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„Who murdered Sir Ernest?“ – ein interaktiver Schulkrimi

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Ein geselliger Abend mit Freunden: Der herrschaftliche Gastgeber Sir Ernest hat zum Fest geladen. Plötzlich wird er ermordet. Die Schüler werden zu Detektiven – mithilfe der Chemie und Physik.

Steckbrief


Namen: Johannes Almer und Ernst Hollweck
Schule: Ludwig-Thoma-Gymnasium Prien am Chiemsee
Fächer: Mathematik / Physik und Chemie / Biologie
Die Schülerinnen und Schüler von heute … sind ebenso Jugendliche mit allen Stärken und Schwächen wie in den früheren Generationen. Sie leben in einer sich stark verändernden (Medien-)Welt. Der alte Spruch vom Lernen über die ganze Lebenszeit gilt heute mindestens so viel wie früher.
Die Schule von morgen … werden wir morgen erleben. Wer heute schon weiß, was morgen ist, wird morgen schon wieder veraltet sein. Schule ist ein dynamischer Prozess zwischen Schülern und Lehrern in einem sich stetig ändernden gesellschaftlichen Kontext.
Ich werde nie vergessen, wie … in meiner ersten gehaltenen Unterrichtsstunde über die Hauskatze eine Schülerin meinte, dass die Katzenaugen nachts wegen einer eingebauten Taschenlampe „leuchten“.

Sie haben Ihr Klassenprojekt „Who murdered Sir Ernest?“ im Rahmen des Science on Stage Fests 2016 präsentiert. Wie kamen Sie auf die Idee, einen interaktiven Schulkrimi zu entwickeln?
Johannes Almer: „Die Idee stammt aus dem Physik- bzw. Chemieunterricht. Lehrerinnen und Lehrer sagen beim Thema Flammenfärbung gerne, die Flammenfärbung sei wie ein Fingerabdruck. Mein Kollege, Ernst Hollweck, und ich überlegten, dass Fingerabdrücke besonders benötigt werden, um Täter in Kriminalfällen zu überführen. Also wollten wir das Thema auf diese Weise für Schülerinnen und Schüler aufarbeiten. Wir haben uns an den Szenerien der Sherlock-Holmes-Geschichten orientiert. So wollten wir einen Wow-Effekt erreichen.“

In welche Schritte unterteilt sich die Aufgabe?
Ernst Hollweck: „Das Projekt stützt sich auf drei Säulen: Dem Vermitteln von Klangspektren, der Flammenfärbung bei verbrennenden Salzen und der Farbgebung unterschiedlicher Lichtquellen. Wir setzen u. a. Software zur Analyse von Klangspektren ein. Das sind sowohl Applikationen für mobile Geräte als auch das Programm Audacity, das auf PCs, Macs und unter Linux läuft. Der Ablauf der Aufgabe gestaltet sich wie folgt: Die Schülerinnen und Schüler bekommen als Einstieg das Video gezeigt. Darin wird Sir Ernest während eines Fests von einem seiner Gäste ermordet, während er mit ihm anstößt. Die Schülerinnen und Schüler sollen herausfinden, wer der Täter oder die Täterin ist. Dazu werden ihnen einzelne Tonspuren bereitgestellt. Wir haben uns zur Vorbereitung der Tonspuren eines Tricks beholfen. Die Gläser wurden nicht wie üblich aneinandergeschlagen, sondern es wurde nur ein Glas mit einem Schlägel angeschlagen. Dadurch erhielten wir bei der Vorstellung der Gäste reine Spektren. Einzige Ausnahme ist die Mordszene, bei der sich der Mörder und Sir Ernest zuprosten. Da hört man die Klangspektren von zwei Gläsern. So müssen die Schülerinnen und Schüler herausfinden, von welchen Gläsern die beiden Klangspektren stammen und welches dem Täter oder der Täterin gehört.“

Und wie geht es weiter?
Ernst Hollweck: „Zuerst sollen sich die Schülerinnen und Schüler dieses Spektrum anschauen und die Obertöne erkennen. Die bekommen sie als Notation auf einem Arbeitsblatt wie im Musikunterricht. Sie können die Peaks im Spektrum den entsprechenden Tönen zuordnen. Dann erkennen sie, dass es kein reiner Ton ist, sondern andere Töne mitschwingen. Man nimmt dieses Klangspektrum mit den zwei Kurven, extrahiert es in Excel und kann analysieren, welche einzelnen Gläser dahinterliegen. Das haben zwei unserer sechs Gruppen im Klassenprojekt geschafft. Das macht aber nichts, am Ende erhalten alle die Lösung und das nötige Wissen wird dabei transferiert.“

Geben Sie eine Empfehlung für die Apps oder haben Sie Geräte, auf denen diese vorinstalliert sind?
Ernst Hollweck: „Wir hatten drei Notebooks mit Audacity vorbereitet, die wurden jedoch kaum genutzt. Sie haben sich die Sounddateien von der Webseite von Herrn Almer heruntergeladen. Auf dem Arbeitsblatt finden sie kostenlose Softwaretipps für iOS und Android. Die Schülerinnen und Schüler durften ihr eigenes Smartphone für den Krimi verwenden.“

Werden die Schülerinnen und Schüler also mit dem Rätsel allein gelassen?
Ernst Hollweck: „Mehr oder weniger, ja. Es gibt Video-Tutorials, wie sie z. B. die Software bedienen. Der Lehrer oder die Lehrerin steht ihnen nur als Lerncoach zur Seite. Sie sind selbstständig tätig.“

Und wie wird das Projekt zeitlich begrenzt?
Ernst Hollweck: „Die Schülerinnen und Schüler müssen im Laufe von zwei Doppelstunden ein Plakat erstellen. Dieses wird benotet. Sie können jedoch offen arbeiten. Neben der Aufgabe mit den Klangspektren gibt es noch zwei andere Säulen. Dabei geht es um das Kennenlernen von Farbspektren – bei Lichtquellen und bei heißgemachten Salzen. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten alle am selben Projekt, aber an unterschiedlichen Stationen. Manche fangen mit den Farbspektren der Salze an, andere mit den Farbspektren verschiedener LED-Sequenzen und eine dritte Gruppe versucht, die Sound-Frage zu lösen. Wenn sie dann einen Teil beendet haben oder nicht weiterkommen, wechseln sie zum nächsten Thema.“

Aber alle führen zum gleichen Ziel?
Ernst Hollweck: „Genau, am Schluss haben alle ein Basiswissen zu diesen drei Themen erlangt. Die besseren Schülerinnen und Schüler können das Rätsel komplett lösen. Zu den Mitteln sei noch kurz gesagt, dass es Lernzielkontrollkarten gibt. Das ist für den Lehrplan bei uns in Bayern ein wichtiges Thema. Dadurch haben wir einen ‚doppelten Boden‘ eingebaut, um zu garantieren, dass am Ende jeder und jede kann, was er oder sie können muss. Selbst wenn die Schülerinnen und Schüler es nicht ganz schaffen, das Rätsel zu lösen. Sie holen sich die Infos am Lehrertisch ab und eignen sich das Wissen selbstständig an.“

Für welche Klassenstufe ist der Krimi konzipiert?
Ernst Hollweck: „Wir haben ihn in der Mittelstufe, in einer neunten Klasse, durchgeführt. Dafür ist er angelegt. Wir können es mittels Binnendifferenzierung ermöglichen, dass leistungsstarke Schülerinnen und Schüler sehr viel Einblick in die Materie gewinnen. Im mittleren Feld kann man entsprechend der Vorgaben das Rätsel lösen und auch eine schwächere Gruppe kann mit Hilfestellung das Ziel erreichen.“

Warum haben Sie das Projekt so angelegt? Was wollten Sie damit im Unterricht verbessern oder verstärkt anwenden?
Johannes Almer: „Meiner Meinung nach verbessert sich Gruppenarbeit stark durch den Einsatz interaktiver Medien. DieVideohilfen und interaktiven Elemente entlasten den Lehrer oder die Lehrerin bzw. motivieren die Schülerinnen und Schüler gleichermaßen. Denn die Lernenden trauen sich nicht immer zu fragen, wenn sie etwas nicht verstehen. Der Lehrer oder die Lehrerin springt zwischen den Gruppen hin und her und erzählt zehnmal dasselbe. Wenn man jedoch vorab per Screencast ein Video erstellt und dieses den Schülerinnen und Schülern zur Verfügung stellt, hat man mehr Zeit, auf Fragen einzugehen.“

Wie lange dauerte die Vorbereitung insgesamt?
Johannes Almer: „Schwer zu sagen. Wir beide haben ein bisschen mehr Erfahrung mit dem Videodreh etc. Ich schätze, wir brauchten zehn Stunden zur Vorbereitung plus ein bis zwei Stunden für die Videobearbeitung.“

Konnten Sie für die Vorbereitung auf ähnliche Unterrichtsmaterialien zurückgreifen?
Johannes Almer: „Den Inhalt haben wir natürlich schon öfter unterrichtet. Interaktive Übungen, wie diese Drag-and-Drop-Übungen auf der Projekt-Webseite oder interaktive GeoGebra-Applets, stelle ich seit längerer Zeit selbst her. Wenn man einmal damit unterrichtet hat, möchte man es immer wieder anwenden. Das ist eine ganz tolle Erfahrung, da man als Lehrerin oder Lehrer wirklich die Zeit hat, auf Dinge einzugehen! So bekommen die Schülerinnen und Schüler auch ein anderes Verhältnis zum Lehrenden. Sie merken, dass man nicht nur mit dem Hefter in der Hand vor ihnen steht und sie abfragt, sondern ihnen wirklich etwas beibringen möchte. So sehen sich Lehrerinnen und Lehrer natürlich immer, aber es ist schon vorgekommen, dass es die Schülerschaft anders sieht. (lacht.)“

Sie haben erwähnt, dass Sie Erfahrungen mit ähnlichen Projekten haben. Können Sie ein weiteres Beispiel nennen?
Johannes Almer: „Wir haben ganze Stoffeinheiten in Video-Tutorials verpackt. Im digitalen Zeitalter können Videos, wenn man sie geschickt einsetzt, Schülerinnen und Schüler stark fördern. Wenn man es inhaltlich einbaut, ist eine der Stärken, dass Schülerinnen und Schüler mit einem eigenen Zeitplan individueller lernen können. Binnendifferenzierung ist für eine weiterführende Schule aufwändiger und schwieriger, sodass es ein einzelner Lehrer bzw. eine einzelne Lehrerin bei der Arbeitsbelastung nicht leisten kann. Dank der Videos kann man während des Unterrichts herumgehen, die Stärkeren motivieren, Fragen für die Schwächeren beantworten und der Grundunterricht läuft.“

Wie kommen die Schülerinnen und Schüler an ihre Videos?
Johannes Almer: „Die werden bei YouTube bereitgestellt. Das war eine technische Entscheidung. Wir wollten es erst vermeiden, aber unser Server ist zu langsam. Und Technik, die nicht funktioniert, frustriert nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder.“

Wie klappt der interdisziplinäre Austausch über den Fächerunterricht hinaus?
Ernst Hollweck: „Das klappt gut. Herr Almer hat auch dieses Jahr mit einem Kollegen zusammen das BISA-Projekt betreut. Vor zwei Jahren waren wir Träger des Deutschen Lehrerpreises mit dem „Mission to Mars“-Projekt an dem acht Kolleginnen und Kollegen beteiligt waren. Wir sind da nicht allein.“

Wird es eine Fortsetzung des Krimis geben?
Ernst Hollweck: „Wenn ich ehrlich bin, nein. Wir werden es hin und wieder einsetzen, aber es gibt mittlerweile neue Ideen, die wir umsetzen wollen.“

Was hätte besser oder anders laufen können?
Johannes Almer: „Mir hätte es gut gefallen, wenn wir stärker mit Apps gearbeitet hätten, um z. B. die interaktiven Übungen zu lösen. Das ist am Handy noch ein bisschen diffus. Es wäre auch gut, wenn man diese Übungen oder die Videos herunterladen könnte, um ggf. auch offline damit zu arbeiten.“

Können andere Lehrerinnen und Lehrer Ihre Materialien, die Sie auf der Webseite bereitstellen, verwenden?
Johannes Almer: „Ja, die kann man komplett übernehmen. Wir haben auch eine Materialliste ergänzt. Die Dateien sind frei. Sie können einfach loslegen!“

Wie hat Ihnen persönlich das Science on Stage Festival gefallen? Was hat Sie dazu bewogen mitzumachen?
Ernst Hollweck: „Meine Kollegen, die 2014 vor Ort waren, haben mir positiv davon berichtet. Unser Projekt war ursprünglich nicht darauf ausgelegt. Es ging nur darum, die Schülerinnen und Schüler schulintern zu motivieren – eine nette Sache eben. Herr Almer meinte dann, da wir so viel Arbeit darin investiert hatten, könnten wir es auch anmelden. Im Nachhinein war ich sehr glücklich, dass wir es gemacht haben. Nicht nur, weil wir weitergekommen sind und zum europäischen Wettbewerb nach Ungarn fahren, sondern weil man so viele interessante Kolleginnen und Kollegen und Projekte kennenlernt. Man kann sich austauschen und lernt spannende und nützliche Sachen. Das ist das Beste an der Sache.“

Johannes Almer: „Beim ersten Mal sind wir in die Veranstaltung hineingestolpert. Da haben wir gezeigt, wie man eine Hefebrennstoffzelle herstellt. Jetzt war es ein bisschen professioneller.
Das Science on Stage Fest ist eine ganz tolle Gemeinschaft mit engagierten Kolleginnen und Kollegen, die tollen Unterricht machen und dort zeigen. Da ist der Wunsch groß, dort wieder hinzufahren. Der einzige Nachteil ist, dass ich hinterher nicht wusste, wo ich den ganzen Unterricht herhole, um die Ideen, die ich dort gesehen habe, umzusetzen.“

Titelbild: © Science on Stage e. V./ sofatutor.com

 
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