„Kinder, lasst uns scheitern!“ – eine Ode ans Unperfektsein

Im Scheitern etwas Schönes zu sehen – ist das nur was für Menschen mit sonderbarer Veranlagung? Nein, finde ich. Und scheitere ganz vorbildlich, immer wieder.

„Diesmal denken wir an die richtigen Schuhe!“, sage ich zur Jüngsten, als wir unsere Siebensachen für die Reitstunde zusammenpacken. Es ist erst unser zweites Mal. Vergangene Woche hatte ich als fast perfekte Mutter zwar an den Helm gedacht und daran, dass die vor Vorfreude fast platzende Nachwuchsreiterin statt eines Kleides eine Hose trägt, aber vergessen, dass Sandalen kein geeignetes Schuhwerk für Ausritte sind. Ein Scheitern im Perfektsein – wenn man so will.

Schöner scheitern

Das war aber nicht schlimm: Die Reitlehrerin hatte in irgendeiner Kammer noch Stiefel gefunden, die die Jüngste für die erste Stunde ausleihen konnte. Die waren zwar etwas groß, aber das mit dem Reiten klappte trotzdem.

Und nun der nächste Versuch: heute mit Turnschuhen, Trinkflasche und ordnungsgemäßer Hose. Und pünktlich sind wir auch noch. Ich gebe mir innerlich schon ein High Five – da macht mich Jüngste darauf aufmerksam, dass wir den Helm vergessen haben. Ups, das mit dem Perfektionismus ist gar nicht so einfach! Ich werfe einen Blick auf die Uhr und stelle fest, dass die Zeit noch reicht, um den Helm zu holen. Die Kinder müssen eh erst noch die Pferde striegeln und satteln.

Scheitern ist eine Frage der Definition

Als ich mit Helm auf dem Reiterhof wiedereintreffe, stellt mein Kind schon fröhlich die Steigbügel ein. „Hier, dein Helm!“, rufe ich ihr zu. Na bitte, geht doch! Ich bin ganz sicher, dass wir kommende Woche beide an den Helm denken werden, so wie wir heute beide an feste Schuhe fürs Reiten gedacht hatten. Aus Fehlern lernt man schließlich.

Irgendwie ist es auch gut, wenn etwas nicht auf Anhieb klappt – das wäre ja auch langweilig. Sich als Eltern von Fehlern nicht in die Verzweiflung stürzen zu lassen und einfach zu gucken, wie man die Situation noch retten kann, ist eine wichtige Lehre für Kinder. Denn auch das Scheitern und der Umgang damit will gelernt sein. Und sowieso ist es völlig in Ordnung, wenn etwas nicht hinhaut und sich das einzugestehen, ohne einen Weltuntergang heraufzubeschwören. Zum Beispiel wenn das mit der Schulübernachtung doch nicht klappt, weil das vorher noch so aufgekratzte Kind um kurz nach Mitternacht ganz doll Angst bekommt und lieber nach Hause möchte, als mit den Klassenkameraden auf Isomatten im Klassenzimmer zu schlafen.

Sich selbst verzeihen lernen

„Macht nix, du hast es wenigstens probiert!“, ist dann genau der richtige Satz. Den darf man sich übrigens auch selbst sagen, wenn man als Erwachsener mal wieder mit dem eigenen Scheitern konfrontiert ist. Gelegenheit dazu gibt es reichlich – aber nur wenn man sich auch traut, manchmal etwas zu tun, von dem man nicht sicher ist, ob es klappt. Ich mache das mittlerweile ziemlich oft und mit wachsender Freude.

Denn sogar im Scheitern ist oft noch Schönes zu erkennen. Und sei es nur, dass mein Kind erleichtert darüber ist, im eigenen Bett statt im Schulhaus schlafen zu können, und dass es dafür weder ausgelacht noch dumm angeschaut wird. „Es macht nichts, wenn etwas nicht klappt“, sage ich meinen Kindern. „Vielleicht ja beim nächsten Versuch.“ Und wenn nicht, dann ist es einfach nicht das Richtige in diesem Moment.

Bei der dritten Reitstunde werden wir dann auch noch an das Belohnungsleckerli fürs Pferd denken und einen Apfel von zu Hause mitbringen. Zumindest haben wir uns das vorgenommen. Es werden noch Wetten angenommen, ob wir das hinbekommen.

Weitere Artikel von Christine


Gastautorin Christine
Christine

Christine zieht drei Kinder (8, 10 und 16 Jahre alt) alleine groß. Sie lebt mit ihnen und zwei Katzen am Bodensee, wo sie Kinderbücher textet. Ihr Blog Mama arbeitet ist ihr viertes Kind. Bild: © Patrick Pfeiffer

Titelbild: © Mental Rocket Media/shutterstock.com