Der pinke Wahnsinn und seine Folgen

56 Jahre ist Barbie alt. Wir haben mit der Genderforscherin Prof. Dr. Paula-Irene Villa und der Geschäftsführerin der Initiative Pinkstinks Dr. Stevie Meriel Schmiedel über den pinken Glitzerhype, falsche Körperbilder und eine perfide Werbemaschinerie gesprochen.

Barbie ‒ blond, erfolgreich, gefährlich

56 – beachtliches Alter, bei der Figur und diesem Aussehen. Doch es ist nicht das Älterwerden neben zunehmenden Verjüngerungsprozess, das fortdauernd Kritik an Miss Perfect schürt, weil das nunmal der Vorteil ist, wenn man aus Plastik besteht, sondern die irreale Makellosigkeit und die inflationäre Pinkwelle, die mit Barbie und Co. auf Mädchenkinderzimmer überschwappt. Ist die Kinderwelt nicht kunterbunt? Machen sich Kinder ihre Welt nicht „wie sie ihnen gefällt”? Der Markt, der sich ihnen mit Spielzeug und Mode offenbart, ist hingegen rosa und blau und das Angebot übersättigend. Um Barbie besser promoten zu können, hat Mattel, die Produktionsfirma des Puppenkassenschlagers, früh begonnen, ihr eine, wenn auch sehr vielseitige, Biographie auf ihren zarten Körper zu schreiben. So hat sie Ken kennengelernt, ein kleiner Nebenbuhler, dem sie, fernab von sonstigen Klischees, die Barbie erfüllt, nie geehlicht hat. Schließlich ist Barbie eine eigenständige und selbstbewusste Frau, die kinderlos jeden Job wuppt. Nachdem sie High Schools in Kalifornien und New York besucht hat, ist sie Dr. Dr. Dr. Dr. der Tier-, Zahn-, Frauen- und Kindermedizin und kann nicht nur Autos, sondern auch Flugzeuge steuern.

Ok, dass es da mehr als einen Haken gibt, kann sicher jeder erahnen. Auf den Punkt bringt es die Geschäftsführerin der Kampagne Pinkstinks: „Barbie ist eigentlich mal entstanden unter einem emanzipatorischen Gedanken, dass Mädchen nicht mehr nur mit Babypuppen spielen sollen, sondern auch mit dem, was sie später mal sein wollen. Das kann man in dem Sinne jetzt gar nicht kritisieren, nur ist daraus zu großen Teilen auch eine sehr enge Definition von Attraktivität erwachsen, mit der sich Mädchen bis heute identifizieren. Barbie ist extrem dünn und würde mit den Maßen nie so existieren können. Die University of Sussex hat in einer Studie nachgewiesen, dass Mädchen, die mit Barbies spielen, ein geringeres Selbstbewusstsein, Selbstwert- und Körpergefühl haben.”

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Je älter Barbie wurde, umso mehr nahm sie Rollen an, die zu Recht die Kritik der feministischen Bewegung gegen sie aufbrachte. Damals trug Barbie original verpackt nur einen Badeanzug und man konnte ihr selbst eine individuelle Persönlichkeit geben. Heute ist sie pink und sexy und nicht mehr nach Berufen, sondern nach Tierliebe, Sport und Popkultur definiert. Make-Up, Mode und Frisuren sind Thema Nummer Eins in Barbies Glitzerwelt. Kein Gegenmodell mehr zum Klischee, sondern das Klischee schlechthin.

Mädchen rosa, Jungs blau ‒ das war nicht immer so

Barbie ist nicht die einzige rosa Ikone in der Mädchenwelt. Warum lieben Mädchen Rosa? Und warum darf an Jungs dieser Teil der Farbpalette nicht mal vorbeilaufen? Bei Jungs ist vor allem Blau angesagt. Dass diese Fixierung angeboren sein soll, ist schwer vorstellbar und wird auch durch die historische Entwicklung sofort widerlegt, was hingegen gleichfalls beweist, dass sie nicht unumstößlich ist. Wir brauchen nur ein Jahrhundert zurückspulen und finden diese Farbzuschreibung genau entgegengesetzt wieder. Damals war Rosa die Farbe der Jungen, galt sie doch als die Vorstufe von Rot und mit Rot assoziierte man Blut. Blut im Kampf und Kampf war der puren Männlichkeit verschrieben. Die Mädchenfarbe war hingegen blau, denn die Jungfrau Maria war in blaue Kleider gehüllt, so bildeten es die Kirchengemälde ab. Heute ist es genau anders herum. „Blau ist eine Uniformfarbe, eine klare, neutrale, eher gedeckte Farbe, undekorativ, ähnlich wie Grau oder Schwarz, die auch gern noch als Uniformfarbe gebraucht werden. Insofern erklärt sich daraus diese Zuschreibung als männliche Farbe.”, so Prof. Villa. Bei Pink bzw. Rosa muss selbst die Soziologin passen: „Ich weiß ehrlich gesagt tatsächlich nicht genau, woher jetzt das Pinke für die Mädchen kommt. Auf jeden Fall ist das etwas historisch sehr Wandelbares und relativ Neues, dass Pink so eine Mädchenfarbe geworden ist.”

Fest steht, dass Farben an sich keine Geschlechter kennen. Diese Zuschreibung ergibt sich erst aus der Bedeutung, die wir den Farben geben. Denn, so Dr. Schmiedel: „Kleine Jungs finden Pink genauso toll wie Mädchen. Aber Jungs finden ganz schnell heraus, dass sie diese Farbe doof finden müssen. Mädchen ist eine Abstufung.”

Pinkifizierung ‒ ein aufgedrücktes Klischee?

Mädchen greifen häufiger zu Rosa, ob bei Spielzeug, Anziehsachen oder Ähnlichem. Ein Teufelskreis: Denn je mehr Mädchen zu rosa Dingen greifen, desto mehr werden rosa Dinge auch produziert, was im Umkehrschluss die Mädchen wieder prägt. Haben wir es also mit einem von der Konsumindustrie aufgedrücktem Klischee zu tun? Prof. Villa: „Aufgedrückt würde ich es eher nicht bezeichnen. Es ist ja nicht erzwungen, nicht bei allen Mädchen und auch nur eine Phase. Und wenn Mädchen völlig authentisch, freiwillig, selbstbestimmt und mit viel Lust auf Pinkes und Glitzer zusteuern, dann ist es ja auch ein Effekt von Erziehung, Sozialisation und gesellschaftlichem Kontext. Der aber operiert nicht mit Zwang und drückt niemanden etwas auf, sondern das sind mehr oder weniger sehr subtile Aufforderungen: Wenn du ein richtiges Mädchen bist, dann magst du Rosa. Und das hat sich in den letzten Jahren sehr gesteigert. Wir nennen das ‚Dramatisierung der Geschlechterdifferenz’, also eine ganz starke Betonung von Männlichkeit, Weiblichkeit in der Werbung, in Serien, in Filmen in der Populärkultur und im Alltag. Ich würde es wirklich nicht als ein ‚Aufdrücken’ bezeichnen, sondern als etwas, dass wir verinnerlichen.”

Dr. Schmiedel geht einen Schritt weiter und spricht eher von einer „Grundsicherheit”: „Wenn man schwanger ist, weiß man irgendwann, welches Geschlecht das Kind hat und geht los und kauft schon mal die Farbe für das Kinderzimmer. D. h., das Kind wird im rosa Zimmer geboren, kriegt die ersten Geschenke in rosa und weiß mit Eintritt in den Kindergarten, dass Rosa die Farbe für Mädchen ist. Kinder begreifen spätestens mit vier Jahren, dass sie ein anderes Geschlecht haben, als ihr Gegenüber und möchten gern diese Geschlechtsidentität definieren und fixieren. Und das ist natürlich nur so, weil in unserer Gesellschaft eine große Aufmerksamkeit auf die Geschlechterdifferenzen gelegt wird.”

Die pinke Gefahr?

In erster Linie ist eine farblich maßlose Übersättigung zu konstatieren, mit der vor allem Eltern zu kämpfen haben: „Im Alltag konkret nervt es mich, insbesondere als Mutter von Kindern. Ich fühle mich selber so infantilisiert, wenn ich ein Kinderbekleidungsgeschäft betrete und es unmöglich ist, für Mädchen etwas zu finden, was nicht rosa ist. Aber ich bewerte es nicht über, weil ich, mehr als Soziologin als als Mutter gesprochen, darin ein sehr interessantes Phänomen sehe. Ich deute das auch als eine Reaktion auf eine im Alltag ansonsten ausgeprägte Ausweitung von Spielräumen für Geschlechter.”, so die Soziologin.

Dennoch sind negative Folgen dieses Einflusses, weniger der Farbe, denn der Maße dieser Spielzeugvorbilder geschuldet, nicht von der Hand zu weisen. Jene bringt Schmiedel durch die tägliche Auseinandersetzung damit konkreter in den Fokus: „Die Gefahren in der Pinkifizierung sehen wir einmal in einem falschen Körperbild, mit der Tatsache, dass sich über 50 Prozent der Mädchen in Deutschland unwohl in ihrer Haut fühlen und das ein Drittel essgestörtes Verhalten aufzeigt.”

Gefährliche und falsche Werbebildchen

Neben dieser spezifischen Spielzeugwelt sind es vor allem Medien und Werbung, deren Bilder unaufhörlich auf uns einströmen, gibt die Soziologin Prof. Villa gibt zu bedenken: „Hier haben wir es mit surrealen, irrealen und auch gefährlichen und falschen Bildern zu tun, aber es sind Bilder und ich finde, wenn man sich die letzten zwei, drei Jahre anschaut, gibt es eine anhaltende Auseinandersetzung um die Bildhaftigkeit. Das zeigt, dass es den Meisten bewusst ist, dass eben Bilder nicht der Wirklichkeit entsprechen. Ich finde die sexistischen Gehalte von Werbung und die Verdinglichung von Körpern darin viel schlimmer als die Barbiemaße.”

Neben der Kritik an der rosa Mädchenwelt findet sich jene, die Werbung und Medien betreffend, auch bei Pinkstinks wieder: „Wenn sie durch Großstädte wie Berlin oder Hamburg gehen, dann sehen sie in jeder Außenwerbung extrem schlanke, photogeshoppte Frauen. Unrealistische Maße, Idole, die wie Götzen überall stehen, aber nicht erreichbar sind. Das ist Sexismus. Weil Mädchen Vorbilder gegeben werden, die unheimlich Zeit kosten, weil sie ständig dabei sind, sich zu kritisieren, sich zu vergleichen, sich nicht gut genug zu finden. Uns geht es bei Sexismus nicht unbedingt um Sexualität, sondern um die Einengung der Frau in eine ganze bestimmte Rolle.”, so die Pinkstinks-Aktivistin.

Was können Eltern tun?

Wichtig ist, Kinder nicht davor zu schützen, sondern eine gesunde Auseinandersetzung mit diesen Bildern und vermeintlichen Vorbildern zu schulen. Prof. Villa fügt dem hinzu: „Generell gilt das für den Umgang mit Medien und speziell an dieser Stelle. Sich möglichst vertrauensvoll und mit den Kindern gemeinsam darüber auseinandersetzen und Bilder als Bilder erkennen lernen. Das ist überhaupt ein ganz wichtiger Punkt bei der Schulung von Medienkompetenz, der in der Schule meines Erachtens viel zu kurz kommt. Nicht nur zu erfahren, was PowerPoint, Photoshop und ein Quellcode sind, sondern auch Bilder lesen zu lernen und die Funktion dahinter zu begreifen.”

Laut Schmiedel können Eltern emanzipiertes Vorbild sein, auch wenn sie nur eine Mitwirkungsfähigkeit von ca 30 Prozent haben. Freunde, Schule und vor allem Medien und Industrie haben einen viel größeren Einfluss. Das befreit aber nicht von der Pflicht der Aufklärung: „[..] immer wieder die Brüche aufzeigen, und davon gibt es unheimlich viele, die dieses pink/blau in der Realität durchbrechen. Es gibt mehr Unterschiede innerhalb eines Geschlechts, als zwischen den Geschlechtern”, so Schmiedel. „Darüber hinaus hat man auch die Möglichkeit sich zu vereinigen, zu protestieren, im Netz zu shitstormen, um bestimmte Projekte vom Markt zu fegen.”

Die pinke Lady mutiert zur Kinderzimmeragentin

Vom Markt gefegt wurde die pinke Modelady zwar noch nicht, das Prädikat Kassenschlager hat sie aber einbüßen müssen. Der Spielzeugwarenhersteller Mattel fährt nun harte Geschütze auf im Kampf um die zunehmende Bedeutungslosigkeit seiner Spielzeugpuppe. Die neue Barbie gefährdet nicht nur das Selbstbild, sondern auch die Sicherheit und Privatsphäre der Kinder.

Die „Hello Barbie” kann sich mit ihren Spielgefährtinnen unterhalten. Ähnlich wie die Spracherkennung bei Handys, erkennt die „Hello Barbie” das Gesagte und antwortet auch. Außerdem nimmt sie die Geräusche in ihrer Umgebung auf. Alle diese Informationen werden an einen Mattel-Server übertragen.

Vom IM/Stasi-Wahnsinn in Kinderzimmern des 21. Jahrhunderts nicht genug, ist geplant, dass die kleine Agentin auch die Vorlieben der Kinder abspeichert. Welchen Wert diese ausgewerteten Vorlieben für einen Spielzeughersteller haben, liegt auf der Hand.

Die neue Barbie soll noch in diesem Jahr auf den Markt kommen. Ob Eltern ihre Kinder auch hierzulande vor der Plastikspionin schützen müssen, ist noch nicht bekannt.

Titelbild: ©holbox/shutterstock.com

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