Über Elterngespräche: „Wir müssen reden!“

Wieso hat man als Elternteil fast immer das Gefühl, am Pranger zu stehen, wenn ein Elterngespräch ansteht? Und, müssen wir immer so viel reden?

An mein erstes Mal kann ich mich noch gut erinnern – es war im Kindergarten, nachdem meine Große (nun 17 Jahre alt) ein halbes Jahr den Kindergarten besucht hatte. Ich saß mit einer Erzieherin an einem Holztisch in einem dunklen Zimmer voller Aktenordner. Trotzdem war es irgendwie ganz nett.

Vor allem war ich beeindruckt, wie gut die Erzieherin mein Kind kannte und wie viele Gedanken sie sich machte. Es folgten noch viele solcher Termine. Bei drei Kindern und vier Umzügen innerhalb der Stadt lernt man als Elternteil nicht nur die einzelnen Krippen, Kitas und Horte gut kennen, sondern später auch die Grundschulen (drei verschiedene Grundschulen) und die diversen weiterführenden Schulen.

Statt konstruktiver Tipps gibt’s oft nur banale Ratschläge

Leider werden die Elterngespräche mit fortschreitendem Alter der Kinder immer unangenehmer. Eigentlich geht man überhaupt nur hin, wenn es Ärger gibt. Und dann fühlt man sich ein bisschen, als würde man als Elternteil bewertet. Denn wenn irgendetwas in der Schule nicht klappt, dann kann das ja nur am Elternhaus liegen, oder?!

Wobei das mit der Schuld ein Stück weit sogar stimmt. Aber was soll man als Elternteil machen, wenn die Talente genetisch so verteilt sind, dass z. B. meine Große genauso unbegabt in Mathe ist, wie ich es war?

„Frau Finke, Sie dürfen Ihre Mathe-Aversion nicht auf Ihre Tochter übertragen“, riet mir einst die Mathelehrerin meiner Großen, als diese in Klasse 6 nach Fehlzeiten durch einen Klinikaufenthalt eine glatte Sechs schrieb.

„Gute Frau“, dachte ich, „erstens bekommt mein Kind genau mit, dass mir schon der Anblick eines Mathehefts Bauchschmerzen bereitet, und außerdem weiß sie, dass ich eine Matheschwäche habe, weil ich seit Klasse 3 nicht mehr helfen kann in diesem Fach.“

Was ich stattdessen sagte, ging in Richtung: „Ob ich eine Aversion habe oder nicht, spielt bei meinen Kindern keine Rolle.“ Das veranlasste die Lehrerin zu einem Stirnrunzeln. Ich habe es dann unterlassen, solche Gespräche überhaupt zu initiieren und gehe nur noch hin, wenn mir eine Lehrkraft Gesprächsbedarf signalisiert.

Zwischen häuslichem Kontext und Schule klaffen Welten

Und auch die Grundschullehrerin, die mir im Zusammenhang mit Hausaufgabenstress erzählte, bei ihr in der Schule sei alles ganz einfach, war nur mittelmäßig hilfreich: „Hier hat das Kind auch oft keine Lust, mitzuarbeiten. Ich sage dem Kind dann einfach, dass ich von ihm erwarte, sich jetzt zusammenzureißen, und dann geht es!“ Wenn das so einfach im häuslichen Kontext wäre, dann wäre die Erziehung mitsamt Hausaufgaben am Küchentisch ein Kinderspiel. Millionen Eltern wissen, dass das so nicht funktioniert.

Für die Eltern von Grundschülerinnen und Grundschülern scheinen mittlerweile zwei dieser Gespräche pro Jahr normal zu sein. Ich finde das ziemlich viel. Besonders wenn ich an meine Kindheit denke – meine Eltern waren nur ein einziges Mal bei einem Elterngespräch, als ich in der achten Klasse in Mathe zwischen den Noten Vier und Fünf stand. Der Lehrer beruhigte sie und sagte, ich würde ja den Unterricht nicht stören, und schlechter als Vier würde es im Zeugnis erst mal nicht werden. Als Schülerin wiederum fand ich das sehr beruhigend.

Das optimierte Kind versus Eigenverantwortung beim Lernen

Heute wird überall optimiert: Die Kinder sollen hier besser werden, dort noch mehr tun, und möglichst keine Schwächen haben. Und damit das klappt, werden die Eltern mit ins Boot genommen. Oder sollte ich sagen, in Haftung?

Denn eigentlich halte ich mehr vom eigenverantwortlichen Lernen. So wie das in der Gemeinschaftsschule gehandhabt wird, die mein Sohn besucht.

Dort sind die Elterngespräche völlig anders gestaltet: Es ist ein Gespräch zwischen Lernbegleiterinnen bzw. Lernbegleiter, wie die Lehrkräfte dort heißen, und dem bzw. der Lernenden. Die Eltern sitzen nur dabei und hören zu. Diese „Lernentwicklungsgespräche“ anstelle von Elterngesprächen mag ich, ich freue mich sogar darauf.

Wenn ich mir etwas wünschen darf, dann dass diese Attitüde auch in Grundschulen und möglichst überall Einzug findet: Konstruktives Feedback an die Schülerinnen und Schüler anstatt eines Schwarzer-Peter-Spiels mit den Eltern. Das wär’s. Schulsystem, wir müssen reden!

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