Das heiße Eisen: Warum Eltern nicht bei den Hausaufgaben helfen dürfen

Chirurgen, erklärte mir ein Arzt, operieren niemals ihre Lieben. Als ehrenamtliche Schwimmlehrerin habe ich Hunderten von Kindern das Schwimmen beigebracht. Nur meinen eigenen Kindern nicht. Gleiches gilt für die Hausaufgaben. Ich kann es zwar – aber ich sollte nicht helfen.

Das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer

Warum ist das so? Dazu muss man in die Bindungstheorie gucken. Lernen geschieht über gute Bindung und Begeisterung. Und zwar Begeisterung für das Thema und Bindung zum Lehrenden.
Als positives Beispiel fällt mir meine Englischdozentin an der Uni ein. Sie gab uns wöchentliche Hausaufgaben, die richtiges Knobeln bedeuteten. Ich dachte tagelang über die gestellten Aufgaben nach, wälzte Bücher und nahm die Aufgaben mit in den Schlaf. Die Fragestellung ließ mir keine Ruhe, bis ich sie gelöst hatte. Und zwar alleine. Danach war ich unglaublich stolz.
So funktioniert Lernen im besten Fall. Man muss dazu sagen, dass es keine Sanktionen gegeben hätte, hätte ich die Hausaufgaben nicht gelöst. Dann hätte es zwar diesen Schein nicht gegeben, aber ich machte den Kurs eh freiwillig.

Eltern sind keine guten Nachhilfelehrer für ihre Kinder

Die Hausaufgaben meiner Kinder sind aber nicht freiwillig. Die Lehrkräfte sagen, sie dienen der Vertiefung des in der Schule erworbenen Wissens. Meiner Meinung nach dienen die Hausaufgaben oft dazu, das in der Schule nicht erworbene Wissen durch die Eltern vermitteln zu lassen. Das ist fatal. Indem das Kind Hausaufgaben aufbekommt, die es alleine nicht bewältigen kann, gibt die Lehrkraft indirekt Lerninhalte an die Eltern ab. Dadurch verstärken sich zwei verhängnisvolle Prozesse: Kind und Eltern sind genervt. Und das Kind verliert die Freude am Fach. Eltern sind nicht die idealen Nachhilfelehrerinnen und -lehrer für ihre Kinder, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.

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Freude am Lernen kommt nicht durch Zwang

Auf Elternabenden höre ich oft „Vorschläge“ seitens der Lehrerinnen und Lehrer, was wir als Eltern zu Hause alles tun sollten: Karteikärtchen abfragen, mit den Kindern im Mathebuch bis Seite soundso selbstständig arbeiten, Gedichte auswendig lernen, Grammatik pauken.
Und manche der anderen Eltern ziehen das auch durch, bis hin zum Hausarrest für ihre Kinder, wenn sie damit Schwierigkeiten haben. Ich verstehe das nicht. Wie soll ein Kind, das zum Lernen gezwungen wird, jemals Freude daran empfinden?

Wenn die Beziehungsebene dazwischenfunkt

Ich habe hauptberuflich jahrelang Englisch unterrichtet, Französisch-Nachhilfe gegeben und an der Uni jungen Erwachsenen Dinge beigebracht, von denen sie gar nicht wussten, dass sie sie wissen wollen. Aber meinen eigenen Kindern kann ich in Sachen Fremdsprachen nix beibringen, obwohl ich sämtliche Kompetenzen dazu hätte.
Und auch das Schwimmenlernen haben andere erledigt: In einer Gruppe mit Gleichaltrigen, angeleitet von der hiesigen DLRG, taten sich meine Kinder wesentlich leichter damit, den Beinschlag zu üben und nach Ringen zu tauchen.
Die Wissensvermittlung funktioniert einfach nicht, weil die Beziehungsebene uns dazwischenkommt. Das Einzige, was zuverlässig klappt, ist das Vokabellernen mit der Großen – aber auch das nur, wenn sie mich um Hilfe bittet. Dann freue ich mich richtig, weil ich selbst Vokabeln als großen Spaß empfinde und weil sich das für mich anfühlt, als würden wir etwas wirklich Schönes zusammen machen.

Der Schulstoff sollte nicht bei den Eltern abgeladen werden

Leider stehe ich mit meiner Meinung zu einer Trennung von Schulstoff und Elternzeit ziemlich alleine da. Es gibt zwar namhafte Wissenschaftler, die das genauso sehen, aber in den meisten Schulen hat sich das noch nicht durchgesetzt.
Trotzdem, ich bleibe dabei: Die Lehrkraft muss es schaffen, die Schülerinnen und Schüler zu begeistern und zu motivieren. Die Wissensvermittlung bei den Eltern abzuladen, ist ein aussichtsloses Unterfangen. Es zerstört die Bindung. Ich wünschte, das würde sich auch in den Schulen herumsprechen. Denn, und damit schließt sich der Kreis, am Ende funktioniert alles Lernen über Bindung – nicht über das Delegieren von Wissensvermittlung an die Eltern.

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Titelbild: © LightField Studios/shutterstock.com

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