ADHS, Gewalt und falsche Selbstbilder bei Jungen

Was hindert Jungen in ihrer Entwicklung? Welche Folgen hat ein falsches Selbstbild? Fördert eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung das Gewaltpotential von Jungen? Warum ist Ritalin nicht die beste Lösung in Sachen ADHS? Das alles sind Themen, die im Fokus des Männerkongresses der Uni Düsseldorf standen.

Welcher der Vorträge oder welches der angesprochenen Themen blieb Ihnen am eindrucksvollsten in Erinnerung?

Dr. Wunsch: „Da bin ich sofort beim Eingangsreferat von Prof. Dr. Walter Hollstein (Basel) mit dem recht provokanten Titel: ‚Die Enteignung des Phallischen’. Er berichtete von einigen Begebenheiten, welche verdeutlichten, wie Jungen ihres Lebensraumes beraubt und an einer artgerechten Entwicklung gehindert werden. Da bastelte ein ca. Fünfjähriger mit seinem Vater zum Wochenende voller Enthusiasmus ein – vom Sohn schon lange ersehntes – Holzschwert und die Erzieherin verunglimpfte Kind und Vater, weil sie Kriegswerkzeug hergestellt hätten. Da veranlasst die Leiterin einer Schule in Basel, die Markierungen für die Ballspielfläche auf dem Schulhof aufzuheben, weil die Jungen in der Pause besser miteinander reden sollten, das sei auch gesünder. Da gestaltet eine Lehrerin in Brandenburg den Sportunterricht für 12- bis 14-jährige Jungen und Mädchen, indem sie Schleiertänze einüben lässt. Und eine andere Sportlehrerin lässt beim Basketball den Jungen einen Arm auf den Rücken binden, um den Mädchen auch eine Gewinnchance zu geben.”

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Bereits der Titel des Kongresses spielt die Thematik ADHS an. Was haben Sie für Erkenntnisse aus den Vorträgen zum Thema ADHS ziehen können?

Dr. Wunsch: „Bezogen auf meine erziehungsberaterische Arbeit mit Eltern waren die Beiträge von Dr. Bernhard Stier (Butzbach): ‚ADHS – Warum zappelt Philipp?’ und der äußerst praxisbezogene Beitrag von Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber (Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt a.M.) zu: ‚Beschleunigte Jungs – verlangsamte Frauen? – Ergebnisse empirisch-psychoanalytischer Studien zu ADHS”, für mich sehr bereichernd. Wenn wir uns beispielsweise verdeutlichen, dass von 108 Kindern, welche mit der Diagnose ADHS einer soliden Untersuchung zugeführt wurden, anschließend bei weniger als zehn real ADHS attestiert wurde, dann müsste auch bisher Unbekümmerten klar werden, dass den meisten angeblich überaktiven Kindern keine von wem auch immer eingebrachte ADHS-Diagnose mit anschließendem Ritalin-Einsatz gerecht wird. Zu vielen Kindern fehlt eine täglich mehrstündige körperliche Bewegung. Jungen benötigen ergänzend körperliche Herausforderungen, auch mit Kräftemessen und Risiko. Wer dies nicht gezielt fördert, missachtet eine gesunde und förderliche Geschlechtsentwicklung. Insgesamt wird die – zum Teil ganz natürliche – kindliche Lebhaftigkeit viel zu leichtfertig als Störung bzw. Krankheit bezeichnet.

Zudem verdeutlichte der Kongress, dass eine qualifizierte Begleitung von Kindern und Eltern sowie geeignete therapeutische Maßnahmen immer Vorrang vor ruhigstellenden Medikamenten haben müsse. In vielen Fällen würde auch ein konsequent-wohlwollender erzieherischer Umgang weiterführen. Denn wer überschüssige Energie leichtfertig abzuschalten sucht, zerstört die Entwicklung von meist kreativen und nicht in eine Schablone pressbare Jungen. Dass eine störende Überaktivität in Verbindung mit Aggression in der Regel keine Ruhigstellung, sondern Aufarbeitung der Ursachen benötigt, wurde von Frau Prof. Dr. Leuzinger-Bohleber im Rahmen eines Fallberichtes eindrucksvoll erläutert. So wurde bei einem anscheinend ‚höchst aggressiven Kind’ in einer KiTa in Frankfurt, das seiner Erzieherin direkt ins Gesicht spuckte, durch eine exakte Analyse der Lebensumstände deutlich, dass sich das Kind in einer absoluten Überforderungssituation befand: Die Mutter war depressiv und lag meist im Bett, der Vater verlor vor einigen Wochen seine Arbeit wegen eines Krebsleidens. Nach entsprechend langer Zuwendung gegenüber dem Kind wurde der Grund des Anspuckens der eigentlich gemochten Erzieherin deutlich: ‚Wenn ich die Frau H. anspucke, weiß ich wenigstens, weshalb ich ins Heim komme.’
Welch drastische Kindeswohl-Missachtung mit eklatanten Spätfolgen hätte hier eine medikamentöse Ruhigstellung ausgelöst.

Abschließend einige grundlegende Verdeutlichungen der Referenten: ‚Wenn die Eltern von Mozart oder Einstein ihre Söhne per Ritalin ruhig gestellt hätten, was wäre der Menschheit verloren gegangen? Kinder sollten nicht schulgerecht, sondern Schulen sollten schülergerecht gemacht werden.’ Ritalin gegen ADHS – Wundermittel oder Kokain für Kinder? Die Fachvertreter gaben eine eindeutige Antwort.”

Wie wurde über das Thema ADHS hinaus noch auf Entwicklungsstörungen bei Jungen eingegangen?

Dr. Wunsch: „Das Referat von Prof. Dr. Matthias Franz, dem Hauptverantwortlichen dieses Kongresses, beschäftigte sich differenziert mit der multikausalen Frage: ‚Was macht den Rollenkäfig (von Männern) so stabil?’. Er verdeutlichte, dass, wenn Kinder ein falsches Selbst erwerben, viele Störungen im weiteren Leben vorprogrammiert sind. So geraten besonders Jungen in eine frühe Abhängigkeit von der Mutter, oft auch deshalb, weil Frauen im Umgang mit der Geschlechtlichkeit des Jungen – wenn auch meist unbewusst – den Bezug zur eigenen Geschlechtlichkeit im Kontakt mit Männern einbringen. Prof. Franz bezeichnete dies als das männliche Problem schlechthin, welches noch durch abwesende Väter massiv verstärkt werde. Bezogen auf die angeblich emotionsreduzierten Männer verdeutlichte er, dass diese in Feldern typisch männlicher Identität – wie z. B. im Fußball oder in Schützenvereinen – sehr ausgeprägt Gefühle zeigen könnten.”

In Ihrem Buch: Mit mehr Selbst zum stabilen ICH – Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung haben Sie sich auch mit der Bedeutung einer stabilen Kind-Eltern-Beziehung auseinandergesetzt. Sehen Sie darin eine Verbindungen zu existierenden Gewaltphänomenen, wie sie auch im Rahmen der Tagung angesprochen wurden?

Dr. Wunsch: „Gewalt bei Jugendlichen entsteht, wenn das Selbstbild als gefährdet betrachtet wird und ist in der Adoleszenz meist die Folge schwieriger oder traumatischer Ereignisse in der Kindheit. Wichtig, gerade für Jungen, ist die reale Präsenz des Vaters. Dies ist die sinngemäße Wiedergabe eines Leitgedankens von Dr. M. Endres. Auch für mich lassen sich Gewalttaten am ehesten durch einen starken Selbstkontrollverlust als Folge fehlender oder zu gering ausgeprägter Sozialkontakte erklären. Denn wenn ein Mensch – eventuell schon von Kindesbeinen an – kein ‚warmes Nest’ als Auftank- und Zufluchtsort hatte, kann sich aus dieser Frusterfahrung ein solches Verhalten entwickeln. Viele Tiere verhalten sich ähnlich wie Menschen: Auf soziale Ausgrenzung bzw. fehlende Einbezogenheit wird entweder mit krankmachendem Rückzug oder einer ausgeprägten Aggression gegen das Umfeld reagiert.

Eine sich im stillen Rückzug äußernde Verzweiflung, welche oft durch Alkohol oder andere Drogen zu überwinden gesucht wird, ist jedoch nicht weniger dramatisch, wird nur seltener zur Kenntnis genommen. Im Grunde handelt es sich in beiden Äußerungsformen um einen Hilfeschrei aufgrund fehlender Zuwendung und Anerkennung. Mittlerweile häufen sich die Fälle, während die Anlässe immer weniger nachvollziehbar sind. Gab es vor Jahren meist eine eskalierende Auseinandersetzung, bevor Fäuste, Fußtritte oder sogar ein Messer zum Einsatz kamen, so scheint heute schon ein falsches bzw. falsch gedeutetes Wort oder eine als störend empfundene Geste zum Auslöser von brutalen Gewaltattacken zu reichen. In meinen Hochschulseminaren verdeutliche ich den Studierenden immer, dass der instabile – also nicht in guten Bindungen lebende Mensch – die Quelle aller Konflikte ist. Wir brauchen mehr Jungen und Mädchen, die sich nicht vom ersten Gegenwind umpusten lassen und sich auch nicht als den Mittelpunkt der Welt sehen. Das kann nur ein stabiles ICH leisten. Alle Menschen müssen besser lernen, mit Spannungen bzw. Konflikten umgehen zu können. Wer keine Fähigkeiten zur Selbstkontrolle entwickeln konnte, wird sich kaum von seinem Vorhaben abhalten lassen, machtvoll die eigene Ohnmacht überwinden zu wollen.”

Copyright: Dr. Albert Wunsch, 41470 Neuss, Im Hawisch 17

Albert Wunsch ist promovierter Erziehungswissenschaftler, Psychologe, Supervisor (DGSv) und Konflikt-Coach und lehrt seit über 25 Jahren an der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf sowie seit 2010 an der Hochschule für Oekonomie und Management Neuss. Daneben arbeitet er in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs-, Lebens- und Konflikt-Berater. Er ist Vater von 2 Söhnen und Großvater von 3 Enkeltöchtern. Mehr Infos: www.Albert-Wunsch.de

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Titelbild: ©Ollyy/shutterstock.com

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