Studie: Muslimische Schüler werden von Lehrern schlechter eingeschätzt

Stereotype wirken sich auf die Leistungschancen von muslimischen Kindern aus. Eine neue Studie untersucht die Rolle von Lehrkräften und gibt Handlungsimpulse.

Lehrkräfte liberaler als Durchschnitt

Das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) und der Forschungsbereich beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) haben ein gemeinsames Forschungsprojekt zu den Bildungschancen von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund durchgeführt. In drei Teilprojekten wurde untersucht, inwiefern die Leistungserwartungen von Lehrkräften den Bildungserfolg von Kindern mit Migrationshintergrund beeinflussen und wie negativen Effekten entgegengesteuert werden kann. Die Veröffentlichung erschien im Juli 2017 unter dem Titel „Vielfalt im Klassenzimmer. Wie Lehrkräfte gute Leistung fördern können“.

Die beiden Studienleiter/innen Lorenz und Lokhande befragten insgesamt 8000 Menschen zu Aussagen über Muslime sowie zur Integration. So zeigte sich, dass Lehrkräfte im Vergleich zum Bundesdurchschnitt zwar liberaler seien, dennoch meinten immer noch 17 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer, dass Muslime aggressiver seien als andere Menschen. 39 Prozent glaubten auch, dass Muslime weniger bildungsorientiert seien. Umso jünger die Lehrkräfte seien, desto toleranter seien sie jedoch, so Lorenz und Lokhande im Zeit-Interview.

Untersuchungen versus Erfahrungswerte

Ein Teil der Lehrerinnen und Lehrer würde sich dabei auf Erfahrungswerte berufen, so die Studienmacher/innen. Dagegen spreche jedoch, dass wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge besonders türkischstämmige Eltern viel Wert auf den Bildungserfolg ihrer Kinder legten. Während es bei deutschstämmigen Eltern um einen Statuserhalt geht, strebten türkischstämmige Eltern in Deutschland das Abitur sowie einen Studienplatz für ihr Kind an, was als Aufwärtsmobilität bezeichnet wird. Dennoch machten nur dreißig Prozent der türkischstämmigen Kinder das Abitur, im Vergleich zu fünfzig Prozent der deutschen Kinder. Das sei zum Teil auch mit den geringen Bildungserwartungen der Lehrkräfte begründbar, so Studienleiter Lorenz.

Selbsterfüllende Prophezeiung

Im zweiten Teil der Untersuchung wurden die Lehrkräfte wenige Wochen nach dem Schulstart zu den Erwartungen an den Bildungserfolg von Erstklässlerinnen und Erstklässlern befragt. Dabei zeigte sich, dass sie türkischstämmigen Kindern weniger zutrauten, selbst wenn diese über die gleichen Fähigkeiten verfügten. Das wirkt sich als selbsterfüllende Prophezeiung auf den Bildungserfolg der Kinder aus: Kinder, denen man mehr zutraut, als sie könnten, werden im Verlauf des Schuljahres erfolgreicher sein. Umgekehrt werden diejenigen, denen man weniger zutraut, ihr Potenzial nicht ausschöpfen können, so die Macherinnen und Macher der Untersuchung. Per Videoaufzeichnung untersuchten die beiden Forscher außerdem, wie häufig die Lehrkräfte sich im Unterricht mit türkischstämmigen Schülerinnen und Schülern auseinandersetzten und sie drannahmen. Sie konnten zeigen, dass dies seltener als bei deutschstämmigen Kindern der Fall war. Im Verlauf des Schuljahres, so Lorenz und Lokhande weiter, lernten alle Kinder, mit und ohne Migrationshintergrund, gleich viel dazu. Da Kinder von türkischstämmigen Eltern geringere Vorläuferkenntnisse fürs Rechnen und Lesen mitbrächten, würden sie also im Vergleich nicht besser. Die jeweilige Leistungssituation bliebe gleich.

Positive Handlungsstrategien für Lehrkräfte

Noch wichtiger als die Herkunft der Eltern ist für Kinder, ob sie aus einem wohlhabenden oder einem armen Elternhaus stammten. Gerade in Deutschland sei diese soziale Ungleichheit stark ausgeprägt. Um das auszugleichen, haben Lorenz und Lokhande im dritten Teil ihrer Untersuchung mithilfe einer einfachen Strategie ein soziales Experiment unternommen: Vor einem Mathetest ließen sie einen Teil einer siebten Klasse eine zusätzliche Aufgabe lösen, in der die Kinder angeben sollten, was sie besonders stark mache oder was ihnen wichtig sei. Dies sollten sie schriftlich erläutern. Im Anschluss wären vor allen Dingen die türkisch- und arabischstämmigen Kinder viel entspannter und positiver mit dem Test umgegangen und hätten bessere Leistungen erzielt. Studienleiterin Lokhande führt weiter an, dass sie nicht nur besser abgeschnitten hätten, als die Kinder, die diese zusätzlich Aufgabe nicht lösen mussten, sondern dass der Effekt nachhaltig anhielt. Die Leistungslücke zwischen Kindern türkischer und arabischer Herkunft und den Kindern ohne Migrationshintergrund sei so um 43 Prozent im Laufe des Schuljahres verringert worden. So sei eine Aufwärtsspirale in Gang gesetzt worden, meint Lokhande. Bei den Durchschnittsschülerinnen und -schülern aus der Mehrheitsbevölkerung, die diese Aufgabe ebenfalls gelöst hatten, habe sich diese Entwicklung nicht gezeigt. Sie seien anscheinend sicherer in ihrer Wahrnehmung und hätten genügend Selbstvertrauen, dass dieser Aufsatz bei ihnen nichts bewirkt hätte. Studienleiterin Lokhande sieht hierfür einen Beleg, „dass Stereotypen tatsächlich einen Einfluss auf die Leistungen haben“.

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