Schulstart-Tagebuch: Und wieder geht’s von vorne los …

Die Ferien sind vorbei und die Schultüren haben wieder geöffnet. Für Lehrerinnen und Lehrer drei Tage früher als für die Schülerschaft. Franziska fasst die Ankunftsstimmung für beide Seiten zusammen.

Die Zeit rast. Aber nicht Weihnachten und Ostern rücken jedes Jahr immer näher. Es ist das neue Schuljahr. Man kann wahrscheinlich jeden Lehrer und jede Lehrerin fragen: Kein Monat geht so schnell vorbei wie der August. Drei Tage lang gehen dann allerdings nur Erwachsene in die Schule. Eine Art Countdown, bei dem die Schülerschaft noch eine Schonfrist genießt.

Präsenztage

An den sogenannten Präsenztagen bereitet sich das Kollegium vor und kommt endlich zu Erledigungen, die im laufenden Schulbetrieb oft hintenüberfallen. Hausinterne Fortbildungen, Erste-Hilfe-Kurse und Fachkonferenzen sind nur einige Programmpunkte, die meine Schule im Kalender stehen hatte. Als Vortragender oder Vortragende hat man hier übrigens wenig zu lachen: Auch Lehrerinnen und Lehrer möchten sich zu Beginn erstmal über die Ferien austauschen und stoßen in regelmäßigen Abständen den Ausruf hervor: „Mist, hab ich vergessen! Ach, ich bin mit dem Kopf ja auch noch in den Ferien …“

Außerdem werden die Stundenpläne und Pausenaufsichten verteilt, begleitet durch Jubelschreie und Heulkrämpfe. Neue Kollegen und Kolleginnen werden beäugt und willkommen geheißen und der Schulhausmeister hat wahrscheinlich seine geschäftigste Zeit des Jahres, denn was für den einen Klassenlehrer schnurzegal war, ist für die nächste Klassenlehrerin ein unzumutbarer und reparaturbedürftiger Fehler im neuen Raum. All diesem möchte ich noch eine meteorologische Entdeckung hinzufügen, die ich in diesem Jahr gemacht habe: Grundsätzlich lassen sich die Temperaturwerte der drei Präsenztage auf exakt die gleiche Summe addieren wie die Werte aller anderen Tage der Sommerferien zusammen. Was nicht unbedingt zur guten Laune und Geduld des Kollegiums beiträgt.

Schulstart-Tagebuch

Die eigentlich spannende Phase beginnt natürlich mit dem richtigen ersten Tag. In diesem Jahr zählt auch eine neue siebte Klasse zu meinen Schützlingen und was soll ich sagen: Der Moment, in dem die neuen Kleinen das erste Mal vor einem sitzen, ist Gold wert. Wenn er auch nichts über die eigentlichen Merkmale der Schüler und Schülerinnen verrät, denn von Natur aus sind die meisten unter ihnen erst einmal deutlich zurückhaltender, als es ihre ursprüngliche Art wäre. Die nächsten Tage sind dafür umso aufschlussreicher und seien an dieser Stelle kurz von mir notiert:

1. Schultag: Montag

Die neue Klasse findet sich in ihrem Klassenraum zusammen. Ein wildes Gewusel. Wenige Schülerinnen und Schüler kennen sich, alle sind aufgeregt. Besonders die Eltern: Sie zu Unterrichtsbeginn aus dem Klassenzimmer zu vertreiben, erinnert mich ein bisschen an die Sommerferien früher, in denen ich meiner Oma jeden Abend half, die Hühner in den Stall zu treiben. Die Arme ausgebreitet stellen meine Kollegin und ich uns in den Eingang und sagen: „Haben Sie Vertrauen, ab hier schaffen sie es auch allein.“ An dieser Stelle sei angemerkt: Die Schülerschaft in diesem Raum ist zwischen zwölf und 14 Jahren alt. Aber gut, zu fürsorgliche Eltern sind mir lieber als das Gegenteil. Wir beginnen mit einem Kennenlernspiel und der Vergabe wichtiger, zu unterschreibender Dokumente. Der erste Schüler merkt an, dass er seine Schultasche zu Hause hat liegen lassen. „Ich bin mit dem Kopf noch ein bisschen in den Ferien“, entschuldigt er sich. Ich zweifle an meinen eigenen Worten, die ich eben noch den Eltern entgegengebracht habe.

2. Schultag: Dienstag

Die Klasse durchläuft einen Parcours, auf dem sie ihre Fertigkeiten und ihren Teamgeist prüfen können. Es warten schwierige und lustige Aufgaben. Ich staune über die Geduld meiner neuen Klasse, auch kann ich mit ihnen erste Gespräche über ein respektvolles Miteinander und den Umgang mit Vielfältigkeit führen, was mich sehr freut. An dieser Stelle äußern sich auch schon einige Besonderheiten sowie das Leistungsspektrum der Schülerinnen und Schüler. Nicht nur für mich, auch für den Rest der Jugendlichen. Hannes zum Beispiel erklärt im Gespräch mit unserem Schulleiter, er habe sich bewusst für diese Schule entschieden, weil er die SchulleiterIN so sympathisch fand. Yashar dagegen weist mich beim Parcours darauf hin, dass das Lied „Zehn kleine Zappelmänner“, das im Hintergrund läuft, „nicht pc sei“. „Auch wenn es nicht den Originaltext beinhaltet“, so sei es ja doch „eine Adaption des rassistischen Originals“. Super. Beide in einem Klassenraum zu unterrichten, wird auf jeden Fall eine Herausforderung.

3. Schultag: Mittwoch

Die Schülerinnen und Schüler erhalten endlich ihren Stundenplan. Jubelschreie und Heulkrämpfe. Alles dabei. Aber die Klasse leidet und freut sich miteinander. Aus der unübersichtlichen Masse vom Anfang ist schon jetzt eine große Gruppe geworden. Es haben sich einige Freundschaften gebildet und die Stimmung ist auf Neustart ausgerichtet.

Auch für mich. Auf dem Hof habe ich meine alte Klasse getroffen, die abzugeben mir alles andere als leichtgefallen ist. An diesen Punkt des Berufs werde ich mich so schnell nicht gewöhnen und doch freue ich mich jedes Jahr auf die neuen Schülerinnen und Schüler. Auf neue Themen, Herausforderungen und Gespräche. Die Stimmung zum Beginn des Schuljahres genieße ich immer sehr. Es ist wie ein neues Heft, das man aufschlägt, und das man motiviert und so sauber wie möglich mit neuen Inhalten füllen möchte. Ich bin gespannt, welche Geschichten ich hier zu erzählen haben werde …

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Referendarin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.




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