Ferien für alle: Das Feriencamp „Demokratie und Persönlichkeit”

Kinderarmut ist ein Thema, vor dem wir auch hierzulande nicht die Augen verschließen können, denn immer mehr Kinder leben in Armut und das nicht nur in finanzieller Hinsicht. 2006 initiierte die Bundestagsabgeordnete Silvia Schmidt das Feriencamp „Demokratie und Persönlichkeit”, um jenem Missstand in Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin entgegenzuwirken. Wir haben das Camp besucht und mit den Betreuern Daniel Seifert und Peter Schmidt über die Ziele und Besonderheiten dieses Projekts gesprochen.

Wer, wo und wie?

Im Fokus des Projekts steht die Stärkung der Persönlichkeit der Kinder, die Förderung ihrer sozialen Kompetenzen sowie die Inklusion von Kindern mit Behinderung. Kinder, die an dem Feriencamp teilnehmen wollen, müssen zwischen 8 und 14 Jahre alt sein, nachweislich aus einem sozial benachteiligtem Elternhaus kommen oder von körperlicher oder seelischer Beeinträchtigung betroffen sein. Zudem werden Kinder berücksichtigt, deren Eltern alleinerziehend oder geringverdienend sind und an keiner Ferienfreizeit ohne besondere Förderung teilhaben können. Die Realisierung wird durch entsprechend qualifizierte Betreuerinnen und Betreuer gewährleistet, die auch eine individuelle Betreuung von Kindern mit Behinderung sicherstellt.
Das Camp findet alle zwei Jahre an einem anderen Ort statt – 2013/2014 war ein Hotelkomplex in Eberswalde das Ziel. Von Mitte Juli bis Mitte August konnten 90 Kinder aus drei Durchgängen von jeweils 10 Tagen in Zweibettzimmern ihre Ferienfreizeit verbringen: „Die Möglichkeit, dass die Kinder hier in einem Hotel schlafen können, ist wirklich toll. Sie haben ein eigenes Bad, in dem sie sich regelmäßig duschen können und auch müssen. Das erfährt leider aus dem Grund besondere Betonung, weil selbst die tägliche Reinigung für viele nicht selbstverständlich ist, da sie es von zu Hause nicht kennen”, so der Betreuer Peter Schmidt.

Das Feriencamp wird über Geld- und Sachspenden sowie Fördermittel finanziert und durch ehrenamtliche Tätigkeiten unterstützt. Peter Schmidt: „In erster Linie sind wir auf Sponsoren angewiesen, deren Akkreditierung das Trägerwerk Soziale Dienste in Berlin und Brandenburg übernimmt. Neben Geldspenden nehmen wir aber auch gern Sachspenden entgegen. Ravensburger hat uns z. B. Gesellschaftsspiele gespendet und VW zwei Transporter zur Personenbeförderung.”

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Therapeutisches Reiten, Zoobesuche und Co.

Den teilnehmenden Kindern soll die Möglichkeit geboten werden, eine unbeschwerte und glückliche Zeit zu verbringen. Die Betreuer und Betreuerinnen fahren mit den Kindern in den Zoo, zum Baden an den Werbellinsee, besuchen den Familiengarten, gehen wandern, zum therapeutischen Reiten, grillen, feiern Feste und gehen auf Schatzsuche oder veranstalten eine Schnitzeljagd. Peter Schmidt fügt dem hinzu: „Daneben spielen wir sehr viel Fußball, Volleyball und Spiele, bei denen Kinder auch selbstständig Aufgaben zu den Themen Demokratie und Persönlichkeit erledigen müssen. Und in der Schatztruhe sind dann beispielsweise auch Sachen für jedes der Kinder versteckt, sprich jeder hat Anspruch auf eine Überraschung, man lernt zu teilen und demokratisch zu verhandeln.”


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Therapeutisches Reiten ©Daniel Seifert



Diese Aspekte werden auch in Gesellschaftsspielen abgedeckt, die in größeren Gruppen gespielt werden. Daniel Seifert: „Das sind dann Spiele, die dazu beitragen, dass man sich auch mit anderen Kindern, mit denen man sonst im Camp nicht so viel zu tun hat, auseinandersetzt und kommuniziert, z. B. über Zwinkerhasche oder Katz und Maus ‒ Spiele, bei denen alle eine Gemeinschaft bilden. Die Kinder merken das in erster Linie gar nicht, weil für sie das Spiel im Vordergrund steht. Aber sie kommunizieren untereinander, ob über Blickkontakt oder verbalen Austausch. Das ist ein gruppendynamischer Prozess, genauso wie unser ‘Grummeln’ vor dem Zubettgehen. Hier stellen wir uns alle in einen Kreis zusammen und vollziehen dann eine Art ‘gemeinschaftlichen Schlachtruf’ für schönes Wetter oder ähnliches. Das fördert natürlich auch das Zusammengehörigkeitsgefühl.”

Generell untersteht der Tagesablauf einem groben Plan, der aber durchaus wandelbar und auch von den einzelnen Stärken und Interessen der jeweiligen Betreuer abhängig ist. Daneben können die Kinder selbst Vorschläge und Wünsche mit einbringen: „Heute ist z. B. noch eine kleine Beachparty geplant. Das war nicht von uns angedacht, sondern hat sich eine Gruppe Mädels selbst überlegt. Sie hatten die Idee, haben sie uns vorgestellt und wir haben sie dann gemeinsam umgesetzt”, bringt Daniel Seifert an.

Wenn Karotten von Tieren abstammen und Hähnchen eine Schale haben

Das Konzept des Camps zielt darauf, den Kindern ein selbstbestimmtes und nachhaltiges Leben zu vermitteln: „Bei den meisten Kindern geht das schon bei der Ernährung los. Viele wissen nicht, was Karotten sind oder haben noch nie einen Kohlrabi gesehen. Da wird man dann mit Fragen konfrontiert, wie: ‘Aus welchem Tier sind eigentlich Karotten gemacht?’”, so Daniel Seifert.

Mit dem Konzept sind auch einige Regeln verknüpft, die zu dieser bewussten und reflektierenden Einstellung führen sollen. Neben dem Verbot von Handys und Mp3-Playern sowie der Räumung aller TV-Geräte und Telefone aus den Zimmern gibt es die gesamte Zeit über keine Süßigkeiten ‒ „[…] dafür aber immer frisches Obst, auf das die Kinder ständig zugreifen, weil sie es einfach nicht kennen, täglich Obst zu essen”, betont einer der Betreuer.

Individuell und doch eine Gemeinschaft

Der Ansatz verfolgt auch eine bewusste Einteilung der Kinder in kleinere Gruppen, um jedem Kind in seinen individuellen Ansprüchen und Interessen gerecht zu werden. „Jedes Kind will etwas anderes sehen und machen und hat andere Interessen. Kleingruppen sind persönlichkeits- und demokratiefördernd und wir regeln das nach dem Mitbestimmungsrecht: Wenn wir in den Tierpark gehen, wollen die einen lieber länger in den Streichelzoo, die anderen länger den Affen zuschauen oder ähnliches. Das wird dann vorher geklärt und abgestimmt”, weiß Daniel Seifert. Daneben wird auf eine ausgewogene Mischung von Mädchen und Jungen geachtet und das die jeweiligen Gruppen auch altersgemäß harmonieren.


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Im Familengarten ©Daniel Seifert



Das Thema Inklusion, welches im Feriencamp hohe Priorität genießt, funktioniert dabei schon fast wie von selbst. Das unterstreicht auch Daniel Seifert: „Was uns hier auf jeden Fall immer wieder auffällt, ist, dass Kinder mit Handicap von anderen Kindern nicht als solche angesehen, sondern als gleichwertiger Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden. Auch im Spielverhalten fällt es nicht auf, dass benachteiligte Kinder Schwierigkeiten haben, sich zu integrieren. Sie werden und sind genauso eingebunden in das Programm. Inklusion ist hier nicht nur ein angestrebtes Konzept, sondern gelebte Basis“.

„Man tut Gutes und das tut auch gut.“

Das Besondere an diesem Feriencamp rührt in erster Linie aus eher traurigen Umständen heraus. Den Kindern wird hier eine Lebenswelt eröffnet, die sie so nicht kennen und das durch ganz einfache und selbstverständliche Dinge. Peter Schmidt erklärt: „Wir bieten in erster Linie typische Familienausflüge an, wie in den Zoo fahren oder wandern gehen und da gibt es Kinder, die das überhaupt nicht kennen. Die werden zu Hause vor dem Fernseher oder die Konsole geparkt und dann ist ‘gut’. Sie saugen das, was sie hier im Camp erleben, natürlich richtig auf, weil wir was mit ihnen unternehmen und ihnen Aufmerksamkeit schenken. Die meisten sind immer richtig traurig, wenn es wieder nach Hause geht.“ Dass es den Kindern gefällt, macht sich auch darin deutlich, wie viele sich im darauffolgenden Jahr wieder anmelden und Jahr für Jahr ihre Sommerfreien im Feriencamp „Demokratie und Persönlichkeit” verbringen wollen.


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Beim Toben ©Daniel Seifert



Woher die Misstände kommen, denen man hier begegnen will und sie aufzufangen versucht, liegt meist schnell auf der Hand: „Allen voran sind bei solchen Entwicklungen natürlich die Eltern die größte Hürde. Eigentlich bräuchten auch sie in den zehn Tagen eine parallele Elternschulung”, bringt Peter Schmidt kritisch zu bedenken. So kommt es wohl auch nicht selten vor, dass die Kinder nicht genug Wäsche dabei haben, nicht pünktlich zum Bus kommen oder einfach im Camp vergessen werden.

Besondere Selbstverständlichkeiten

Natürlich kann man in zehn Tagen nicht die Lebenswelt eines Kindes umkrempeln, aber ‒ und so unterstreicht es auch der Betreuer Daniel Seifert : „[…] man kann versuchen, so nachhaltig zu wirken, dass das eine oder andere Kind aus dem Camp geht und gewisse Dinge mit nach Hause nimmt, wie z. B. Obst einzufordern, weil es hier gelernt hat, dass das selbstverständlich, gesund und wichtig ist”. Obst zu kaufen und auf die Gesundheit seines Kindes zu achten, erfordert nicht viel ‒ in erster Linie aber Aufmerksamkeit, ein selbstverständlicher Aspekt, der in vielen dieser Familien wenig Beachtung erfährt.

Für die Betreuer ist es Fluch und Segen zugleich. Sich mit dem zum Teil prekären Zuständen auseinanderzusetzen, auf der anderen Seite aber zu wissen, dass man helfen kann. Das sieht auch Peter Schmidt als persönliche Bereicherung an: „Ich finde es immer wieder schön, zu sehen, wie gut es den Kindern hier geht und das allein durch die Aufmerksamkeit, die wir ihnen schenken und dass wir uns intensiv mit ihnen beschäftigen. Eigentlich selbstverständliche Dinge, möchte man meinen…”.

Am Ende des letzten Durchgangs haben die Kinder mit Kreide auf dem Parklatz etwas gemalt, das mehr sagt, als ein Artikel in ganzer Fülle zum Ausdruck bringen kann:


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Überraschung ©Daniel Seifert



Links:

Feriencamp-Flyer
Trägerwerk Soziale Dienste in Berlin und Brandenburg gGmbH

Spenden und Unterstützung:

Kontonummer: 163 010 501
Bankleitzahl: 820 510 00
Institut: Sparkasse Mittelthüringen
Verwendungszweck: Feriencamp Demokratie

Titelbild: ©Daniel Seifert

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