Bogedan: „Digitale Bildung darf nicht vom Geldbeutel abhängen“

Dr. Claudia Bogedan, Senatorin für Kinder und Bildung in Bremen, will unsichere Lehrer unterstützen und Kindern die digitale Bildung ermöglichen.

Frau Dr. Bogedan, wie digital sind die Bremer Schulen?

Dr. Claudia Bogedan: „ Dass die Bremer Schulen sehr digital sind, hat uns jüngst hat uns jüngst die Deutsche Telekom Stiftung in ihrer Studie bescheinigt. Seit einiger Zeit stellen wir die Medien entsprechend um und statten die Schulen mit digitalen Räumen – das heißt, unter anderem mit WLAN – aus. Darüber hinaus haben wir einen Medienbildungsplan entwickelt. Er soll uns helfen, die Schule ins 21. Jahrhundert zu führen.“

Was enthält dieser Medienbildungsplan?

Dr. Claudia Bogedan: „Es geht vor allem darum, die Handlungsfelder zusammenzudenken. Wenn es um Medienbildung geht, wird häufig nur die technische Ausstattung oder der Umgang mit Medien bedacht. Vertreter meiner Behörde und ich sind der Überzeugung, dass es auch einer curricularen Verankerung der Medienbildung bedarf, sie also Teil des Lehrplans und im Unterricht genutzt wird.“

Der Medienplan ist also entwickelt. Wie wird es weitergehen?

Dr. Claudia Bogedan: „Es geht darum, die Ideen in die Schulen zu tragen und einen Mentalitätswandel herbeizuführen. Dafür muss z. B. im Hinblick auf Datenschutzregelungen noch viel geklärt werden. Gleichzeitig bedarf es einer Öffnung der Schulen im Umgang mit Hardware. Das Handyverbot an der Schule ist zu überdenken. Das Smartphone ist nicht nur ein Chatinstrument, sondern kann mit entsprechendem WLAN an der Schule, z. B. für Rechercheaufgaben, genutzt werden. Es kann sinnvoll sein, die Schülerinnen und Schüler zu ermuntern, Smartphones im Unterricht einzusetzen.“

Sie plädieren für ein Unterrichten nach dem „Bring your own device“-Prinzip. Wird dies bereits an den Bremer Schulen eingesetzt?

Dr. Claudia Bogedan: „Bring your own device wird bereits an zahlreichen Schulen in Bremen praktiziert. Außerdem gibt es eine ganze Reihe von Schulen, die die Medienplattform It’s Learning nutzen, um sich nicht nur innerhalb des Lehrerkollegiums zu vernetzen, sondern auch um sich mit Schülerinnen und Schülern auszutauschen.
Es gibt viele Lehrerinnen und Lehrer in Bremen, die dem Ganzen sehr aufgeschlossen gegenüberstehen. Zudem werden Lehrkräfte von Spezialisten des Landesinstituts für Bildung darin geschult, wie sie Medien im Unterricht besser einsetzen können.“

Wie werden Sie Lehrerinnen und Lehrer darüber hinaus im digitalen Bereich unterstützen?

Dr. Claudia Bogedan: „Viele Lehrerinnen und Lehrer sind unsicher, wenn es um die juristischen Rahmenbedingungen geht. Wir wollen für sie und für uns eine Rechtsklärung herbeiführen. Es muss die Frage geklärt werden, wie Programme, die nicht in unserem eigenen Besitz bzw. deren Server nicht in Deutschland stehen und schulsensible Daten speichern könnten, im Unterricht eingesetzt werden. Wir müssen Pädagoginnen und Pädagogen die Ängste nehmen, indem wir sie aufklären. Das heißt für uns, dass wir die politischen Rahmenbedingungen so gestalten, dass für Lehrerinnen und Lehrer Hürden abgebaut werden.“

Herr Mutlu sagte im Interview, dass digitale Medien Bildungsgerechtigkeit schaffen können. Sind Sie auch der Meinung?

Dr. Claudia Bogedan: „Grundsätzlich ja. Das Internet kann Prozesse der Demokratisierung und den Zugang zur Gerechtigkeit ermöglichen. Das haben gesellschaftliche Entwicklungen wie der arabische Frühling gezeigt.
Man muss aber sehr genau hinschauen. Der Zugang zum Internet ist nicht für alle Menschen gleichermaßen gestaltet. Auch der Zugang zu digitalen Produkten kostet Geld. Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Es gibt Eltern, die sich die neuesten Trends nicht leisten können. Hier muss die Schule ansetzen. Zugang zur digitalen Bildung darf nicht vom Geldbeutel abhängen. Eine Möglichkeit ist es, ganze Klassensätze für digitale Medien an Endgeräten zur Verfügung zu stellen. Insbesondere in Bremen, wo es viele Kinder aus Armutshaushalten gibt, müssen wir darauf achten, dass niemand ausgeschlossen wird.“

Auf der ZEIT-Konferenz Schule & Bildung werden Sie an einer Diskussion zur Fragestellung: „Welche Rolle spielen Schulen in der digitalen Gesellschaft?“ teilnehmen. Was ist Ihr Standpunkt?

Dr. Claudia Bogedan: „Heute müssen Kinder und Jugendliche in der Schule das Lernen lernen. Wir haben es in der Digitalisierung mit einem veränderten Lernprozess zu tun. Schon das Wort ‚Internet‘ markiert die Netzförmigkeit des dort zur Verfügung stehenden Wissens. Dieses unterscheidet sich immens von dem linearen Wissen der Buchgesellschaft. Wenn wir heute etwas wissen wollen, rufen wir Wikipedia auf. Schon beim ersten Halbsatz springen wir zum Nebenbegriff, weil dieser mit einem Link versehen ist. Dieses Verhalten muss beim Erarbeiten von Wissen berücksichtigt werden. Gleichzeitig haben wir es heute mit einer kürzeren Halbwertszeit von Wissen zu tun. Der Spruch ,Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr‘ gilt heute nicht mehr. Heute muss Hänschen darauf vorbereitet werden, dass Hans noch lernen muss.“

Was wünschen Sie sich für die Schule von morgen?

Dr. Claudia Bogedan: „Ich wünsche mir eine ganz bunte Schule und mehr Bildungsgerechtigkeit durch Digitalisierung. Es soll möglich sein, dass Schülerinnen und Schüler mit ihren ganz unterschiedlichen Fertig- und Fähigkeiten gefördert und Lehrkräfte durch den Softwareeinsatz im Unterricht entlastet werden.
Außerdem hoffe ich, dass die Schule von morgen transparent und interaktiv ist. In Bremen sind wir da schon sehr weit. Das Unterrichtsgeschehen ist längst nicht mehr lehrerzentriert, sondern findet in Kleingruppen statt. Ich wünsche mir, dass wir künftig diesen Weg weiterentwickeln. Denn die Herausforderung von morgen ist es, mit heterogenen Lerngruppen umzugehen und Schülerinnen und Schüler auf eine digitale Arbeitswelt vorzubereiten.“

Vielen Dank für das Interview!






Titelbild: © Claudia Bogedan