Mutlu: „Durch Digitale Bildung Bildungsungerechtigkeit überwinden“

Özcan Mutlu sieht in der digitalen Bildung eine Chance für Bildungsgerechtigkeit und fordert Taten. Er ist Bundestagsmitglied und bildungspolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Ein Interview.

Welches Ereignis aus Ihrer Schulzeit prägt Sie noch heute?

Özcan Mutlu: „Ich war in der neunten Klasse, das ist jetzt einige Jahre her: Mein Mathematiklehrer Herr Hahne und mein Physiklehrer Herr Türk hatten einen Z-80 mit in die Schule gebracht, einen Vorläufer der heutigen Homecomputer, den sie privat besorgt hatten. Wir haben an diesen Geräten das Programmieren in Basic gelernt und haben damit kleine Elektrokräne gesteuert. Was daran für mich so besonders war: Es war im Jahr 1983 und ich war auf einer Kreuzberger Hauptschule! Deshalb wurde ich vielleicht später Diplom-Ingenieur der Nachrichtentechnik. Diesen beiden wunderbaren Lehrern verdanke ich sehr viel, sie waren ihrer Zeit voraus.“

Wie verändern Ihrer Meinung nach Medien das Lernen? Welche Chancen und Herausforderungen für Lernende sehen Sie in diesem Zusammenhang?

Özcan Mutlu: „Das Lernen kann durch mediale Lernkonzepte, wie z. B. den Flipped Classroom oder die Digitale Schulbank ganz neu konstituiert werden. Wichtig ist jedoch, dass die Medien nicht nur um ihrer selbst willen genutzt werden. Hier ist es unbedingt notwendig, mediendidaktische Leitaspekte, besonders bei der Aus- und Weiterbildung der Lehrkörper, zu vermitteln. Die Lernenden können mithilfe der Medien ihr eigenes Lerntempo und ihren bevorzugten Zugang zu dem Lernstoff wählen, was den Unterricht für unterschiedliche Leistungsniveaus noch weiter vereinfachen wird. So kann auch die letzte Kritik in Bezug auf Gemeinschaftsschulen ausgeräumt werden. Eine besondere Chance sehe ich auch in der aktuellen Integration von Geflüchteten mithilfe von digitalen Lerntools und Lerntutorials. Das kann aber nur der erste Schritt der Hilfe in der Flüchtlingspolitik sein.“

Welche Herausforderungen zieht das Lehren und Lernen mit den digitalen Medien nach sich?

Özcan Mutlu: „Die Herausforderungen für die Schülerinnen und Schüler werden sein, dass sie sich immer marginaler mit sozialen Kompetenzen beschäftigen müssen, die eben trotzdem und unbedingt Teil des klassischen Unterrichts sein müssen. Besonders die Vielfalt der Informationen und die unterschiedlichen Quellen, die durch die digitalen Medien offenbar sind, verwirren die Schülerschaft häufig. Deshalb sollte auch das Vermitteln einer soliden Medienkompetenz Teil des Unterrichts sein.“

Was meinen Sie, wenn Sie von „solider Medienkompetenz“ sprechen?

Özcan Mutlu: „Unter solider Medienkompetenz verstehe ich die Teilhabe durch digitale Medien und die damit verbundene aktive Kommunikation in und mit der Gesellschaft. In diesem Zusammenhang müssen schon Schülerinnen und Schüler lernen, mit den angebotenen Informationen, der medialen Vielfalt und den Quellen reflexiv-kritisch und eigenständig umzugehen. Weil dieses Einbringen für alle Jugendlichen, unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund, von Nutzen sein soll, ist es unerlässlich, Medienkompetenz in der Schule als Schlüsselkompetenz fächerübergreifend zu etablieren. Medienkompetenz bedeutet, sich mit unterschiedlichen medienrelevanten Aspekten, u. a. technisches Wissen, ethischer Umgang im Netz, z. B. Cybermobbing, und Datenschutz bzw. Privatsphäre zu beschäftigen. Nur mithilfe dieser komplexen Kenntnisvielfalt ist es möglich, individuell die geeignetsten Kommunikationskanäle auszuwählen, um so als Souverän an der digitalen Welt partizipieren zu können.“

Sehen Sie in digitaler Bildung eine Chance für Bildungsgerechtigkeit?

Özcan Mutlu: „Leider kann bisher nicht davon gesprochen werden, dass durch die vielversprechenden Möglichkeiten, die die digitale Bildung eigentlich bietet, die Chancenungerechtigkeit relativiert wurde. Die Schülerinnen und Schüler aus benachteiligten Familien, was die Veröffentlichung der ICILS Ergebnisse im November 2014 erneut gezeigt hat, sind schon wieder die Verliererinnen und Verlierer des Bildungssystems. Hier liegt es an uns allen, die Chancengerechtigkeit für jeden Schüler und jede Schülerin unabhängig von seinem bzw. ihrem Elternhaus zu gewährleisten. Eigentlich könnte die digitale Bildungsrevolution dazu führen, was sich schon an der breiten Inanspruchnahme der Nachhilfevideos erkennen lässt, dass immer mehr Menschen Zugang zu Bildungsangeboten erhalten. Ich denke hier auch an Ihr Portal sofatutor.“

Wie kann die Chancengerechtigkeit durch digitale Bildung in der Praxis aussehen?

Özcan Mutlu: „Da wären z. B. die beiden Professoren Thurn und Norvig der Elite Universität Standford: Sie ermöglichten tausenden Menschen im Jahr 2011, neben den regulären Vorlesungen im Hörsaal, einen Kurs – Massive Open Online Course – über Künstliche Intelligenz zu belegen. Darüber hinaus konnten die Online-User ebenfalls eine Prüfung zu dem Stoff ablegen. Die beste Teilnehmerin, inklusive der Standford University Studierenden, Niazi kam aus Pakistan und war elf Jahre alt. Dieses unglaubliche Beispiel zeigt, dass digitale Bildung alle Hindernisse, die zu Bildungsungerechtigkeiten führen, überwinden kann. Es ist endlich an der Zeit, dass das deutsche Bildungssystem sich diese Möglichkeiten aneignet, um den Bildungserfolg für alle zu ermöglichen.“

Warum werden die existierenden Konzepte nicht bzw. kaum umgesetzt?

Özcan Mutlu: „Sie scheitern an der digitalen Infrastruktur und der unzureichenden Lehrerausbildung in Bezug auf digitale Bildung.“

Schon lange plädieren Sie für die Abschaffung des Kooperationsverbots zwischen Bund und Ländern. Was erhoffen Sie durch eine Abschaffung?

Özcan Mutlu: „Das Kooperationsverbot verhindert z. B. die gleiche Ausstattung in den öffentlichen Schulen im Bund. Die Realität ist, dass die einzelnen Länder unterschiedliche Haushalte haben, so können sie nicht gleichwertige Lehrmöglichkeiten anbieten, das gilt umso mehr für digitale Bildung, weil hier die finanziellen Investitionen fundamental sind. Deshalb fordern wir Grüne schon seit langem die Aufhebung des Kooperationsverbots, um so die strukturell gemachte Chancenungerechtigkeit einzudämmen. Es kann nicht sein, dass die Bildungschancen von Kindern davon abhängen, ob sie in Bayern oder Bremen zur Welt kommen.“

Was glauben Sie, wie sieht die Schule von morgen aus?

Özcan Mutlu: „Die Schule von morgen wird eine Schule für alle sein. Schülerinnen und Schüler werden optimal, individuell durch die Möglichkeiten der digitalen Bildung gefördert werden können. Digitalisierte Lehr- und Lernkonzepte werden die Regel sein. Sogenannte New Classrooms werden uns helfen, den unterschiedlichen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden. Lehrerinnen und Lehrer werden immer eine grundlegende Funktion in der Schule einnehmen. Sie werden den Schülerinnen und Schülern als Beraterinnen bzw. Beratern und Moderatorinnen bzw. Moderatoren zur Seite stehen, um – mithilfe der digitalen Bildung – die Schülerinnen und Schüler auf ihrem Weg zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern zu begleiten. Klassenräume im klassischen Sinne wird es nicht mehr geben, Lernen und Lehren wird eine höchst-individuelle Angelegenheit – zeitlich wie räumlich.“

Vielen Dank für das Interview!





Titelbild: © Özcan Mutlu