Ja! Mein Kind ist homosexuell!

Einige Eltern sind fassungslos, wenn sich ihr Kind zur Homosexualität bekennt. Sie suchen nach den Ursachen. Um aufkommende Fragen besser beantworten zu können, haben wir einen besonderen Gastautoren zu Rate gezogen.

Wir sind ja so offen, aber…

Guido Westerwelle, Hape Kerkeling, Hella von Sinnen, Guido Maria Kretschmer, Nadine Angerer, Klaus Wowereit, Anne Will usw. ‒ Homosexualität erfährt in unserer Gesellschaft zunehmend Akzeptanz, nicht zuletzt, weil sich immer mehr Prominente zu ihrer Homosexualität öffentlich bekennen. Doch in manchen Bereichen, allen voran dem Sport und seinen männlichen Akteuren, scheinen immer noch große Vorurteile vorherrschend zu sein, die Bedenken und Hemmungen hinsichtlich des „Outings“ weiterhin aufrecht erhalten. Scheinehen und Bekenntnisse zur Homosexualität Jahre nach dem beruflichen Zenit machen leider mehr als deutlich, wie stark die Angst vor Diskreditierung und beruflichem Abstieg heute noch zu sein scheint, auch wenn wir uns mit Blick auf andere Länder in diesem Kontext stolz auf die Schulter klopfen können.

In vielen Teilen unserer Gesellschaft unterliegt Homosexualität immer noch dem Stigma des Widernatürlichen. Oder warum initiierte Baden-Württemberg eine Online-Petition gegen sexuelle Vielfalt im Unterricht, die fast 200 000 Menschen unterzeichnet haben? Was sollen bei solchen Aktionen erst Schülerinnen und Schüler und deren Eltern denken, wenn der Ausschluss und die damit einhergehende Diskriminierung sogar im Schulalltag, im Keim der Wertebildung, von oberster Stelle Einzug halten soll? „Ausschluss” klingt nach Fehler ‒ „Fehler“, die Eltern in diesem Zusammenhang oft in ihrer Erziehung suchen. „Fehler“ haben jedoch in diesem Kontext nichts zu suchen und sollten auch nicht gesucht werden.

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Gibt es Kennzeichen?

Kennzeichen würde man nur dann nachgehen, wenn man Vorurteilen unterliegt, die keiner Pauschalisierung unterliegen. Kurz gefasst: Nein, auf vermeintliche Anzeichen, Kennzeichen oder ähnliches sollte man sich nicht verlassen. Besonders in der Pubertät, die gänzlich von Unsicherheiten geprägt ist, in der man sich auf die Suche nach der eigenen Identität begibt und sich im Zuge dessen gern mit Seinesgleichen vergleicht, kommt man sich auch gleichgeschlechtlich näher, was noch lange kein Hinweis darauf ist, homosexuellen Neigungen zu unterliegen. Selbst die Abnabelung auf Grund tiefer Verunsicherungen des Kindes, die aus der Homosexualität resultieren kann, ist kein Indiz. Eine Abkehr von dem Umfeld, vor allem von den Eltern, ist während der Pubertät normal.

Spreche ich mein Kind darauf an?

Der Zeitraum bzw. Prozess, in dem man sich selbst über seine homosexuelle Identität bewusst wird und langsam sein Umfeld darüber in Kenntnis setzt, wird als „Coming Out” bezeichnet. Enge Freunde sind meist die ersten, die von der Homosexualität erfahren und damit Menschen, bei denen die Befürchtung gering ist, dass das „Outing” falsch aufgenommen werden könnte. Häufig sind es die Eltern, die als letztes davon erfahren. Viele Jahre, in denen Kinder eine Scheinwelt aufbauen, sich distanzieren und es selbst nach den Auszug aus dem Elternhaus nicht übers Herz bringen, sich ihren Eltern gegenüber als homosexuell zu bekennen, sind keine Seltenheit.

Das resultiert nicht minder auch aus den Reaktionen und Einstellungen im Bekannten- und Verwandtenkreis, welche nicht immer von Freundlichkeit, Respekt und Akzeptanz geprägt sind. Ist man sich dieser, leider noch realistisch zu erwartenden Einstellungen bewusst, verwundert es nicht, wenn auch Eltern, wissend über die Neigung ihres Kindes, dies lange Zeit ignorieren. Doch heißt ein gegenteilig offener Umgang damit nicht gleichzeitig, das Kind damit zu konfrontieren und den ersten Schritt in der Klärung zu tätigen. Wie die Begriffbestimmung schon vermittelt, entscheidet der oder die Homosexuelle, wann er oder sie sich anderen öffnet.

Selbst wenn es auf den Nägeln brennt und Sie sich sicher sind, mit Ihrem Kind offen darüber sprechen zu wollen, ist das nicht immer die beste Idee. Ihr Kind hat in dem Fall die Entscheidung darüber wie, wann und wo es ihm oder ihr ein Bedürfnis ist, Sie darüber zu informieren. Nimmt man ihnen diesen Part ab, könnten sie sich überfordert fühlen und sind womöglich noch nicht bereit, darüber zu sprechen. Zudem könnte Ihr Entgegenkommen auch falsch interpretiert werden: Mit dem Ansprechen könnte der Eindruck entstehen, Sie wollen unbedingt darüber reden, weil Sie sich Sorgen machen, unsicher sind und möglicherweise Ängste haben. Das blockiert, statt eine vertrauensvolle Grundlage zu schaffen. Besonders mit Druck werden Sie nichts erreichen, außer das Vertrauen Ihres Kindes in Sie und Ihre Einstellungen zu schmälern. Richtiger und wichtiger ist es, Ihrem Kind stets eine aufgeschlossene und offene Erziehung mitzugeben, dass Sie Homosexualität nicht als Krankheit verstehen, es akzeptieren und kein Problem damit haben. Ihr Kind muss spüren, dass es keine Angst davor haben muss, dass Sie enttäuscht von ihm sind, wenn es sich Ihnen anvertraut. Ist Ihrem Kind bewusst, dass Homosexualität für Sie kein Tabuthema ist, wird es eher bereit sein, sich Ihnen gegenüber zu öffnen.

Auch unser Gastautor hat sich bis heute, sein Studium bereits abgeschlossen, seinen Eltern verschwiegen. Er hat uns mutig und mit einer bis fast an die Schmerzgrenze gehenden Ehrlichkeit beschrieben, warum seine Eltern bis heute nicht von ihm erfahren haben, dass er schwul ist.

Outing und Eltern ‒ ein Erfahrungsbericht

Wie gehe ich mit dem „Outing” um?

Kommt Ihr Kind mit der oder einer ähnlichen Aussage auf Sie zu: „Mama, Papa ‒ ich bin schwul“ oder „… ich bin lesbisch“, ist das zunächst als großer Vertrauensbeweis zu werten. Es traut sich, sich Ihnen gegenüber zu öffnen, sprich das gefürchtete Risiko, dass Sie es verstoßen, ist vielleicht nicht überwunden, aber Ihr Kind stellt sich diesem mit der Hoffnung auf eine ebenso ehrliche und verständnisvolle Reaktion.

Ihr Kind wird mit Sicherheit lange mit der Entscheidung, sich Ihnen gegenüber zu öffnen, gerungen haben. Eine positive und gleichfalls offene Reaktion ist daher sehr wichtig. Denn wie gut Jugendliche selbst damit umgehen, ist insbesondere auch von ihrem Umfeld abhängig. Vor allem in der Zeit des „Coming Out” ist es daher umso wichtiger, Menschen an der Seite zu haben, die einen unterstützen, respektieren und akzeptieren, so wie man ist.

In dem Zusammenhang ist zudem stets wichtig zu beachten, dass es die Entscheidung Ihres Kindes ist, wer aus dem Bekannten-, Freundes- oder Verwandtenkreis darüber erfährt. Entweder entziehen Sie sich ganz der Vermittlung oder Sie besprechen es in jedem Fall mit Ihrem Kind, damit das Vertrauensverhältnis keinen Abbruch erfährt. Gerade im räumlichen aber weniger freundschaftlichen Umfeld spricht sich vieles schnell herum. Endet das Ganze in Klatsch und Tratsch statt sachlicher Auseinandersetzung, sollten Sie dem Getratsche selbst auf sachlicher Ebene begegnen. Stehen Sie auch in der Öffentlichkeit stets zu Ihrem Kind und versuchen Sie offensiv zu sein, statt sich zu rechtfertigen ‒ für was auch? Ihr Kind?

Umgang mit vermeintlichen Ängsten

Dass Ängste aufkommen, insbesondere bzgl. der berühmten Enkelkinderfrage, ist nicht selten und auch nicht verwunderlich. Doch meist sind Probleme, die Sie womöglich in die Homosexualität Ihres Kindes hineininterpretieren, bei diesem gar nicht so groß oder kaum vorhanden. Ist bereits einige Zeit vergangen und Ihr Kind sich seiner Orientierung bewusst, wird es sich schon seine Gedanken über ein homosexuelles Leben gemacht haben. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass Sie ehrlich zu Ihrem Kind sind und auch über Ihre Ängste sprechen. Diese in sich hineinzufressen und sich stetig mit der eigenen Unsicherheit zu konfrontieren, hilft nicht, eigene Baustellen abzubauen und zu überwinden, was unumgänglich ist bei einer gesunden und vertrauensvollen Auseinandersetzung. Sind die Unsicherheiten zu groß, hilft es auch, Gespräche mit Ihnen vertrauten Menschen, anderen Homosexuellen oder deren Eltern zu führen, denn dort begegnen Ihnen Verständnis, Mitgefühl und Akzeptanz ‒ Faktoren, die Ihrer Unsicherheit die Stirn bieten.

Vorurteilsfreie Unterstützung

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Sie sich von gängigen aber vermeintlichen Vorurteilen freimachen. Lesbische Frauen oder schwule Männer haben ebenso viele Gemeinsamkeiten mit ihren Mitmenschen, müssen sich aber häufig einseitigen Klischees stellen. Von solchen Zuschreibungen sollten Sie sich nicht verunsichern und auch Ihre Einstellungen davon nicht beeinflussen lassen. Ihr Kind ist nicht plötzlich ein anderer Mensch und niemand weiß das besser zu beurteilen als Sie.

Ist der erste Schritt getan und gegenseitiges Vertrauen und Rückhalt bewiesen, können Sie Ihr Kind, so es das denn möchte, auch unterstützen. In erster Instanz z. B. indem über den Schulalltag gesprochen wird: Ist die Homosexualität bekannt oder ist Ihr Kind dort mit Problemen konfrontiert? Unterstützen Sie es, falls nötig und sofern Ihr Kind das möchte. Sind beide Seiten offen genug und wütend über manchen Rückschritt, den dieses Thema mit sich zieht, könnte man gemeinsam gegen Benachteiligung schwuler oder lesbischer Lebensgemeinschaften aktiv sein. Dieses Engagement muss oft bereits im näheren Umfeld beginnen. Zudem kann man sich auf größerer Ebene auch bei einer Elterninitiative beteiligen, wie z. B. dem BEFAH („Bundesverband der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen e.V.“).

Der Druck der „Normalität”

Es ist nicht die Absicht dieses Artikels, Eltern für Ihr Unbehagen zu verurteilen, sondern zu animieren und daran zu erinnern, das eigene Kind so zu lieben und zu akzeptieren, wie es ist. Widersetzt man sich dem Druck der „Normalität”, bleibt alles wie es ist, hat niemand etwas falsch gemacht, noch hat sich etwas geändert ‒ außer, dass Toleranz erprobt wird und man bewusst erfährt, die eigenen Einstellungen und Vorurteile stets neu zu hinterfragen.

Titelbild: ©Albund/shutterstock.com

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