Fortnite und andere Daddeltrends

Sie tun es fast alle – Kinder daddeln leidenschaftlich gern. Und wir Erwachsene stehen manchmal ratlos daneben. Wann ist es zu viel und wie wahrt man den Familienfrieden?

Dieser flehende Blick.
„Aber Mama, ALLE aus meiner Klasse dürfen das spielen!“, brachte der Sohn vor.
Um seine Aussage noch zu verstärken, stampfte er mit dem Fuß auf.
Ich hatte nämlich „Nein“ gesagt.

Vergangenes Jahr, als auf der Playstation nach Minecraft auch Fortnite installiert werden sollte. Mit Minecraft hatte ich mich abgefunden. Da war nix dabei. Solange die Kinder über Gefahren des Cybergroomings aufgeklärt sind, ist es eine harmlose Sache, online wie offline.

Als Mutter, die zuletzt auf einem C64 Pingpong gespielt hat, haben mich meine Kinder langsam an allerlei Daddeltrends herangeführt – angefangen bei der nun 18-Jährigen, die mit sechs Jahren ausgiebig Super Mario auf ihrem ersten Nintendo spielte.

Minecraft haben alle drei gespielt. Irgendwann trat eine Wii U in unser Leben, durch die lustige Spiele für Kinder in unser Wohnzimmer gelangten. Und zuletzt ging es also um die Playstation und Fortnite.

Gemeinsame Zocken steht bei den Kids für soziale Teilhabe

Das Erstaunlichste an dem ganzen Hype ist für mich, wie sehr die Kinder dem Spiel einen sozialen Status beimessen. Wer Fortnite nicht zockt, kann nicht mitreden und ist ein Außenseiter. Das ist ein nicht zu vernachlässigendes Argument im Kosmos von Kindern zwischen zehn und 14 Jahren. Nun ist Fortnite erst ab zwölf Jahren erlaubt. Insofern hatte ich Glück, dass der Wunsch, dieses berühmt-berüchtigte Spiel zu zocken, bei meinem Kind erst aufkam, als es die Altersgrenze auch erreicht hatte. Denn, Sie ahnen es, bei meinem anfänglichen Nein ist es nicht geblieben. Ich habe mir das Spiel angeschaut, mir erklären lassen, warum das aus Sicht meiner Kinder so toll ist, und überlegt, ob meine Vorbehalte wirklich so wichtig sind, dass ich dem Kind verbieten will, sich damit zu beschäftigen.

Am Ende der Überlegungen stand folgender Deal: „Okay, du darfst das kaufen und spielen“, verkündete ich. „Aber wenn ich das Gefühl habe, dass du dich dadurch negativ veränderst, dann hat sich’s ausgespielt.“ Der Sohn war einverstanden und seitdem wandert ein beträchtlicher Teil seines Taschengelds und seiner Zeit in diese virtuelle Welt – das finde ich aber in Ordnung, denn wofür meine Kinder ihr Geld ausgeben, ist ihre Sache. Ich habe mein Taschengeld damals in den Tante-Emma-Laden getragen und mir Vanillepudding mit Sahne gekauft, den meine Eltern nie im Kühlschrank hatten, weil Naturjoghurt ja viel gesünder ist. Bücher zu lesen, finde ich auch besser als daddeln, aber Geschmäcker sind verschieden.

Heimlichkeiten und strenge Begrenzung der Medienzeiten sind unnötig

Was mir wichtig ist: Dass ich weiß, was und mit wem die Kinder spielen. Ich will ihnen dabei nicht dauernd kontrollierend über die Schulter gucken, sondern ihnen Medienkompetenz vermitteln. Dazu gehört eben auch, zu einem gewissen Grad loszulassen. Im Gegenzug vertrauen mir meine Kinder ihre Erlebnisse aus der Online-Welt an: erzählen von Loots und Battles, zeigen mir Skins und berichten von ihren Freunden aus dem Chat. Das finde ich gut so und sehr beruhigend.

Denn gerade weil ich selbst keinerlei Berührungspunkte mit Online-Gaming habe, bin ich darauf angewiesen, einen guten Draht zu meinen zockenden Kindern zu haben.

Und der ist so gut, dass ich neulich, als in der Klasse meines Sohnes die Frage aufkam, ob sich manche Kinder nachts verabreden, um von zwei bis vier Uhr heimlich zu zocken, wirklich sicher war, dass das bei uns ausgeschlossen ist. Nachts schlafen wir, und zwar alle. Weil tagsüber genug gezockt werden darf, solange der Rest des Lebens rundläuft.

Und irgendwann locken andere Erfahrungen – küssen statt daddeln

Andere Eltern, und gerade diejenigen, die Medienzeiten sehr streng begrenzen, können da nicht so sicher sein. Ich weiß das, weil der Sohn mir manchmal erzählt, was seine Kumpels so treiben. Von daher mache ich wohl irgendwas richtig. Auch wenn so manche Familie sicher die Stirn runzelt über unsere Haltung zu Medienkonsum und Zocken.

Am Ende zählt, ob’s einem gut damit geht. Und irgendwann ist die Faszination fürs Daddeln auch vorbei – dann locken echte Erfahrungen, mit Bauchkribbeln, Küssen und Händchenhalten. So war das jedenfalls bei meiner Großen, die den Nintendo zwar noch besitzt, aber nur noch aus der Schublade holt, wenn sie mit ihrer kleinen neunjährigen Schwester spielt. Normalerweise spielt die Kleine jetzt allerdings Minecraft auf der Wii U. Und so wiederholt sich alles. Irgendwie beruhigend: Es ist alles eine Phase.

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Titelbild: © Jennie Book/shutterstock.com