André Hermes: „Es ist toll anzusehen, wie selbstständig das läuft!“

Lehrer und Multimedia-Fan André Hermes hat verstanden, wie man Schüler so begeistert, dass sie selbstständig und gewinnbringend arbeiten.

Auf der mobilen Schule in Oldenburg kommen Bildungsexperten und -enthusiasten zusammen, um über Chancen und Stärken der Digitalisierung von Schulen zu sprechen. Wir haben uns drei Workshopgebende und einen Keynote-Speaker auf die EduCouch eingeladen und gefragt, wie digitale Bildung bundesweit gelingen kann: André Hermes, Richard Heinen, Anselm Sellen und Monika Heusinger.

André Hermes ist Lehrer für Erdkunde und Sport am Gymnasium Ursulaschule in Osnabrück. Seinen Kolleginnen und Kollegen steht er in allen Medienfragen als Ansprechpartner zur Verfügung. Auf seinem Blog „medienberaterbloggt“ teilt er seine Erfahrungen zu den Themen OER, BYOD und digitaler Unterricht außerdem mit dem Internet.

André, auf deinem Blog setzt du dich mit der Wechselwirkung einzelner Schulprojekte, der politischen Handhabe und den Meinungen der Befürworter und Gegner digitaler Bildung auseinander. Du gehörst zu den Befürwortern von digitalen Unterrichtsmaterialien in einem projektbasierten Unterricht. Wer muss noch wachgerüttelt werden, damit es bundesweit losgehen kann?

André Hermes: „Ich glaube, so sehr viele Leute müssen gar nicht wachgerüttelt werden. Natürlich gibt es noch vereinzelt Menschen, die Schule als analogen Raum begreifen. Sie würden gern sämtliches Digitale dort heraushalten. Aber da würde ein Rütteln auch nicht so viel bringen, denn die Wertvorstellungen sind einfach andere. Diejenigen, die bereits digitale Medien im Unterricht einsetzen, haben ihren grundsätzlichen Mehrwert auch verstanden.“

Worin liegen für dich die Stärken des Lernens mit mobilen Geräten, WLAN und digitalen Unterrichtsmaterialien?
André Hermes: „Nach meinen Beobachtungen kann die Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler am Ende gestärkt herauskommen. Dafür müssen die digitalen Medien aber tatsächlich auch auf einem gewissen Level eingesetzt werden. Wenn man anstatt eines Schulbuchs nur ein PDF in die Klasse gibt, ist der Mehrwert nicht so groß. Bei mir geht es im Unterricht eher darum, dass die Schülerinnen und Schüler produzieren. Der Unterricht läuft handlungsorientiert ab und sie gehen mit den Medien um. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich informieren, das Ganze aus einer anderen Perspektive beleuchten und anderen mithilfe dieser Medien Inhalte beibringen können. Dann erreicht man auch diese angestrebte verstärkte Selbstständigkeit. Das kann man nicht hoch genug schätzen.“

Wie sieht dieses ideale Lernszenario für dich aus?

André Hermes: „Von der technischen Ausstattung her ist das gar nicht so wild. Ein Beamer an der Decke wäre nett plus WLAN mit einer ordentlichen Bandbreite – das reicht eigentlich schon als Grundvoraussetzung. Alles andere kann man gerne annehmen, z. B. ein Lernmanagementsystem zum Austausch. Auch Leihgeräte wären praktisch, da es doch noch Schülerinnen und Schüler gibt, die kein eigenes Gerät haben. Da kann man entsprechend schulisch nachsteuern. Und dann kann es losgehen. Als Lehrerin oder Lehrer muss man einen Impuls setzen, Fragen aufwerfen und dann sollen sich die Lernenden ranmachen. Sie informieren sich, teilen sich auf oder kontrollieren sich gegenseitig. Es ist schon toll anzusehen, wie selbstständig das dann läuft!“

In der Schule bzw. im Unterricht muss sich also gar nicht so viel ändern?

André Hermes: „Ich glaube, dass diese Art von Unterricht auch analog gemacht werden könnte. Aber der wäre dann nicht besonders gut. Allein beim Prozess des Recherchierens wären die Schülerinnen und Schüler ja auf die wenigen Bücher angewiesen, die sie im Klassenraum vorfinden. Sie können also einen Sachverhalt, der dort so didaktisiert auf dem Aufgabenblatt steht, nicht aus verschiedenen Blickwinkeln hinterfragen. Was den Produktionsprozess angeht: Das geht natürlich auch analog. Die Schülerinnen und Schüler müssen genauso überlegen, ‚wie reduziere ich Inhalte?‘, ‚Wie strukturiere ich sie?‘, oder ‚wie visualisiere ich sie, z. B. auf einem Plakat?‘ Aber Medienkompetenz lernt man ausschließlich analog leider nicht.“

Was forderst du von Bildungspolitik und Länderverwaltung, damit die Digitalisierung umgesetzt werden kann?

André Hermes: „Zunächst finde ich es gut, dass darüber gesprochen wird. Dass es auch um konkrete Zahlen geht und Geld in die Hand genommen werden soll. Mir fehlt jedoch noch der Bezug zur real existierenden Schule. Es wird z. B. über Anschaffungen gesprochen oder über Konzepte, die noch erstellt werden müssen oder bereits bestehen, aber der einzelne Lehrer bzw. die einzelne Lehrerin wird aus dem Blick verloren. Ich plädiere für kurze Fortbildungswege. Meines Erachtens müsste es an jeder Schule einen Medienberater geben. Der oder die wird von den Kolleginnen und Kollegen sowohl bei technischen als auch didaktischen Fragen angesprochen und kann helfen, z. B. ‚Wie kann ich die digitalen Medien jetzt eigentlich gewinnbringend einsetzen?‘. Ansonsten bleibt das gesamte Vorhaben auf einer sehr niedrigen Ebene und der berühmte Mehrwert fehlt.

Das zweite Problem ist: Man kann sich auf vielen Veranstaltungen, wie der mobilen Schule, rumtreiben, sprechen, Werbung machen etc. Wenn die Technik aber an der Schule nicht funktioniert, verliert man das Kollegium – und zwar zurecht. Sie versuchen ein paar Mal, damit zu arbeiten, aber irgendwann geben sie auf. Es muss im Bewusstsein der Geldgeber sein, dass man hier investieren muss. – und zwar mehr Geld als in Hardware, meiner Meinung nach. Das heißt, an jeder Schule braucht es einen Admin, der Netzwerke aufspannt und wartet.“

Was wünschst du dir von Schulen bzw. Pädagoginnen und Pädagogen?

André Hermes: „Mut haben und ausprobieren! Wenn man von einer Situation ausgeht, in der funktionierende Technik und kompetente Ansprechpartnerinnen bzw. -partner vorhanden sind: Ausprobieren. Das Schlimmste, was passieren kann, ist doch, dass ich als Lehrerin oder Lehrer feststelle, mein Vorhaben hat nicht geklappt. Dann klappen eben alle die Geräte zu und die Bücher wieder auf und wir machen Unterricht wie bisher. Also, los geht’s!“

Vielen Dank für das Interview!


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Titelbild: © sofatutor.com