Wenn Lehrkräfte posten, chatten, snappen – zum Umgang mit sozialen Medien

Lehrerinnen und Lehrer gehören zu einer ausgesprochen heterogenen Berufsgruppe. Das spiegelt sich auch in ihrem Umgang mit den Medien wider, mit denen sich Jugendliche beschäftigen. Lehrer Maximilian Lämpel hat zu diesem Thema so seine Beobachtungen gemacht.

Die Jugend da abholen, wo sie steht

Letzte Woche gab der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann Spiegel Online ein Interview, in dem er forderte, Lehrerinnen und Lehrer müssten sich u. a. mit Snapchat und Instagram auskennen. Nicht unbedingt als Nutzer bzw. Nutzerinnen, aber das Wissen um diese Social-Media-Plattformen
sei unerlässlich, um sich in die „Lebens- und Lernwelt der Schüler hineinvertiefen zu können“. Ein Kollege hatte dieses Interview ausgedruckt, mit Ausrufungszeichen versehen und jeder Kollegin und jedem Kollegen ins Fach gelegt. Ich habe keine Ahnung, wie breit die Resonanz war und nehme stark an, dass die wenigsten den Text gelesen haben. Aber immerhin ein Lehrerzimmergespräch zu diesem Thema schnappte ich auf. Keiner der Diskutanten kannte Snapchat oder Instagram. Man sprach dann auch nicht über Inhaltliches, sondern beschränkte sich auf das Bespötteln des Kollegen, der die Kopien angefertigt hatte: Smartphonesüchtiger halt, der nur rechtfertigen will, immer sein Smartphone in der Hand zu halten. Nun geadelt durch Professor Hurrelmann. Damit haben sie vermutlich ein bisschen recht, ändert aber nichts an der eigentlich ja echt alten und wichtigen Botschaft: Man sollte sich in diesem Job für die Schülerinnen und Schüler interessieren, sie da abholen, wo sie stehen. Das hatte man doch mal so gelernt.

Tafelbilder mit Insta-Filter

Eine Kollegin hat bei Facebook eine Gruppe für ihren Leistungskurs eingerichtet und lädt dort Dateien hoch, lässt diskutieren usw. Es gibt zwar Plattformen, die dafür vorgesehen sind, Moodle und so, aber da loggen sich die Schülerinnen und Schüler nie freiwillig ein, bei Facebook schon. Soll man ja nicht machen, aber funktioniere, sagt sie, und ihr Kurs fänd’s gut.
Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die mit ihren Klassen über WhatsApp kommunizieren, soll man auch nicht machen, aber: Wo kein Kläger, da kein Richter. Als ich Klassenlehrer wurde, haben mich die Eltern sogar explizit um eine WhatsApp-Gruppe gebeten, aber weil ich dort nicht ständig belästigt werden wollte, habe ich auf die Rechtslage verwiesen. Ich maile meinen Schülerinnen und Schülern ab und zu Links zu YouTube-Erklärvideos oder Dokus und nutze Lernplattfomen (beste, ist klar: sofatutor). Snapchat hingegen habe ich noch nie verstanden. Und natürlich kann man sich auch ernsthaft für die Schülerinnen und Schüler interessieren, wenn man nicht weiß was Insta-Storys sind.
Vor allem ist aber klar, dass man auf keinen Fall all das nutzen sollte, um cool zu wirken. Das geht immer nach hinten los. Man kann sich da wirklich schnell lächerlich machen. Eine Zeitlang hatte Kollegin C. Tafelbilder bei Instagram gepostet. Allein das kann man mit einiger Berechtigung peinlich finden – als würden ihre Tafelbilder durch Filter irgendwie cooler. Es war dann aber obendrein so, dass sie aus unerfindlichen Gründen davon ausging, der Schülerschaft würden nur die Tafelbilder angezeigt und alle anderen Fotos seien privat. War nicht so. Die halbe Schule schaute sich also nun ihre privaten Fotos an, fast ausschließlich Selfies, oft mit Mann und Hund. Manchmal auch nur mit Hund.

Aufregende E-Mails im Lehrerzimmer

Zwei Tage nachdem ich das Interview mit Professor Hurrelmann gelesen hatte, bat mich eine Kollegin im Lehrerzimmer um Hilfe. Sie sei gestern Oma geworden und wolle sich nun die ersten Fotos anschauen. Dann lotste sie mich zu den Computern im Lehrerzimmer, deutete auf einen Stuhl, auf den ich mich offenbar setzen sollte und wies auf den PC: Ihre Tochter habe ihr Fotos geschickt. Und dann schaute sie mich auffordernd an. Es dauerte einen Moment bis ich begriff, was sie von mir wollte. Auf meine Frage nach ihrem E-Mail-Dienst guckte sie mich ausdruckslos an und sagte erst nichts und dann „Ach!“. Dann kramte sie umständlich nach einem Zettel im Portemonnaie, den sie mir in die Hand drückte und auf dem eine Web.de-Adresse und ein Passwort notiert waren. Als ich ihr die Mail ihrer Tochter mit den Fotos ihres Enkels öffnete, ist die Kollegin zurecht ganz aufgeregt und aufgewühlt gewesen. Ich war auch aufgeregt und aufgewühlt, aber eher weil ich nicht fassen konnte, dass sowas im Jahr 2017 noch möglich ist. Ich überlegte dann kurz, ob ich Zwangsfortbildungen zustimmen würde und ob man mal ans Kündigungsrecht ranmüsse, aber die Kollegin ist mir eigentlich sympathisch, sodass ich diese Gedanken vorerst verwarf.

Peinliches Tinder-Match

Zum Thema Lehrkörper, die in den sozialen Medien unterwegs sind, darf die Geschichte von der Kollegin U., Referendarin an meiner Schule, nicht unerzählt bleiben: Während der Präsenztage erzählte sie mir ebenso beschämt wie besorgt, dass sie in den Sommerferien einen Schüler bei Tinder gematcht habe. Aus Versehen. Er habe ein falsches Alter angegeben und sie ihn auf den Fotos nicht erkannt. Tja, er sie schon. Jetzt sitzt er in ihrem Grundkurs und sie fürchtet, dass er die Angelegenheit anspricht, weitererzählt oder oder oder. Ich konnte ihr nicht weiterhelfen, vielleicht sollte sie Hurrelmann mal fragen, was sie jetzt machen soll.

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Titelbild: © LightField Studios/shuttertock.com