Traum(a) der Inklusion

Was klingt wie das Märchen der Gemeinsamkeit, scheint in der Realität zu scheitern: überforderte Lehrerinnen und Lehrer auf der einen, unglückliche Schülerinnen und Schüler auf der anderen Seite. Aber wie sieht es an deutschen Schulen wirklich aus? Und vor allem: Wie sollten Eltern sich verhalten?

Die Idee: Geistig und körperlich behinderte Schülerinnen und Schüler, Kinder aus Flüchtlingsfamilien und Schülerinnen und Schüler ohne Behinderung oder Migrationshintergrund werden gemeinsam in Regelschulen unterrichtet. Dabei sollen, neben dem inhaltlichen Lehrplan, unterschiedliche Lernziele erreicht werden: Es soll Offenheit entstehen, Toleranz gefördert werden, die Schülerinnen und Schüler sollen voneinander lernen. Es wird davon ausgegangen, dass jeder eine besondere Stärke hat, von der seine oder ihre Mitmenschen profitieren können. In diesem Sinne sollen stärkere Schülerinnen und Schüler die schwächeren Mitschülerinnen und Mitschüler mitziehen, motivieren und animieren. So soll beim Lernen ein Gefühl der Gemeinsamkeit entstehen. Zugegeben: Der Anspruch der Inklusion ist hoch.

Zu schön, um wahr zu sein?

Kritische Stimmen zur Inklusion in der Schule gibt es genug. Es wird angezweifelt, dass die Lehrkräfte die zusätzliche Belastung durch die verschiedenen Einschränkungen der Schülerinnen und Schüler bewältigen können. Es wird hinterfragt, inwiefern starke Schülerinnen und Schüler auch von der Situation profitieren, oder ob stets nur von ihnen profitiert wird. Darüber hinaus ist fraglich, ob den Schülerinnen und Schülern mit Behinderung die richtige Aufmerksamkeit und Pflege zuteilwird und ob am Ende die Idee der Inklusion nicht eigentlich eine große Exklusion ist – weder den schwachen, eigentümlichen, benachteiligten noch den starken Schülerinnen und Schülern kann die Lehrkraft in der inklusiven Unterrichtssituation gerecht werden. Diese Sorgen kommen auch von Elternseite und sind durchaus berechtigt.
Der aktuelle Bericht des Landesrechnungshofes (LRH) in Schleswig-Holstein, einem Bundesland, in dem die Inklusion an Schulen mit sehr hohem Tempo durchgeführt wurde, deckt noch andere Defizite auf: Die Schulgebäude seien nicht ausreichend für die Inklusion gewappnet – ein wichtiges Stichwort ist die Barrierefreiheit, die an vielen Schulen noch nicht gegeben ist. Außerdem ist die Anzahl der Fachkräften zu gering. Es müsse mehr Förderlehrerinnen und -lehrer geben, mehr Sonderpädagoginnen und -pädagogen, kleinere Schulklassen und mehr Zeit für Kommunikation und Ausgleich, fordert der Bericht.

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Inklusion im Kern mitdenken

Natürlich sind all diese Defizite und Bedenken nicht wegzudiskutieren. Allerdings ist es wichtig, sie von allen Seiten zu betrachten. Der Kritikpunkt, dass es an Schulen zu wenige Lehrkräfte aller Art gibt, ist nicht neu. Idealerweise sollten pro Schulklasse fünfzehn Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden – was sehr selten der Fall ist. Diese Kritikpunkte gelten allgemein für das deutsche Schulsystem – unabhängig, ob Regelschülerinnen und –schüler in den Klassen sitzen. Dieses Problem ist also keines der inklusiven Schule – auch wenn es ein wichtiges Problem ist, für das sich Bund, Länder, Lehrkräfte, Schulleiterinnen und Schulleiter einsetzen sollten.
Aber was ist mit spezifischen Problemen der inklusiven Schule? Werden leistungsstarke Schülerinnen und Schüler tatsächlich in ihrer Lerngeschwindigkeit gebremst? Eine Antwort gibt es auf diese Frage nicht. Es gibt immer Schülerinnen und Schüler, die länger brauchen und so das Lernniveau in Klassen mitbestimmen. Die Frage ist aber nicht das Niveau, sondern die Bereitschaft aller Beteiligten, die Schwächeren und Langsameren mitzutragen.

Offenheit und Mithilfe vorleben

Hier ist die Mitarbeit aller gefragt: Eltern und Lehrkräfte sollten aktiv an einer Grundstimmung arbeiten, die Toleranz und Hilfsbereitschaft propagiert. Wenn Eltern zu Hause nicht ihre Angst um das eigene unterforderte Kind äußern, sondern vorleben, dass Offenheit und Mithilfe an realer Gleichberechtigung mitwirken, kann sich vieles ändern.
Kommunikation ist ein Schlüsselwort. Fragen Sie nach, wie Ihr Kind den Schulalltag empfindet. Hinterfragen Sie, warum es diese oder jene Probleme äußert. Sprechen Sie mit der Lehrkraft. Bei der Kommunikation mit anderen Eltern sollten Sie auch inklusiv denken: Sprechen Sie auch mit den Eltern von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund oder mit den Eltern von Schülerinnen und Schülern mit Behinderung. Auch diese haben Ängste und Sorgen – gegenseitiges Verständnis kann Probleme lösen.
Inklusion fängt nicht erst beim Betreten des Schulgebäudes an, sondern bereits am heimischen Frühstückstisch – Kinder übernehmen die Grundhaltung ihrer Eltern in der Regel und die Skepsis der Eltern lässt sich genauso wie Offenheit leicht gegen Mitschülerinnen und Mitschüler richten.

Kinderschuhe können wachsen

Wie die aktuelle Diskussionslage um die Inklusion zeigt, besteht noch Optimierungsbedarf. Diese Tatsache darf allerdings als Chance betrachtet werden: Als Chance, Missstände zu benennen, sie aufzuzeigen und durch Teilhabe daran zu arbeiten, diese zu verbessern. Jede neue Idee und jedes neue System ist nie vollkommen fehlerfrei, aber beide sind glücklicherweise auch nicht statisch. Der Traum der Inklusion kann zur Realität werden, wenn sie von allen mitgedacht wird und sich jeder mit seiner Verantwortung inkludiert.

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Titelbild: © Rawpixel.com/shutterstock.com

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