Richard Heinen: Welche Schule brauchen wir heute?

Als Geschäftsführer von learninglab, Medienpädagoge und ehemaliger lehrer-online-Chefredakteur kennt Richard Heinen die Wünsche von Lehrkräften genau. Er fordert ein Planen mit den Mitteln der Gegenwart.

Auf der mobilen Schule Oldenburg kamen viele Digitalenthusiasten und Interessierte aus der schulischen Bildung und solche, die es noch werden wollten, zusammen. Auf der EduCouch sprachen wir mit vier Experten über ihre Erfahrungen mit digitaler Bildung und was sie als Stärken und Hemmschwellen für Schulen sehen: Richard Heinen, André Hermes, Anselm Sellen und Monika Heusinger.

Richard Heinen erstellt Konzepte für Lerninfrastrukturen und Medienintegrationen an Schulen. OER und BYOD sind dabei wichtige Konzepte. Er spricht mit Politik, Verwaltung, Pädagoginnen und Pädagogen und Möglichmachern. Sein Ziel: Hier und jetzt unsere Chancen begreifen.

Richard, du hast gerade die Keynote auf der Tagung mobile.schule gehalten. Darin fragst du, welche Schule die beste Schule unserer Zeit ist. Hast du eine Antwort für uns?

Richard Heinen: „Die Frage an sich hat schon viel mit der Antwort zu tun. Wir müssen uns fragen: ‚Welche Schule brauchen wir heute?‘. Wir hinterfragen damit, dass wir eine Schule haben, die sich Menschen im 19. Jahrhundert ausgedacht haben. In ganz vielen Bereichen funktioniert diese Schule immer noch genauso. Wenn wir also im ersten Schritt sagen, wir wollen eine Schule, die für die digitale Bildung funktioniert, dann geht es viel um Netzwerktechnik, Beamer und digitale Endgeräte. Eigentlich müssten wir jedoch überlegen, welche Kompetenzen die Kinder in Zukunft in ihren Berufen brauchen werden. Da geht es gar nicht so sehr darum, Computer bedienen zu können, denn das müssen nachher alle können. Aber um in der digitalen Welt gut durchs Leben zu kommen, müssen sie Kompetenzen aufweisen, die darüber liegen. In Amerika spricht man dabei von vier Cs, wir haben vier Ks: Kommunikation, Kooperation, kritisches Denken und Kreativität. Wenn ich also kooperativ arbeiten möchte, kann ich nicht meinen Schülerinnen und Schülern kooperatives Arbeiten in meiner Klasse, in meinem Unterricht beibringen und du deinen Schülerinnen und Schülern in deiner Klasse, sondern das müssen wir gemeinsam machen. Also lösen wir Fächergrenzen auf. Im nächsten Schritt werden die Jahrgangsgrenzen aufgelöst. Das heißt, die beste Schule, die wir brauchen, ist ein großer Lernraum oder eine große Lernlandschaft, in der wir zusammen an Themen arbeiten. Nicht dort, wo Schülerinnen und Schüler nur beschult werden.

Was ich jetzt sagte, hat nichts mit Digitalem zu tun – aber das hilft extrem dabei.“

Welche Anforderungen muss ein progressives Medienkonzept für eine Schule erfüllen?

Richard Heinen: „Es gibt diesen Satz: ‚Keine Ausstattung ohne pädagogisches Konzept‘. Den kann ich nicht mehr hören. Diese Annahme führt dazu, dass Schulen Konzepte schreiben, für Ausstattungen, die sie noch gar nicht kennen. Ein Medienkonzept beschreibt für mich nicht nur, was wir machen würden, wenn wir diese Ausstattung hätten, sondern das abbildet, was wir tatsächlich machen. Das heißt, ich kann natürlich eine Zieldefinition reinschreiben mit Bezug auf die Kompetenzen der Kinder, sprich: was ich vermitteln möchte. Dann muss ich auch beschreiben, wie ich es im Moment mit der vorhandenen Ausstattung umsetze. Danach kann ich definieren, dass mir das nicht reicht. Anhand dieser Aufstellung kann ich überlegen, welches die nächsten Schritte sind. Das heißt, ein Medienkonzept ist nicht irgendwann fertig und wird abgeheftet. Ein Medienkonzept ist ein Arbeitswerkzeug für die Schule, um immer wieder zu schauen, was waren die Maßnahmen, wie sind die gelaufen und was wollen wir als nächstes machen.“

Ist es also ein Stück weit agil?

Richard Heinen: „Ja, man kann auch ein wenig nachzusteuern. Aber es gibt Schulen, die hätten z. B. gern Notebook-Klassen. Also erstellen sie ein Konzept. Und wenn sie dann nach drei Jahren aus ihrem Konzept-Kämmerchen kommen, haben alle Tablets. Also gehen sie wieder in ihr Kämmerchen und versuchen es erneut.
Das heißt, wenn wir diese Konzept als in die Zukunft gerichtete Projektion begreifen, bleiben wir in einer Endlosschleife des Konzeptionierens. Das ist wichtig, da kommen wir auch nicht raus. Aber das Konzeptionieren muss rückgekoppelt werden mit dem, was wir in der Praxis bereits machen.“

Wie hoch ist der Mehraufwand für Lehrerinnen und Lehrer, ihren Unterricht digitalunterstützt zu gestalten?

Richard Heinen: „Im ersten Schritt ist der Mehraufwand sicherlich höher. Das bedeutet nämlich höchstwahrscheinlich, dass man etwas lernen muss. Jeder Lehrer und jede Lehrerin weiß, dass Lernen Arbeit ist, anstrengend ist und man Zeit investieren muss. Es ist ein Lernprozess, dieser braucht Zeit und Kraft. Das ist das eine.

Das andere ist, dass ich mir im Sinne der vier Ks im Bereich der Kommunikation Kolleginnen und Kollegen suche, mit denen ich das machen kann. Das kann, wie hier auf der mobilen Schule, außerhalb meiner Schule sein. Dann findet man vielleicht den anderen Lehrer oder die andere Lehrerin im gleichen Fach, von dem oder der ich lernen kann. Aber ich brauche auch in meiner Schule die Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich das machen kann. Als Einzelperson kann ich in meiner Schule überhaupt nichts digitalisieren. Wenn ich dieser einzelne Mensch bin, der sich um die Tablets kümmert, dann bin ich irgendwann der nette Onkel, über den sich alle freuen, wenn sie eine Vertretungsstunde mit ihm haben – weil ich die iPads mitbringe. Aber ich brauche die Möglichkeit für die Schülerinnen und Schüler, durchgängig damit arbeiten zu können. Sie müssen bei jedem Lehrer oder jeder Lehrerin entscheiden können, wie sie arbeiten möchten, also wie sie z. B. ihre Notizen anfertigen. Schreiben sie diese auf dem Laptop mit, fertigen sie eine Sprachnotiz an oder machen sie diese mit Papier und Stift? Das muss die ganze Schule durchziehen.

Ja, das ist anstrengend. Aber wenn ich Mitstreiter und Mitstreiterinnen habe und eine Schule, an der das geht, klappt es.“

Wie werde ich – ganz konkret – in drei Schritten zu einem digitalen Lehrer bzw. einer digitalen Lehrerin?

Richard Heinen: „Wenn wir hier zurückspulen, merken wir, dass es gar nicht so sehr um den digitalen Lehrer oder die digitale Lehrerin geht. Wenn man diesen Begriff hört, hat man ein genaues Bild vor Augen: Eine Person, die mit einem Beamer arbeitet, dem Tablet oder Laptop in der Hand und sich auf die Geräte schaltet – mehr so eine Art Nerd. Das ist für mich kein digitaler Lehrer oder keine digitale Lehrerin. Wir müssen uns die Lehrkraft eher als Lernbegleiter vorstellen. Man wird also weiterhin dafür zuständig sein, fachliche Inhalte verständlich zu vermitteln. Wie viel man davon digital umsetzt, ändert sich so schnell, dass man nie an einen Punkt kommt, an dem man alles weiß. Dann kommt nämlich schon das nächste Gerät oder die nächste App. Es ist ein permanenter Prozess, der sich immer verändert. Diesen kann man nur mit seinen Schülerinnen und Schülern gehen. Ein wichtiger Punkt, um ein ‚digitaler Lehrer‘ zu werden, heißt anzuerkennen, dass dieses digitale Zeitalter einen gemeinsamen Lernweg mit den Schülerinnen und Schüler beinhaltet.“

Welche Rechte und Möglichkeiten haben Lehrerinnen und Lehrer gegenüber der Schulleitung und dem Schulträger, wenn sie eine Umgestaltung der Mediennutzung an ihrer Schule durchsetzen möchten?

Richard Heinen: „Die Schulleitung muss unbedingt mit im Boot sein. Eine Antwort kann heißen, zu warten, bis die Schulleitung in Pension ist oder sie gehen an eine neue Schule. – Ja, das ist total frustrierend. Das ist wirklich so! – Aber man muss sich klarmachen, dass man, wenn man auf der ‚Machtebene‘ keine Unterstützung hat, es nicht machen braucht. Das muss ich den Leuten einfach ehrlich sagen, damit sie keine Energie verschwenden. Setzt lieber eure Energie dafür ein, euch bei Schulen zu bewerben, die es machen. Die gibt es immer mehr! Das macht glücklicher.

Man kann sich auch anschauen, was im letzten Jahr auf politischer Ebene geschehen ist: Wir haben die KMK-Strategie. In dieser wird relativ genau beschrieben, was die Kultusministerkonferenz in Zukunft von den Schulen erwartet. Das Papier enthält ganz viel von dem, was wir gerade besprochen haben. Sowohl das medientechnische als auch die konzeptionelle Gestaltung des Unterrichts ist dort eingeschrieben. Es gibt Kompetenzraster, sowohl auf KMK- als auch auf Bundeslandebene. Darin ist festgelegt, was wir den Schülerinnen und Schülern vermitteln sollen, was auf die aktuelle Welt da draußen gut reagiert. Mit diesen Papieren kann ich zu meinem Schulleiter oder meiner Schulleiterin gehen und zeigen, dass alle Kultusminister und -ministerinnen dies zusammen beschlossen haben. Das ist der Weg. Und je früher wir uns auf dem Weg machen, desto besser.

In Nordrhein-Westfalen haben wir bundesweit das erste Ausbildungsgesetz, in dem steht, dass Referendarinnen und Referendare in Unterrichtsbesuchen mit digitalen Medien arbeiten sollen. Das heißt, man kann vor der Schulleitung argumentieren, dass sie in zwei bis drei Jahren spätestens Referendare und Referendarinnen vor sich haben, die ihre Unterrichtsbesuche digital gestalten müssen. Diesen Raum müssen wir ihnen geben.

Vielleicht kommen ja auch noch die fünf Milliarden Euro von Frau Wanka, aber die hat sie geschickt hinter einem noch zu schreibenden Koalitionsvertrag postiert. Wenn wir uns jetzt konzeptionell auf den Weg machen, haben wir gute Chancen, Gelder zu erhalten.“


Filme im Unterricht


Vielen Dank für das Interview!





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