Golden Globe für den Film Boyhood

Wir lassen uns von unzähligen Filmen berieseln, die nichts mit der Realität zu tun haben und bei denen das Identifikationspotential gleich Null ist. Doch was passiert, wenn ein Film zwölf Jahre lang die Entwicklung eines Jungen begleitet und damit den Einklang mit der Realität als Markenzeichen trägt? Der Regisseur Richard Linklater erzählt die Coming-of-age-Geschichte des amerikanischen Jungen Mason. Nichts Besonderes und nebenbei erfunden, aber dennoch unglaublich wahrhaftig. Das Ergebnis ist allemal sehenswert und wurde mit dem Golden Globe ausgezeichnet.

Authentischer Zeitraffer

Boyhood ist ein einzigartiges Filmprojekt des Regisseurs Richard Linklater, bekannt durch die Beziehungstriologie Before Sunrise / Before Sunset / Before Midnight, denn nicht nur die Handlung des Films erstreckt sich über zwölf Jahre, was an sich ja nichts Herausragendes wäre, sondern auch die Dreharbeiten. Jedes Jahr versammelte Linklater seine Darsteller, darunter Ethan Hawke, Patricia Arquette und auch seine eigene Tochter Lorelei Linklater. Allen voran natürlich Mason, gespielt von Ellar Coltrane. So gelang es Linklater den Alterungsprozess des Protagonisten zu verfolgen und jenen im Zentrum der Handlung realistisch wiederzugeben, ganz ohne Neubesetzung.

Die Geschichte, die in 2 Stunden 45 Minuten erzählt wird, könnte kaum gewöhnlicher sein. Neben dem typischen Alltagsklimbim ist es das Drama eines Scheidungskindes, ein Drama, mit dem man sich identifizieren kann, geht es doch Millionen von Kindern und Eltern ebenso. Zwar sucht sich nicht jede Mutter, wie Masons (gespielt von Patricia Arquette), immer wieder das Muster falscher Trunkenbolde aus und auch nicht jeder Vater (gespielt von Ethan Hawke) wohnt in einer WG, will Musiker werden und entpuppt sich Jahre später als Versicherungsvertreter, wenn auch selbstironisch stilisiert. Er hat aber beim zweiten Anlauf offenbar mehr Glück mit dem neuen Partner. Überdramatisierte Szenarien hat der Film nicht nötig und gerade diese Alltagsbanalität eines Jungen im Kontext einer annähernd normalen Patchworkfamilie ist es, die einen so fesselt, weil alles so nah und authentisch erscheint. Diese Authentizität verdankt der Film auch der Entscheidung, auf externe Entwicklungshinweise zu verzichten: keine Stimme aus dem Off, keine Untertitel. Die voranschreitende Zeit ist ablesbar an den Figuren, ihrer Entwicklung, ihren Haarschnitten und Stilen – ein Zeitraffer von 12 Jahren auf knapp drei Stunden.

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Die Geschichte einer Kindheit

Linklater eröffnet dem Zuschauer die Möglichkeit, den Darstellern beim Leben zuzuschauen – besonders Mason und seiner Entwicklung von der Grundschule bis zum Collegeeintritt. Es geht um die kleinen Dinge des Alltags, um die Probleme, Sorgen und Wünsche, die jeder nachvollziehen und verstehen kann. Und dennoch spart der Film typische Eckpunkte aus: Wir erfahren nichts von Masons erstem Schultag, nichts vom ersten Kuss oder dem Ersten Mal – zumindest nicht offensiv. Denn je mehr Masons Entwicklung voranschreitet, desto mehr wird es eine Art Innenschau, der man als Rezipient nur beiläufig beiwohnt. Offensichtlich und für diesen Film eben einzigartig ist, dass wir die optischen Veränderungen im gefühlten Minutentakt miterleben: Das runde Kindergesicht wird schmaler, bekommt Stoppeln und Pickel, die Haare werden immer länger, der Körperbau immer größer und schlaksiger und das ohne Rollenwechsel, Special Effects, Maskenbild und Co.

Wochenendpapa und Übermutter

Ethan Hawke wird als Beobachter und durchaus reflektierender Zeitgenosse seiner Wochenend-Vaterrolle porträtiert. Er will, dass seine Kinder mit ihm reden, möchte sich nicht mit einem „Alles gut!” zufrieden geben, muss dann aber feststellen, dass er dafür seinen Kindern auch mehr von seinem eigenen Leben preisgeben muss. Mal in Alaska, mal ein in einer WG lebender Pseudomusiker, ist er nicht der Inbegriff eines zuverlässigen Vaters, ist sich dem aber bewusst, lernt und entwickelt sich, bleibt seiner freakigen und unkonventionellen Art aber immer treu. Die alleinerziehende Mutter hingegen: gestresst, überfordert, aber in der Liebe und Fürsorge zu ihren Kindern immer konsequent. Sie möchte für ihre Kinder da sein, vergisst sich dabei aber selbst nicht. Sie studiert und hat Erfolg in ihrem Job – zum Glück, gerät sie doch immer an die falschen Männer.

Die Darstellung der Eltern zeigt wunderbar auf, was es heute bedeutet, Mutter und Vater zu sein, gleichzeitig aber auch Frau und Mann. Sätze wie „Erst war ich immer die Tochter und jetzt bin ich die Scheiß-Mutter“ oder „Denkst du, du kannst einfach so hier aufkreuzen?“ zeigen deutlich, was in diesem Kontext Verantwortung, Liebe, Angst und insbesondere Hoffnung bedeutet.

Ein Zeitzeugnis

Jeder der Charaktere ist speziell aber gleichzeitig Projektionsfläche für Erfahrungen, die jeder kennt und teilt. Eine nicht einfache aber in Boyhood sehr gelungene Kombination, die es daneben schafft, in der Konklusio das Gefühl für „Zeit“ zu reproduzieren – ein noch schwereres aber hier geglücktes Unterfangen. Ein weiteres Wagnis – die Produktion: Zwölf Jahre lang mit den gleichen Schauspielern. Was ist, wenn einer abspringt, was, wenn keine Investoren mehr mitspielen? Zum Glück ist das nicht passiert und die Filmlandschaft um einen besonderen und mehr als sehenswerten Film reicher geworden.

Boyhood von Richard Linklater
USA 2013, 164 Min

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Trailer zum Film

Titelbild: ©cinemafestival / Shutterstock.com

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