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Heiligenstadt: Rein in die Bildungscloud

Heiligenstadt_ TomFigiel

Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt probiert gern Neues aus. Dafür holt sie sich Unterstützung aus der Wirtschaft, den Kommunen – und von Eltern.

Frau Heiligenstadt, Sie sind im Vorstand des Vereins „n-21: Schulen in Niedersachsen online“. Was sind die Maßnahmen und Ziele des Vereins?
Frauke Heiligenstadt: „Der Verein wurde im Jahr 2000 gegründet, um in Kooperation mit der Wirtschaft und den Kommunen die IT-Ausstattung von Schulen zu verbessern und den Einsatz von Computern im Unterricht zu fördern. Mit ‚1000×1000: Notebooks im Schulranzen‘ wurde ab 2002 das bundesweit größte Projekt mit Notebookklassen und elternfinanzierten Notebooks für Schülerinnen und Schüler durchgeführt. Heute heißt das Projekt ‚mobiles lernen-21‘ und unterstützt den Einsatz elternfinanzierter mobiler Endgeräte. Dazu hat der Verein ein landesweites Netz von Referenzschulen initiiert, die Schulen beraten und fortbilden, um sie beim Einsatz mobiler Endgeräte im Unterricht zu unterstützen.“

Es gibt spezielle Distance-Learning-Programme für Schülerinnen und Schüler, die in weit abgelegenen Regionen Niedersachsens leben. Wie sehen diese aus?
Frauke Heiligenstadt: „2012 wurde am Niedersächsischen Internatsgymnasium Esens im Auftrag des Kultusministeriums die ‚Schule für Distanzlernen‘ eingeführt. Durch den Einsatz eines Videokonferenz-Systems wird vom Internatsgymnasium aus Live-Unterricht für die Schulen der ostfriesischen Inseln in Naturwissenschaften und Fremdsprachen durchgeführt. Dadurch können wir die Inselschülerinnen und -schüler besser auf die gymnasiale Oberstufe vorbereiten und ihnen eine längere Verweildauer bei ihren Familien auf den Inseln ermöglichen. Inzwischen werden über das Videokonferenz-System auch schulübergreifende Fachkonferenzen und Elternratssitzungen abgehalten. Außerdem wurden darüber internationale Projekte in den USA und in Afrika initiiert.“

Gibt es weitere spannende Projekte in Niedersachsen, die das Lernen von morgen bereits heute gestalten?
Frauke Heiligenstadt: „Anfang Juli dieses Jahres hat das Kabinett der Niedersächsischen Landesregierung das Konzept ‚Medienkompetenz in Niedersachsen – Ziellinie 2020‘ beschlossen. Darin sind die Meilensteine und Ziele beschrieben, mit denen die Niedersächsische Landesregierung die Stärkung und die Verankerung der digitalen Bildung von der frühkindlichen über die schulische Bildung, die Hochschulbildung bis hin zur Erwachsenenbildung erreichen möchte.

Ab kommendem Jahr werden wir das Pilotprojekt ‚Niedersächsische Bildungscloud‘ starten, das n-21 im Auftrag des Kultusministeriums durchführen wird. Ziel ist die Schaffung einer Lern- und Arbeitsplattform für Schulen, über die Schülerinnen und Schüler mit elternfinanzierten mobilen Endgeräten schulbezogen, schulübergreifend und auch schulformübergreifend gemeinsam lernen und kommunizieren können. Zusätzlich muss die Plattform den Bestimmungen des Niedersächsischen Datenschutzgesetzes entsprechen. Besonderen Wert lege ich bei diesem Projekt darauf, dass es eine Kooperation zwischen allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen gibt. Wenn sich die Bildungscloud bewährt, ist eine Ausweitung in die Fläche beabsichtigt.

Ein weiteres spannendes Projekt ist ‚Digital Deutsch Lernen‘, das speziell für geflüchtete Kinder und Jugendliche gestartet wurde. Von Schulen kostenlos entleihbare Tablet-Sets mit Sprachlernsoftware werden gezielt in Sprachlernklassen eingesetzt, um individuelles und spielerisches Sprachenlernen zu ermöglichen.“

Welche Bedeutung hat die Digitalisierung für Sie in Bezug auf die Schule? Worin sehen Sie Vor- aber auch Nachteile?
Frauke Heiligenstadt: „Für mich ist der Erwerb von Medienkompetenz in der Schule eine Grundvoraussetzung für das spätere Berufsleben. Es gilt also, die Chancen digitaler Medien für Lehr- und Lernprozesse in der Schulen zu nutzen und professionell in der Schule umzusetzen. Wichtig ist, digitale Medien als ein selbstverständliches Lernwerkzeug zu betrachten. Kinder und Jugendliche müssen aber auch die Risiken digitaler Medien einschätzen und kritisch mit medialen Botschaften umgehen können. Dem Datenschutz und der informationellen Selbstbestimmung kommen dabei besondere Bedeutungen zu.“

Wie bereitet das niedersächsische Kultusministerium aktuell Schülerinnen und Schüler auf die digitale Berufswelt vor?
Frauke Heiligenstadt: „Sukzessive wird Medienbildung u. a. ein verbindlicher Bestandteil der Kerncurricula aller Fächer in allen Schulformen. Im beschriebenen Landeskonzept formulieren wir als Ziel, dass mittelfristig alle Schülerinnen und Schüler weiterführender Schulen mit elternfinanzierten mobilen Endgeräten ausgestattet sein sollen. Viele Schulen in Niedersachsen haben sich hier bereits auf den Weg gemacht. Viel entscheidender noch als die Technik ist natürlich, dass das Angebot an digitalen Bildungsmedien – auch über den Niedersächsischen Bildungsserver– verstärkt wird und die Schulen in ihrer Eigenverantwortlichkeit schuleigene Medienkonzepte weiterentwickeln. Dafür steht mit der Medienberatung in Niedersachsen eine qualifizierte Begleitung zur Verfügung.“

Wie unterstützen Sie die Lehrkräfte beim Lehren mit digitalen Medien?
Frauke Heiligenstadt: „Für die Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte im Bereich der Medienbildung hält unser Niedersächsisches Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung ein umfassendes Fortbildungsprogramm bereit. Der Orientierungsrahmen Medienbildung unterstützt nicht nur die Kommissionen, die die Kerncurricula für die Fächer entwickeln, sondern bietet auch praktische Beispiele für die Unterrichtsgestaltung mit digitalen Medien. Vor Ort sind die medienpädagogischen Beraterinnen und Berater konkrete Ansprechpersonen für die Schulen. Unterstützung leisten hier auch wichtige Partner, z. B. die Niedersächsische Landesmedienanstalt mit ihren Multimediamobilen, n-21 mit seinen Referenzschulen und die Landesstelle Jugendschutz.“

Wie stellen Sie sicher, dass Schulen die nötige Ausstattung und IT-Infrastruktur erhalten?
Frauke Heiligenstadt: „Durch die vermehrte Nutzung mobiler Endgeräte im Unterricht wird es vor allem um die Breitbandanbindung von Schulen gehen. Dies wird auch auf Bundesebene erkannt. Wir wünschen uns, dass auch von dort Unterstützung geleistet wird. Auf jeden Fall wird es mit diesem Wandel neue Modelle der Administration und des Supports geben müssen. Mit dem angesprochenen Projekt ‚Niedersächsische Bildungscloud‘ erproben wir ein solches Modell.“

Wie sieht die Schule von morgen für Sie aus?
Frauke Heiligenstadt: „Die Schule von morgen kann durch Einsatz von digitaler Bildung die individuelle Förderung des einzelnen Schülers und der einzelnen Schülerin noch besser berücksichtigen. Dadurch kann die Schule von morgen die immer stärker werdende Heterogenität der Schülerschaft besser bewältigen.“

Was wünschen Sie sich heute schon von den Schulen?
Frauke Heiligenstadt: „Weiterhin ein große Offenheit und Bereitschaft für das wichtige Thema Digitale Bildung. Für die Schulen wünsche ich mir, dass es selbstverständlich zu einer guten Schulausstattung gehören muss, geeignete Netze und Einrichtungen für die digitale Bildung vorzuhalten.“




Titelbild: ©Tom Figiel

 
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