Deutscher Lehrerpreis: BYOM – Bring your own Messgerät

Wer in der Kategorie „Unterricht innovativ“ des Lehrerpreises ausgezeichnet wird, verlässt ausgetretene Lehrpfade. Sogar, wenn es um die scheinbar neue digitale Bildung geht.

Patrick Bronner hat gut lachen. Er ist aufgeregt, denn er wird gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen am heutigen Montagmittag für sein Unterrichtskonzept ausgezeichnet. Welchen Preis sie gemacht haben, weiß er allerdings noch nicht. „Wir hoffen mit dem Gewinn den nächsten Schritt unseres Medienkonzepts finanzieren zu können“, erklärt er offen. Das sei nämlich eines der dringenden Probleme, die das Friedrich-Gymnasium Freiburg in seinem innovativen Medienkonzepts noch habe.

Physiklehrer Patrick Bronner

Physiklehrer Patrick Bronner ©privat

Mittendrin in der digitalen Bildung

Der Physiklehrer hatte nicht im Entferntesten damit gerechnet, einmal auf der Preisverleihung zum Deutschen Lehrerpreis der Vodafone Stiftung und des Philologenverbands zu stehen. Immerhin habe es auf dem Weg zur Digitalisierung seiner Schule immer wieder Rückschläge gegeben. Geld war und ist eines dieser Hindernisse. Um zunächst allen Lehrkräften und im späteren Schritt allen Schülerinnen und Schülern der neunten Klasse eine Grundausstattung mit einem Tablet zu ermöglichen, versuchte Bronner zunächst über das Land und die
Schulträger einen Teil des Anschaffungspreises zu stemmen. Die verwiesen jeweils aufeinander und bislang will keiner dafür aufkommen. „Dabei ist es viel günstiger und praktischer, einen Satz Tablets anzuschaffen als einen Medientisch“, argumentiert Physiklehrer Bronner.

Schülerprojekt_Friedrich-Gymnasium Freiburg

Schülerprojekt © Friedrich-Gymnasium Freiburg

Daher hofft er darauf, das Geld aus dem Preis für die Finanzierung einsetzen zu können. Somit kann er einen weiteren Schritt im fünfschrittigen Medienkonzept gehen. Aktuell ist das Friedrich-Gymnasium bei Schritt drei von fünf: Medienausstattung der Klassenzimmer. Dabei beweisen Bronner und seine Kolleginnen und Kollegen Pragmatismus. Anstatt teure Medientische anzuschaffen, funktionieren sie Tablets mithilfe selbst gebauter Halterungen und Stifteingabe für ihre Zwecke um. „Diese Geräte können die Lehrerinnen und Lehrer mit nach Hause nehmen“, erklärt Bronner den Schritt. „Das geht bei einem interaktiven Whiteboard nicht“, ergänzt er.

Plakat des Schülerprojekts_Friedrich-Gymnasium Freiburg

Plakat des Schülerprojekts © Friedrich-Gymnasium Freiburg

BYOM – Bring your own Messgerät

Mit dem Schülerprojekt „Smartphones im Unterricht – Schüler zeigen, was möglich ist“ begann das Umdenken am Friedrich-Gymnasium in Freiburg. Bronner las einen Aufsatz des Didakten Dr. Patrick Vogt über mögliche Einsatzszenarien von Handys als Messgeräte und war begeistert. In dem „schwarzen Loch“ zwischen dem mündlichen und schriftlichen Abitur, wie Bronner es nennt, wollte er im Schuljahr 2015/2016 die Schülerinnen und Schüler des Physikleistungskurses dazu motivieren, mithilfe von Smartphones eigene Experimente anzustellen. „Die Schülerinnen und Schüler meines Kurses waren total begeistert – endlich mit dem Handy im Unterricht arbeiten!“, berichtet Bronner. „Sie dachten, es gehe darum, sich Dateien über WhatsApp zu schicken. Als sie dann verstanden hatten, dass sie mit dem Gerät exakte Messungen durchführen mussten und es ein aufwendiges Projekt zu bearbeiten galt, fiel die Motivation erstmal rapide ab“, lacht Bronner. So kam es zum Ende der fünfwöchigen Bearbeitungszeit auch zu Stress und Unmut unter den Leistungskurslern. Sie hatten die Aufgaben schleifen lassen und mussten bis zur Deadline nochmal ordentlich ranklotzen. Am Ende des Projekts stand eine große Ausstellung für Lehrerinnen und Lehrer der durchgeführten Experimente in der PH Freiburg. „Die Ausstellung war dann aber ein Riesenerfolg. Fast 300 Menschen haben sie sich angeschaut“, resümiert Patrick Bronner. Darauf aufbauend entwickelte das Gymnasium ein eigenes Medienkonzept.

Schülerausstellung_Friedrich-Gymnasium Freiburg

Schülerausstellung © Friedrich-Gymnasium Freiburg

BYOD – aber bitte sinnvoll!

Im zweiten Schritt beschlossen das Lehrerkollegium und die Schulleitung, Smartphones im Unterricht zu erlauben. Für den Schulversuch wurde eine WLAN-Infrastruktur für die Klassenzimmer geschaffen. Nach und nach machten die Lehrerinnen und Lehrer des Friedrich-Gymnasiums ihre Erfahrungen und teilten sie im Kollegium. Dabei merkte man, dass es sich als praktisch erwies, sich am Bring-your-own-Device-Konzept zu orientieren. Zum einen konnten und können Lehrerinnen und Lehrer ihre Geräte mit nach Hause nehmen, um darauf zu arbeiten. Zum anderen ist dadurch sichergestellt, dass jeder sein Gerät auflädt und wartet. Um die Lehrerinnen und Lehrer finanziell zu entlasten, strebt Bronner eine Zwei-Drittel-Finanzierung für Lehrergeräte an: Zwei Drittel zahlt der Schulträger, ein Drittel die Lehrkraft.

Schülerprojekt_Friedrich-Gymnasium Freiburg

Schülerprojekt © Friedrich-Gymnasium Freiburg

Nützliche Apps für Messungen im Physikunterricht

Besonders hilfreich für die Durchführung des Schülerprojekts fand der Physiklehrer die Apps „Schallanalysator“ für den Akustikunterricht und „SPARKvue “ zum Aufnehmen von Messkurven. Die Daten dafür erhält die App von externen Sensoren, die mit dem Smartphone verbunden sind.

1. Schritt – Schülerprojekt:
Smartphones im Unterricht? Schüler zeigen was möglich ist! – Frühjahr 2015
2. Schritt – Schulversuch:
Smartphones und Tablets (BYOD) im regulären Schulunterricht – Schuljahr 2015/16
3. Schritt – Klassenzimmer:
BYOD-Medienausstattung der Klassenzimmer – Herbst 2016
4. Schritt – Lehrer-Tablets:
Tablets mit Stifteingabe und einheitlichem Betriebssystem für den Unterricht
5. Schritt – Schüler-Tablets:
1:1-Tablet-Ausstattung mit einheitlichem Betriebssystem einzelner Klassenstufen

Die Idee des forschenden Lernen

Als pädagogisches Konzept verwendete Patrick Bronner für die Arbeit mit den Smartphones die Prinzipien des forschenden Lernens. Die Aufgabenstellungen waren offen formuliert. Es gab also viele Wege und ebenso mehrere Lösungen. Dadurch wurde die Kreativität der Lernenden gefördert und Physik als solches verstanden. „Es wurden keine stupiden Formeln auswendig gelernt“, ergänzt Bronner.

Was zu wünschen bleibt

Wie eingangs erwähnt, hofft Bronner die Finanzierung der Lehrergeräte durch einen Gewinn beim Deutschen Lehrerpreis ermöglichen zu können. Auch die Teilfinanzierung der Schülergeräte, die im nächsten Schritt des Medienkonzepts folgen sollen, steht noch nicht. „Toll wäre es auch, wenn es unsere Schulbücher digital gäbe, sodass man sie auf den Geräten speichern kann“, überlegt Bronner. Wobei er einschränkt, dass das Friedrich-Gymnasium nicht anstrebe, eine papierlose Schule zu werden. Es soll weiterhin auf Papier gearbeitet werden. Fortbildungen für sein Kollegium findet Bronner wichtig, immerhin habe er selbst damals das Projekt ziemlich blauäugig gestartet. Seine Erfahrungen gibt Bronner selbst in internen und externen Schulungen weiter. Dabei sei es wichtig, dass keine fertigen Unterrichtskonzepte an die Lehrerinnen und Lehrer weitergereicht würden, sondern Ideen und Erfahrungen ausgetauscht werden.

Es zeigt sich, dass es sich als Einzelner lohnen kann, Neues auszuprobieren und immer wieder dafür zu kämpfen. Am Ende wird man mit begeisterten Schülerinnen und Schülern, einem engagierten Kollegium und vielleicht sogar einem Preis belohnt.





Titelbild: © Friedrich-Gymnasium Freiburg