„Wie ein Mädchen!“ – Wie sieht genderneutrale Erziehung aus?

Wie löst man sich von Vorurteilen? Und wie schafft man es, den eigenen Kindern nicht aufzuzwingen, was „typisch“ Mädchen oder „typisch“ Junge bedeutet?

Das Thema „Gender“ hat viele Facetten und wird populär diskutiert. Denn längst überholt sind eingestaubte Geschlechterbilder, die uns sagen, wie wir uns zu verhalten haben, wie wir denken und fühlen sollen. Als fortschrittlich und tolerant denkende Menschen möchten wir uns nichts vorschreiben lassen und anderen nichts vorschreiben. Natürlich soll sich dieses Denken auch auf die Entwicklung unserer Kinder ausweiten. Wir möchten, dass unsere Töchter sich beim Klettern auf den Baum genauso wohlfühlen, wie unsere Söhne in ihrer Spielzeugküche. Gleichberechtigung bedeutet nicht nur, gegen die Unterdrückung und Ungleichbehandlung von Frauen und Mädchen zu arbeiten, sondern auch unsere Söhne nicht zu vernachlässigen. Stereotype finden sich nämlich auf allen Seiten.

Emotionen sind wichtig für jeden!

Jungen wird oft schon recht früh beigebracht, Emotionen wie Furcht oder Hilflosigkeit nicht zu zeigen – anders als bei Mädchen. Dabei gehören Emotionen jeglicher Art zum Menschsein dazu. Wir alle sollten uns verzweifelt fühlen oder um Hilfe bitten dürfen. Und genau dies auch unseren Kindern vermitteln.

Erlebte Freiheit

Die eigenen traditionellen Barrieren im Kopf sind die schlimmsten. Viele Eltern finden es z. B. befremdlich, wenn der Sohn Mamas Absatzschuhe anziehen oder Schminke ausprobieren möchte. Warum eigentlich? Es ist ein kindliches Spiel, sich zu verkleiden.

Sich empathisch zu zeigen, ist menschlich

Heutzutage kümmern sich immer noch gehäuft Frauen neben Job und Kindererziehung um kranke oder alte Familienmitglieder. Dies beruht immer noch auf der Annahme, dass Männer mehr arbeiten und keine Zeit haben. Außerdem wird die emotionale Fähigkeit, sich emphatisch zu zeigen und sich zu kümmern, immer noch dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben. Dabei sind dies menschliche Eigenschaften. Wir sollten sie Jungen und Mädchen also gleichermaßen beibringen.

Gemischtgeschlechtlicher Freundeskreis

Häufig werden Jungs und Mädchen schon früh nach Geschlecht getrennt. Die Jungs haben Freunde, die Mädchen ihre Freundinnen. Eltern sollten gemischtgeschlechtliche Freundschaften unterstützen. Schöner Nebeneffekt: Laut einer Studie sind Kinder, die gemischtgeschlechtliche Freundschaften pflegen besser darin, Probleme zu lösen.

Was die Eltern vorgeben, ist entscheidend

Männer und Frauen, die ihren Kindern vorleben, wie man und frau sich richtig verhält, sind essenziell. Jungs reagieren scheinbar stärker auf Vorbilder, als Mädchen dies tun. Daher ist es wichtig, im Alltag Gleichberechtigung vorzuleben: Das Fahrrad zu reparieren, ist nicht nur Männer-, der Haushalt nicht nur Frauensache.

Die Grenzen im Kopf aufbrechen

Genderneutral zu erziehen, bedeutet zunächst, sich zu fragen, was genderneutral leben heißt. So sollten wir uns fragen, was männlich oder weiblich für uns bedeutet: Ist eine emanzipierte Frau eine starke Frau, die sich wie ein Mann verhält? Oder darf sie auch weinen? Und wie ist der emanzipierte Mann? Darf er Karriere machen? Darf er, wenn er es möchte, einer Frau die Tür aufhalten? Sind Frauen unemanzipiert, wenn sie sich von einem Mann helfen lassen? Diese Fragen sind nicht neu und werden immer wieder diskutiert. Daran merkt man, dass es einige Unsicherheiten gibt, die Männer sowie Frauen und damit auch Väter und Mütter verwirren. Solange jedoch ein Ausdruck wie „Der ist ja ein richtiges Mädchen, so viel wie er weint!“ leicht über die Lippen kommt oder Eltern ein befremdliches Gefühl empfinden, wenn sich die Tochter nicht gern in Kleidchen präsentiert, ist nicht viel gewonnen. Dieses Verhalten sagt am meisten etwas über die Urheber bzw. Urheberinnen dieser Sätze und Gedanken aus. Bei sich selbst anzufangen, ist also der Schlüssel für genderneutrale Erziehung.

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