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Esken: „In unserer Zeit kann es nicht nur darum gehen, Wissen in Köpfe zu füllen“

Saskia Esken ist Bundestagsabgeordnete der SPD. Als Berichterstatterin ihrer Fraktion für digitale Bildung beobachtet sie die Entwicklung des digitalen Lernens mit wachen Augen. Was sie sich für die Zukunft wünscht, erzählt sie im Interview mit sofatutor.

Frau Esken, Sie beschäftigen sich tagtäglich mit digitalen Lerntrends. Wie definieren Sie Lernen?

Saskia Esken: „Insgesamt ist das Lernen ein Prozess, gegen den wir uns nicht wehren können. Wir lernen jeden Tag. Lernen bedeutet, Informationen in Beziehung zueinanderzusetzen. Dabei spielen oft Emotionen eine zentrale Rolle. Sie bestimmen, wie die Informationen abgespeichert werden.

In unserer Zeit kann es nicht nur darum gehen, Wissen in Köpfe zu füllen. Es muss darum gehen, Lust auf das Lernen zu machen und Kompetenzen für die weitere Verwendung der Information zu erwerben. So wird man für ein lebenslanges Lernen gerüstet. Dann ist man in der Lage, sich Informationen zu beschaffen, sie einzuordnen und zu bewerten. Man kann beurteilen, ob die Information, die man sich aus dem Internet besorgt hat, eine Nachricht oder eine Verschwörungstheorie ist.“

Und welche Rolle spielt die Digitalisierung in diesem Lernprozess?

Saskia Esken: „Ich finde, wir müssen uns immer die Frage stellen, was die Bildung für die Digitalisierung tun muss. Die Digitalisierung der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Arbeitswelt geschieht gerade. Dafür benötigen wir verschiedene Kompetenzen: Die Medienkompetenz, die Informationskompetenz sowie die technische Kompetenz. Die Teilhabe an der modernen Gesellschaft wird durch solche Kompetenzen ermöglicht. Die digitale Bildung ermöglicht es, fit für den Arbeitsmarkt zu sein.

Andererseits stelle ich mir auch die Frage, was die Digitalisierung für die Bildung tun kann. Was kann die Digitalisierung verbessern, wenn wir weg von der reinen Vermittlung von Wissen hin zum Erwerb von Kompetenzen kommen wollen? Dabei geht es um die Qualität der digitalen Bildung, um einen nachhaltigen, individuellen Ansatz der Bildung auch außerhalb der Schule. Hier können digital aufbereitete Lerninhalte einiges leisten!“

Glauben Sie, dass durch digitale Lehrmaterialien individueller gelernt werden kann?

Saskia Esken: „Die eine Hälfte der Miete ist es, individuell angepasstes Material leicht erstellen zu können. Schülerinnen und Schüler haben unterschiedliche Ansprüche, vor allen Dingen, wenn wir uns mit dem Thema der Inklusion beschäftigen. Barrierefreie Lernmaterialen sollten so angeboten werden, dass der gemeinsame Unterricht erleichtert wird. Die andere Hälfte ist es, die Schülerinnen und Schüler wesentlich stärker einzubeziehen. Sie müssen den Umgang mit digitalen Medien und mobilen Endgeräten lernen. Dadurch entsteht automatisch ein eigener Zugang zum Lernen.“

Können digitale Medien unsere Lehrerinnen und Lehrer entlasten? Immerhin müssten sie sich viel mehr fortbilden, um diese Medien anwenden zu können.

Saskia Esken: „Ich finde, dass es dringend notwendig wäre, dass didaktische Inhalte zu Pflichtinhalten der Lehrerausbildung werden. Das ist auch bei der Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern wichtig. Dafür muss man sich an Schulen zusammensetzen und gemeinsame Medienbildungskonzepte entwickeln. Im Idealfall werden dazu Schülerinnen und Schüler und deren Eltern einbezogen. Anhand dieser Konzepte kann man die passenden Fortbildungen an die Schulen holen.“

Passiert das zurzeit noch nicht?

Saskia Esken: „Bisher ist es so, dass man einzelne Lehrerinnen und Lehrer auf Fortbildungen schickt und dann diese komische Idee entwickelt, sie würden die erworbenen Kompetenzen an ihre Kollegen weiterreichen. Nur weil man einen Kurs erfolgreich besucht hat, ist man noch lange kein Multiplikator. Durch die oben erwähnten Medienbildungskonzepte kann man sich die passgenauen Fortbildungen raussuchen, die man benötigt. Man kann mit anderen Akteuren der außerschulischen Bildung und der lokalen Wirtschaft zusammenarbeiten.“

Lehrerinnen und Lehrer beklagen, dass sie durch den Einsatz digitaler Medien die Kontrolle über ihre Schüler und den Unterricht verlieren könnten. Welche Unterstützung können Sie den Lehrerinnen und Lehrern anbieten?

Saskia Esken: „Zum einen gibt es technische Lösungen, die aber nicht die Bundesregierung anbieten kann. Da muss eine entsprechende Systemarchitektur für Schulen gebaut werden, die die Länder entwickeln müssen. Dabei geht es aber nicht nur um das Surfverhalten der Schülerinnen und Schüler, sondern auch um den Datenschutz. Ich glaube, wir werden sehr schnell eine Menge Anwendungen haben, die mit Schülerdaten umgehen. Wenn wir vorher gesagt haben, dass es gut wäre, individuelle Lernmaterialien zur Verfügung zu stellen, muss man natürlich das Lernverhalten analysieren.

Aber viel mehr muss ein pädagogischer Ansatz angewendet werden. Man muss mit seinen Schülern verabreden, was okay ist und was nicht. Die Regeln im Klassenzimmer müssen weitergedacht werden.“

Saskia Esken

©Saskia Esken

Sie sagen, dass Lehrerinnen und Lehrer, die sich mit digitalen Medien auseinandersetzen, aktuell noch Einzelkämpfer seien. Sie müssen sich stärker austauschen. Ein Beispiel ist der #EdChatDE. Welche Form des Austauschs wünschen Sie sich noch?

Saskia Esken: „#EdChatDE ist eine Form des bundesweiten Austauschs. Daneben gibt es noch EduCamps, die sich teilweise regional organisieren. So kann man sich direkt von Angesicht zu Angesicht austauschen und eine Kooperation anstoßen.

Ich habe beispielsweise vor kurzem eine Besuchergruppe meines Wahlkreises in Berlin empfangen, die sich aus Lehrkräften sowie Mitarbeiterinnnen und Mitarbeitern der Landes- und Kreismedienzentren zusammensetzte. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich dann über ihre Projekte ausgetauscht. Über den gemeinsamen Besuch hinaus sind die Lehrerinnen und Lehrer sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jetzt in einer gemeinsamen Facebookgruppe vernetzt und treffen sich sicherlich erneut zum Austausch auf regionaler Ebene. Ich finde, die Lehrerinnen und Lehrer müssen sich viel stärker in lokalen Netzwerken organisieren.“

Bildung ist ein Länderthema. Was ist Ihre Strategie, um die Vision der digitalen Bildung bundesweit umzusetzen?

Saskia Esken: „Die Strategie ist das Bauen von Brücken. Der Bund kann in der Frage der digitalen Bildung nur moderierend tätig sein und Impulse geben. Diese Rolle übernehme ich aber sehr gerne! Wir wollen, dass die beteiligten Akteure miteinander und nicht nur übereinander reden. Deswegen ist es die Ansage der Digitalen Agenda der Bundesregierung für den Bereich digitale Bildung, eine gemeinsame Strategie mit den Akteuren des Bildungswesens auf allen Ebenen zu entwickeln. Das klingt jetzt erst einmal nach nicht viel, ist aber eine große Aufgabe.“

Bis 2018 möchte Obama mit seinem Future Ready Pledge 99 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Amerika das digitale Lernen ermöglichen. Wie richtungsweisend ist diese Initiative und käme ein ähnliches Konzept auch für Deutschland infrage?

Saskia Esken: „99-Prozent-Ziele finde ich großartig. (lacht.) Gut, die Player mit denen Obama sich zusammengetan hat, machen sicherlich Vieles möglich. Wir haben diese auch vor Ort. Bei uns herrscht jedoch eine große Skepsis gegenüber der Zusammenarbeit mit Wirtschaftsunternehmen. Die Unternehmen geraten schnell in den Verdacht, sie wollten die digitale Bildung nur, um ihre Geräte zu verkaufen. Klar, gibt es da ein Interesse! Ich unterstelle aber niemanden, der diese Strategien unterstützt, dass es die einzige Zielsetzung sei. Es herrscht eine große Übereinstimmung, was die Inhalte und die gesellschaftlichen Ziele anbelangt. Man würde wichtige Chancen vergeben, nicht mit den Unternehmen zusammenzuarbeiten. Am Ende kommen die Geräte ohnehin zum Einsatz.
Mit dem „Pakt für Bildung“ verfolgen wir in unserem Antrag (Drucksache 18/4422) einen ähnlichen Ansatz. Es gab auch bereits ähnliche Parolen wie dieses 99-Prozent-Ziel. Bei uns hieß es, jedes Kind solle ein Tablet bekommen. Ich bin da ziemlich skeptisch. Allein aus Verfassunggründen könnte der Bund nicht jedem Schüler und jeder Schülerin ein Tablet kaufen. Aber ohne ordentliche Medienbildungskonzepte nutzen diese Tablets auch nichts und sind in drei bis vier Jahren technisch überholt.“

Sie beschäftigen sich auch mit dem Flipped-Classroom-Konzept als Unterrichtsmethode. Was halten Sie vom umgedrehten Unterricht?

Saskia Esken: „Ich finde das Konzept ganz großartig! Die Idee, die Inputphase aus dem Unterricht herauszuziehen, ermöglicht den Schülern, zeit- und ortsunabhängig zu lernen, auch mal zu unterbrechen oder zu wiederholen. Die Interaktion mit den Schülerinnen und Schülern während des Unterrichts, wenn der inhaltliche Impuls bereits vorab gesetzt wurde, finde ich superinteressant. Ich habe es selbst noch nicht an Schulen im Einsatz gesehen. Eine Besuchergruppe hat mir berichtet, dass sie an der Gemeinschaftsschule in Neubulach in Baden-Württemberg Lernvideos von sofatutor einsetzen. Das finde ich sehr gut.“

Vielen Dank für das spannende Interview!





Titelbild: ©Florian Jaenicke

 
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Ein Kommentar

  1. 29. Jun 2015, at 22:17 von Lehrer

    “Ich finde, die Lehrerinnen und Lehrer müssen sich viel stärker in lokalen Netzwerken organisieren”. Und ICH finde, Politiker müssen sich viel stärker mit dem richtige Leben in den Schulen beschäftigen.
    Vernetzung läuft nicht nur über Facebook, Lehrer tauschen sich tatsächlich sogar live aus. Das vermeintlich so neue Konzept des Flipped Classroom (das beim Sofatutor natürlich lobend erwähnt werden darf) praktiziert man sogar schon seit Jahren mit Hilfe analoger Medien wie z.B. des Lehrbuchs. Das nannte man dann je nach Fachleiter / Didaktikansatz eine vorbereitende / hinführende Hausaufgabe. Und man trainierte gleichzeitig die Lesekompetenz.