Lernen in anderen Ländern: China – zwischen Exzellenz und Armut

Während Schüler in den chinesischen Großstädten exzellente PISA-Ergebnisse einfahren, fehlt es in den ländlichen Regionen häufig am Nötigsten.

Bereits seit der großen Bildungsreform in den 1990er Jahren setzt die Regierung in Peking auf Bildung als Wirtschaftsmotor. Durch eine fast hunderprozentige Schulzugangsquote soll die Qualität des Humankapitals stark angehoben werden. Gut ausgebildete Schülerinnen und Schüler sind später ehrgeizige Arbeiterinnen und Arbeiter bzw. Führungskräfte – so die Erwartung. Der Druck auf die chinesischen Kinder ist im Bildungssystem sehr hoch. Schultage von neun Stunden und mehr sind keine Seltenheit. Leider zeigen sich neben den oft zitierten PISA-Erfolgen mittlerweile auch die Schattenseiten dieser Leistungsoffensive.

Wie sieht der Schulalltag in China aus?

Der Tag beginnt um 07:30 Uhr für alle Schülerinnen und Schüler mit eine Zeremonie in der Schule. Hierbei versammeln sich alle auf dem Schulhof und singen die chinesische Nationalhymne, während die Nationalflagge gehisst wird. Anschließend folgt ein kurzes Sportprogramm. An den meisten chinesischen Schulen sind Schuluniformen Pflicht. Sie haben die Form eines Jogging-Anzugs in Schulfarben mit aufgesticktem Emblem. Mittags gibt es eine anderthalbstündige Pause, in der die Schülerinnen und Schüler essen, schlafen oder sich bei sportlichen Aktivitäten erholen können. Die besten 10 Prozent des Jahrgangs erhalten in der Mittagspause vertiefenden Unterricht. Der Schultag endet offiziell um 16:30 Uhr. Danach schließen sich Förder- und Nachhilfestunden an. Im Förderunterricht werden gute Schülerinnen und Schüler auf Wettbewerbe vorbereitet. Viele Kinder verbringen ihre „freie Zeit“ noch bis in den späten Abend mit Hausaufgaben. Dieser Tagesablauf beginnt bereits mit dem Schuleintritt und zieht sich durch die gesamte Schullaufbahn.

Der reguläre Schulunterricht findet von Montag bis Freitag statt. Viele Schülerinnen und Schüler besuchen jedoch am Wochenende Nachhilfe- und Vorbereitungskurse oder bilden sich in Bereichen fort, die ihnen später von Nutzen sein sollen. So boomt z. B. der private Programmierunterricht. Darin sollen schon Grundschülerinnen und -schüler an die Informatik herangeführt werden. Chinesische Eltern erhoffen sich dadurch bessere Berufschancen für ihre Kinder.

Der Nationale Bildungsplan und Reformbestrebungen

Der „Nationale Bildungsplan 2010-20“ bildet die Grundlage für die gegenwärtigen Reformbestrebungen in den Bereichen Mittelschul-, Berufsschul- und Hochschulausbildung. Das gemeinsame Ziel der Reformen ist es, eine „lernende Gesellschaft“ aufzubauen, um so zum einen Bildung für alle zu ermöglichen und zum anderen mehr Kreativität und Selbstständigkeit bei der jüngeren Generation zu fördern. Dafür gibt die Volksrepublik China viel Geld aus: Nach Angaben aus dem Jahr 2010 wurden 3,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts (knapp 6 Billionen USD) in Bildung investiert. Damit soll bis 2020 die Zahl der eingeschriebenen jungen Menschen in Hochschulen von 15 auf 25 Prozent steigen. Dank der Investition erreicht China zwar sehr gute Resultate in internationalen Bildungsvergleichen. Es fehlt jedoch an ehrgeizigen Ideen, die China weg vom Billiglohn- hin zum Innovationsstandort bringen sollen.

Um die Kreativität bei jüngeren Kindern zu fördern, entwickelte das Erziehungsministerium zum Schulanfang 2013 Pläne, die Hausaufgaben und Prüfungen für die ersten drei Schuljahre abzuschaffen. Dagegen erhob sich paradoxerweise Widerstand bei den Eltern. Sie befürchteten, es käme dadurch zu einem Niveauabfall in der Leistung ihrer Kinder. Wettbewerb ist allgegenwärtig im chinesischen Bildungssystem. Nicht einmal Grundschülerinnen und Grundschüler können sich ihm entziehen.

Wie ist die Schule in der Volksrepublik China aufgebaut?

Die Schullaufbahn ist in China in den Kindergarten, die Grundschule, die Unterstufe der Mittelschule, die Oberstufe der Mittelschule und die Hochschule unterteilt. Der Kindergarten wird von den meisten Kindern vom dritten Lebensjahr an besucht. Kindergärten sind in der Volksrepublik China Ganztagsschulen, an denen Kinder nach einem Curriculum unterrichtet werden. So werden sie auf die Grundschule vorbereitet. Daher spielen Disziplin und Gehorsam eine große Rolle.

Seit 1986 gibt es in der Volksrepublik China eine neunjährige Schulpflicht, bestehend aus sechs Jahren Grundschule und drei Jahren Unterstufe der Mittelschule. Kinder werden mit sechs bzw. sieben Jahren eingeschult. Die sechsjährige Grundschule wird heute hauptsächlich in größeren Städten umgesetzt. In kleineren Städten und Dörfern besuchen viele Kinder nur fünf Jahre lang die Schule. Die öffentlichen Schulen sind während der neun Jahre kostenlos, nur Schulbücher müssen kostenpflichtig angeschafft werden. Da nur der erste Teil der Mittelschule zur Schulpflicht gehört, gibt es am Ende der Unterstufe eine Prüfung, mit der die Eignung für eine der drei Oberstufenformen festgelegt wird. Der Besuch der Oberstufe ist fakultativ, wird jedoch für den Zugang zur Hochschule vorausgesetzt. Die drei Formen der Oberstufe der Mittelschule sind der berufsbildende, der allgemeinbildende sowie der hochschulvorbereitende Zweig. Die Oberstufe der Mittelschule wird mit dem Gao Kao, dem Pendant zum Abitur, abgeschlossen. Das bedeutet, dass die Schülerinnen und Schüler am Ende der zwölften Klasse an drei Tagen zentrale Prüfungen ablegen. Die Höhe der erreichten Punkte im Gao Kao entscheidet über die Zulassung zur favorisierten Hochschule. Umso größer ist der Druck, der auf den Schülerinnen und Schülern lastet. Im Rahmen der chinesischen Ein-Kind-Politik entscheidet oft der schulische Erfolg eines einzigen Kindes über das soziale Ansehen der gesamten Familie.

China – das Land, in dem PISA-Träume wahr werden

Unvergessen unter deutschen Pädagoginnen und Pädagogen ist der PISA-Erfolg Shanghais im Jahre 2009. Als die Stadt das erste Mal an den Vergleichstests teilnahm, landete sie aus dem Stand auf dem ersten Platz. Die Shanghaier Schülerinnen und Schüler glänzten in allen drei Kategorien: Mathe, Leseverständnis und Naturwissenschaften. In der zweiten PISA-Studie im Jahr 2012 konnte Shanghai diesen Erfolg wiederholen.

Es gibt jedoch auch Bildungsexperten in China, die diesen Erfolg zwiegespalten sehen. In einem Beitrag des Deutschlandradio Kultur aus dem Jahr 2011 sagt Professor Dongping
vom Pekinger Institut für Technologie, dass diese Ergebnisse nicht für ganz China stünden. „Die Lehrer und die Ausstattung der Schulen sind gerade in Städten wie Shanghai sehr gut. […] Aber China hat in anderen Regionen […] gewaltige Probleme– vor allem in den ländlichen Gebieten. Dort sieht es völlig anders aus. Das kann man überhaupt nicht vergleichen.“

Lernen in ländlichen Regionen

Diese Unterschiede zeigen sich vor allen Dingen an den wichtigsten Grundpfeilern einer guten Schule: Lehrkräfte und Ausstattung. Im Beitrag des Deutschlandradios berichtet ein Lehrer einer ländlichen Schule von einer einzigen Klasse, in der er alle Schülerinnen und Schüler der Region unterrichtet. Es gibt keine Computer, keine Sportplätze, keine Schulbibliothek. Die Lehrkräfte haben oft nur die Befähigung zum Aushilfslehrer erlangt. Dennoch werden sie gebraucht. Die Kinder nehmen Schulwege von einer Stunde und länger in Kauf, um ihre fünfjährige Grundschule zu absolvieren. Viele leben bei ihren Großeltern, da die Eltern als Wanderarbeiter in die Städte gezogen sind, um die Familie versorgen zu können.

Die chinesische Regierung bemüht sich, die Schülerinnen und Schüler vom Land durch höhere Ausgaben in der Bildung zu einem weiterführenden Abschluss zu befähigen. Bisher bleibt der Erfolg noch aus.

Heterogenisierung – Segregation

Wenn Kinder mit ihren Eltern gemeinsam als Wanderarbeiter in die Städte ziehen, wird das Leben aber nicht einfacher für sie. Als Migrantenkinder wird Ihnen der Schulbesuch oft verwehrt, da ihnen z. B. spezielle Eingangstests auferlegt werden. Teilweise werden auch Sondergebühren erhoben oder die Eltern müssen eine Registrierung in der Stadt nachweisen. Diese haben sie in den seltensten Fällen.

Als Alternative zu diesen erschwerten Zugangsbedingungen bildeten sich in den 1990er Jahren private Schulen für Migrantenkinder. Diese erhoben Gebühren für ihre Mitglieder. Sie gerieten später in die Kritik, da der Unterricht nur minderwertig sei und die Abgangszeugnisse nicht anerkannt würden. Daraufhin schlossen die Bezirksregierungen in den 2000er Jahren einige private Schulen, ohne jedoch für einen Ausgleich für die Migrantenkinder zu sorgen. Sie saßen also auf der Straße. Heute versucht die Lokalverwaltung diese Schulen zu behalten und mit finanzieller Unterstützung aufzuwerten.

Eine moderne Technikausstattung bleibt die Ausnahme

In einem Beitrag des Pädagogenverbands BLLV berichtet die DAF-Lehrerin Katja Meuß über ihre Lehrerfahrungen in China. An der Nankai High School, eine renommierte Schule des Landes, seien regelmäßig Vorführstunden für externe Lehrerinnen und Lehrer abgehalten worden. Gezeigt wurden diese Stunden über fest installierte Beamer und Leinwand. Der Stoff wird mittels Power-Point-Präsentation strukturiert. Sie selbst hatte einen Kassettenrekorder zur Verfügung und konnte Arbeitsblätter kostenlos in der Schule kopieren.

Zum Unterricht berichtet Katja Meuß: „Die meisten unterrichten frontal, ermüdend im belehrenden Vortrag, ohne irgendwelche Schüleraktivitäten, manche lesen einfach das Lehrbuch vor, ohne Augenkontakt zu den Schülern. Kennzeichnend ist der ausgeprägte Hang zu theoretischem Wissen, dem Abspeichern im Kurzzeitgedächtnis für die nächste Prüfung.“

E-Learning gibt es heute vor allen Dingen für Studierende. Dadurch können Online-Kurse auch zu Hause besucht werden. So versucht die chinesische Regierung die Bildung auch auf dem Land zugänglich zu machen – wenn es denn einen Internetzugang gibt.

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