarten. Dass viele einen dringenden Handlungsbedarf sehen, zeigt, dass jüngst weitere Mathematikerinnen und Mathematiker den Brandbrief unterschrieben hätten, wie die Initiatoren laut Tagesspiegel berichteten.



Titelbild: © michaeljung/shutterstock.com

 
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