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Unterricht für Inselschüler – per Videokonferenz

Wenn die Schüler der ostfriesischen Inseln ihr Abitur machen wollen, müssen sie nach der zehnten Klasse auf dem Festland lernen. Um sie darauf vorzubereiten, können sie vorher an Kursen des niedersächsischen Internatsgymnasium in Esens (kurz: NIGE) teilnehmen – virtuell.

Videokonferenz

Lernen aus Distanz – per Videokonferenz. Das ist die Lösung für die Inselschüler. Das NIGE hat es möglich gemacht, die Schüler der ostfriesischen Inseln per Videokonferenz in ihren Unterricht zu holen – und zwar in Echtzeit. Mit Kamera, Mikrofon und Bildschirm sitzen die Kinder in ihren Klassenzimmern auf den ostfriesischen Inseln, nehmen aber am Unterricht in Esens teil. Dadurch können sie nicht nur ihre zukünftigen Lehrer der Oberstufe kennenlernen, sondern auch an Kursen teilnehmen, die wegen Lehrermangel oder einer zu geringen Schülerzahl nicht auf jeder Insel angeboten werden. So wird z. B. nur an der Schule in Wangerooge Portugiesisch als Fremdsprache angeboten. Jetzt haben alle Inselkinder die Möglichkeit, verschiedene Sprachen zu lernen oder sich für ein anderes Wahlfach zu entscheiden.

Kein Aus für Inselschulen

Das System wird ergänzend zum bestehenden Schul- und Lernangebot eingesetzt. Ziel ist es also nicht, den Unterricht an den Inselschulen durch Videokonferenzen zu ersetzen. Im Gegenteil: Die Inselschulen sollen erhalten bleiben, damit die Schüler möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung und bei ihren Familien leben können, bevor sie für ihr Abitur auf die gymnasiale Oberstufe in Esens wechseln müssen. Auf der Insel ist immer eine Lehrkraft vor Ort, damit die Schüler sich nicht selbst überlassen sind. Der Lehrer oder die Lehrerin teilt Arbeitsblätter aus und ist dazu da, Fragen direkt zu beantworten. Einige Kurse finden auch nachmittags statt. Da sitzt dann im NIGE eine Lehrerin in einem leeren Klassenraum und bietet eine gymnasiale Förderung für die Schüler der Inseln an.

Einfache Handhabung

Das Videokonferenzsystem, gesponsert von N21 und der Firma Polycom, ist schnell installiert und einfach zu verwenden. Die Klassenräume des Internatsgymnasiums und die der Inselschulen wurden mit den Monitoren, Kameras und Mikrofonen ausgestattet. Sowohl der Monitor als auch die darüber montierte Kamera und die Lautsprecher sind beweglich. Die Kamera kann über die Fernbedienung in verschiedene Richtungen bewegt werden und auch zoomen ist möglich, um z. B. einzelne Schüler oder die Tafel zu zeigen. An unterschiedlichen Stellen des Raumes kann das hochempfindliche Mikrofon aufgestellt werden, damit alle Personen gut zu hören sind und ein Gespräch zwischen beiden Parteien so möglich ist, als würden alle in einem Raum sitzen. „Am Anfang gibt es erstmal Berührungsängste und selbst die Lehrer sind etwas aufgeregt, wenn sie die Videokonferenz starten”, erklärt uns Barbara Glittenberg, Lehrerin am NIGE und pädagogische Leiterin des Projekts. Es ist für alle noch neu und wird nach und nach im Unterricht etabliert. Doch wenn die ersten Sätze ausgetauscht sind und man merkt, dass alles reibungslos verläuft, schwindet die Angst schnell – Motivation und eine große Bereitschaft für diese spezielle Unterrichtsform machen sich breit.

Verschiedene Einsatzmöglichkeiten


Elternabend per Videokonferenz

© Barbara Glittenberg

Das Projekt startete im November 2012 und wurde seitdem sehr vielseitig genutzt. Im Fach „Business-Englisch” wurde z. B. ein Recruiter aus London für eine Kooperation gewonnen und übte mit den Schülern Bewerbungsgespräche auf Englisch. Beide Seiten waren von der Zusammenarbeit fasziniert und hatten großen Spaß. Die Musical-AG kooperiert mit der Manhatten School of Music. Die Schüler werden per Videokonferenz gecoached, singen vor und bekommen Feedback dazu. Das System funktioniert also selbst über weite Entfernungen und mit Einsatz von Instrumenten und Co. perfekt. „Alle waren positiv überrascht”, berichtet uns Frau Glittenberg, die die Idee zum virtuellen Unterricht von ihrer Partnerschule in Amerika hatte. Dort sind Videokonferenzsysteme an vielen Schulen und Unternehmen schon seit rund 20 Jahren gang und gebe. Auch Eltern profitieren von dem System. Elternabende finden per Videokonferenz statt und die Eltern von den Inseln können virtuell im Internatsgymnasium an den Terminen teilnehmen.

Projekt für die Zukunft

Das Videokonferenzsystem bietet also viele Möglichkeiten. In erster Linie dient es den Inselschülern, die so weitere Lehrangebote wahrnehmen können und zusätzlich zum herkömmlichen Unterricht gefördert werden. Es ist aber auch eine Bereicherung für alle anderen Schüler. Sie können internationale Kontakte knüpfen, Fremdsprachen mit Muttersprachlern lernen und ihre interkulturelle Kompetenz steigern, indem sie via Bildschirm mit anderen in Kontakt treten und sie in Projekte einbeziehen. Das Konzept soll noch weiter ausgebaut werden und auch in Zukunft viele Möglichkeiten für Schüler, aber auch für Lehrer und Eltern bieten.

Titelbild: NIGE © Barbara Glittenberg

 
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