Der Apfel und der Stamm – über Elternbegegnungen

Nebem ihren Schülerinnen und Schülern und dem Kollegium treffen Lehrkräfte auch auf die Eltern ihrer Schützlinge. Begegnungen mit Letzteren können glücklicher, unglücklicher sowie kurioser Natur sein. Von einer kuriosen Begegnung möchte Lehrerin Franziska berichten.

Fiona

Das Aktenbuch

Fiona war eine mehr als einzigartige Schülerin in meiner (bisher kurzen) Laufbahn. „Mehr als einzigartig“ deswegen, weil natürlich jeder Schüler und jede Schülerin seine und ihre Besonderheiten mitbringt. Von Fiona kann ich allerdings schon jetzt behaupten, dass sie mir während meiner gesamten beruflichen Laufbahn in Erinnerung bleiben wird. Meinem engeren Kollegium, das ich ihretwegen allzu oft konsultierte und mit Anekdoten versorgte, übrigens auch. Als Fiona bei uns in die siebte Klasse kam, hatte sie schon acht Jahre Schule hinter sich. Die Schülerin hatte einen Förderbedarf im Bereich Lernen und war deswegen auf Hilfestellungen angewiesen. An meiner Schule, einer inklusiven Sekundarschule, sind das viele Kinder und Jugendliche. Ihre Schülerakte war allerdings so dick, dass die graubraune Pappe an einigen Ecken bereits zu zerfallen drohte. Das war nicht deswegen der Fall, weil Fiona aufgrund von bösartigem Handeln oder schwereren sozialen Voraussetzungen eine Menge Aktennotizen gesammelt hätte. Das war deswegen so, weil vor mir schon viele Lehrerinnen und Lehrer versucht hatten, herauszufinden, wie Fiona am besten vom Unterricht profitieren könne, wie es möglich sei, ihr etwas beizubringen. Und darüber hatten sie Buch geführt. „Buch“ im wahrsten Sinne des Umfangs.

Seifenoper im Kopf

Fionas absolute Stärke lag in ihrer Kreativität und ihrem Selbstbewusstsein. Sie hatte keine Scheu davor, Arbeitsergebnisse laut vorzutragen, obwohl sie oft genug an ihre Grenzen geführt wurde. Texte präsentierte sie mit einer besonderen Theatralik. Klamotten wählte sie mit einer Gabe für Extravaganz aus. Und obwohl Fiona ihre Inkompetenz in schulischen Belangen Zeugnis um Zeugnis vor Augen geführt wurde, gab sie den Glauben an sich selbst nie auf. Ich habe das sehr an ihr bewundert. Denn das Zeugnis war zwar voller Lob für Fionas Arbeitshaltung und Sozialverhalten, in Mathematik schaffte sie es aber nie über das Niveau der dritten Klasse hinaus. In Deutsch verstand sie keine Aufgabenstellungen und schrieb nur nieder, was ihr gerade durch den Kopf ging. Und das war oft genug eine Seifenoper, die für Außenstehende keinen Sinn ergab.

Fionas Förderbedürftigkeit lag kurz vor einer geistigen Behinderung. Das ist keineswegs überzogen formuliert, sondern das klare Ergebnis einiger Tests, die ich mit ihr durchgeführt hatte und nach denen für mich klar war: Meine Schule konnte ihr die notwendige Unterstützung leider nicht geben. Ein Schulersatzprojekt, das sich auf Schüler und Schülerinnen mit diesen Möglichkeiten spezialisiert hat und bei dem vorrangig praktisch unterrichtet wird, war für sie definitiv die bessere Wahl. Die Jugendliche weitere zwei Jahre mit einer ihren Horizont übersteigenden Mathematik zu quälen, hätte nicht nur sie erschöpft, sondern auch alle beteiligten Fachkräfte.

Fionas Mutter

Mit Fächer und Gewand

Die Entscheidung allein zu treffen, überstieg allerdings meine Befugnis. Und so kam es, dass ich an einem sonnigen Frühlingstag Fionas Mutter in mein Büro erwartete. Die voluminöse Frau war eine wahre Erscheinung: Ihren üppigen Körper hatte sie viel mehr in Gewänder als in Kleidung gehüllt. Und ihren dramatischen Auftritt, bei dem sie durch die Flure schritt und suchend meinen Namen rief, untermalte sie gekonnt durch ausschweifende Handbewegungen mit ihrem knallbunten Fächer. Angekommen in meinem Büro stellte sie sich ans offene Fenster, fächerte sich Luft zu und verkündete, dass dies wahrlich kein Wetter sei, um aus dem Haus zu treten. Ein selbstbewusster Stamm, dachte ich. Genau wie der Apfel.

Die nächste halbe Stunde kam ich nicht zu Wort. Weder um Fragen zu stellen, noch um mein Anliegen vorzutragen. Ich lauschte stattdessen dem Skript einer reißerischen Vorabendserie. Der Bericht über das Zusammenleben von Fionas Mutter und ihrem Ehemann hätte auf jeden Fall eins sein können. Ich hörte von Affären, von Streit und Zank und von dem Pflichtbewusstsein, das beide Elternteile erfülle, gemeinsam bei ihrem Kind bleiben zu wollen. Die Situation war mir unangenehm, zu weit wollte ich in die familiäre Umgebung gar nicht hineinschnüffeln. Die gute Frau abzuwürgen, konnte von ihr allerdings auch falsch verstanden werden und ich wollte eine gemeinsame Ebene finden. Also war ich still und nickte verständnisvoll. Der Stamm hatte ähnlich viel zu erzählen, wie sein Apfel mir unlängst in Deutsch aufgeschrieben hatte.

Knallpeng

Das Recht zu sprechen musste ich mir erkämpfen. Nach einer halben Stunde versuchte ich freundlich, aber bestimmt, das Gespräch in die Richtung zu lenken, die mir vorschwebte. Ich fragte Fionas Mutter, wie sie die Leistungen ihrer Tochter selbst einschätze. Diese antwortete eilig, dass sie wenig Geduld habe, sich mit den schulischen Belangen ihrer Tochter auseinanderzusetzen. Das mache ihr Mann. Was übrigens auch ein Grund sei, aus dem sie ihn noch nicht lange verlassen habe. Bevor sie an der Stelle weitersprechen konnte, übernahm ich die Gesprächsführung schnell wieder. Es war ein Balanceakt, die Mutter nicht komplett zu schockieren – denn offenbar hatte sie keine Vorstellungen von Fionas fehlenden Fähigkeiten – und sie dennoch aufzuklären. Innerhalb des Gesprächs eröffnete sie mir ihre Vorstellungen von einer Zukunft für die Tochter: Sie solle Abitur machen und dann Kunst studieren. In meinem Kopf machte es kurz „Knallpeng“ und ich musste aufpassen, dass ich nicht komplett die Fassung verlor ob ihrer so gravierenden Fehleinschätzung. So realitätsfern wie der Apfel war offenbar auch sein Stamm.

Wie die Kinder so die Eltern

Keine Akte und keine Klassenarbeit kann so viel Aufschluss über einen Schüler oder eine Schülerin geben, wie ein Gespräch mit den Erziehungsberechtigten. Teilweise beruht das offenbar auf Gegenseitigkeit. Ich schmunzle oft über Ähnlichkeiten, über kippelnde Eltern auf den Plätzen ihrer kippelnden Kinder. Ich bin oft traurig über häusliche Zustände, wenn ich sehe, dass die Eltern genauso ungepflegt zum Gespräch erscheinen, wie ihre Sprösslinge in den Unterricht kommen. Zumindest gehe ich aber immer etwas klüger aus den Gesprächen heraus, oft auch mit einer neuen Idee für meine Schützlinge.

Fionas Stamm konnte ich übrigens von der neuen Schulform überzeugen. Es hat einige Mühen und Tränen gekostet, aber die Einsicht kam irgendwann.
Dem Apfel geht es seitdem gut an ihrer neuen Schule.

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Referendarin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.

Titelbild: © JP Chretien/shutterstock.com