Outing und Eltern ‒ ein Erfahrungsbericht

Ein junger anonymer Gastautor erzählt von seiner Homosexualität und den quälenden Umstand, es seinen Eltern bis heute verschwiegen zu haben. Der Text spricht für sich.

Noch nie hatte ich etwas mit einem Mädchen und kann es mir auch nicht vorstellen. Ich stehe auf Jungs und zwar nur auf Jungs, denn ich bin schwul. Daran gibt es keinen Zweifel. Weder schäme ich mich dafür, noch ist da der Wunsch vorhanden, hetero sein zu wollen. Im Gegenteil: Ich bin glücklich, homosexuell zu sein. Es gibt da nur einen Haken: Meine Eltern wissen nicht, dass ich schwul bin. Anders als vor meinen besten Freunden, bin ich vor meiner Familie ungeoutet. Dabei habe ich ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Mit meinem Vater geht es zu Fussball- oder Eishockyspielen in der Region, mit meiner Mutti ins Theater oder Kino. Mindestens einmal im Jahr verreisen wir auch zusammen und machen Urlaub. Da ich mit 19 Jahren von zu Hause ausgezogen bin, um andernorts zu studieren und mittlerweile zu promovieren, sieht man sich natürlich nicht täglich, sondern eher zu besonderen Anlässen wie Feier- oder Geburtstage. Die Freude ist dann immer groß, wenn der „Junge“ zu Besuch kommt. Insgesamt gesehen, ist die Beziehung zu meinen Eltern harmonisch, von ein paar belanglosen Streitigkeiten abgesehen, die es in jeder Familie mal gibt. Ich liebe meine Eltern und möchte sie durch keine anderen auf der Welt eintauschen. Warum verschweige ich dann mein Schwulsein? Warum oute ich mich nicht vor meinen Eltern? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Es gibt eigentlich keinen handfesten Grund, es gibt nur Befürchtungen, davon aber nicht wenige.

Zuerst ist da die Angst vor ihrer Reaktion. Bei meinem Vater die Sorge, dass er die Nachricht mit bemühter Leichtigkeit und gespielter Toleranz aufnehmen würde, um sich in Wirklichkeit für seinen schwulen Sohn zu schämen und mich auch dies mit einem vielsagenden Blick der Enttäuschung wissen ließe. Dann – und auch das würde ich meinem Vater zutrauen – die heimliche Recherche im Internet mit der Eingabe in das Google-Suchfeld: „schwul = Krankheit?“. Bei meiner Mutti die Tragödie niemals Enkelkinder zu bekommen, wo sie doch schon jetzt in Euphorie Spielsachen und Strampler kauft. Wie dann ihre Augen voller Vorfreude leuchten, wenn sie sagt: „Schau mal mein Junge, was ich heute gekauft habe, das hebe ich auf, für deine Kinder später“. Bei diesem Satz schnürt sich mir immer die Brust und der Hals zu. Ich versuche dann abzuwiegeln, zurzeit ja noch nicht mal eine Freundin zu haben, die Sache mit den eignen Kindern könne also noch ein bisschen dauern. Natürlich eine Lüge. Die Wahrheit lautet: Ich werde niemals eigene Kinder haben. In solchen Momenten dann der Gedanke meinen Eltern endlich reinen Wein einzuschenken. Keine Ausreden mehr, keine Beschwichtigungen. Klartext!

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Augenblicklich tauchen im Kopf eine Vielzahl von Fragen auf: Wann sollst du es ihnen sagen – jetzt? Und wo – hier? Und wie – „Hey Mama und Papa, ich bin schwul“? Und warum eigentlich? Haben sie ein Recht, es zu wissen? Habe ich als Sohn die Pflicht, es zu sagen? Ist meine Sexualität nicht eine persönliche Sache, die zunächst erstmal niemanden etwas angeht und die ich vor niemanden zu erklären habe – auch vor meinen Eltern nicht? Mein typischer Umgang mit all diesen Fragen ist Verdrängung, Verschiebung, Vertagung. Erstmal abwarten, morgen ist auch noch ein Tag, die Gelegenheit sicher günstiger, die Worte ohnehin besser gewählt. Aus Tagen des Verschweigens werden Wochen, Monate, Jahre. Das Ganze grenzt an Selbstbetrug und Selbstversagen. Schlechtes Gewissen macht sich breit. Kopf-, Herz- und Bauchschmerzen sind die Folge. Dann wieder die Angst vor den Reaktionen der Eltern: der enttäuschte Vater, die unglückliche Mutter. Ich möchte ein guter Sohn sein, glaube als schwuler Sohn aber ein schlechter zu sein – ein Teufelskreis. In Wut über die eigene Unfähigkeit, die Situation nicht entschärfen zu können, sehe ich mich in die unliebsame Hauptrolle eines Familiendramas versetzt, wo mir ratlos achselzuckend nicht mehr Worte bleiben als „Ja, so ist es.“

Momentan begründe ich meine Verschwiegenheit mit der Rücksichtnahme auf die Gefühle meiner Eltern. Aber die Wahrheit lässt sich nicht leugnen, nicht für immer unter den Teppich kehren. Irgendwann muss ich ihnen Rede und Antwort stehen, warum ich noch nie ein Mädchen mit nach Hause brachte, warum beim letzten Mal das Bett so komisch quietschte als Ben bei mir über Nacht blieb, was es mit dem schwulen Heftchen auf sich hat, das einmal unter dem Schrank herausschaute. Es gibt bereits Hinweise und es gibt sicher längst Vermutungen. Aber meine Eltern fragen nicht und haken nicht nach. Sie schweigen und auch ich schweige. Sie erwarten sicher, dass ich auf sie zu komme, einfach ehrlich bin und sage, was Sache ist. Dieser Erwartung werde ich nicht gerecht, was bei mir weiteres Unbehagen verursacht. Von Seiten meiner Freunde gibt es Ermunterungen den Schritt zum Outing zu wagen. Zum Beispiel fragt mich meine beste Freundin immer, nachdem ich meine Eltern besucht hatte: „Und? Hast du es ihnen diesmal gesagt?“ Ich antworte dann meist etwas zaghaft und mechanisch: „Nein. Noch nicht.“ Eine andere gute Freundin ist Mitte 50 und im Alter meiner Eltern. Auch sie hat einen Sohn, der schwul ist. Sie erfuhr davon, als eines Morgens ein nackter junger Mann aus dem Zimmer ihres Sohnes kam. Sie war anfangs geschockt. Mittlerweile ist alles entspannt. Nur gab sie mir den Rat, es über diesen Weg meinen Eltern besser nicht mitzuteilen. Es gäbe da elternfreundlichere Wege. Zum Beispiel es einfach am Frühstückstisch zu sagen.

Vielleicht habe ich an der ein oder anderen Stelle meine Eindrücke etwas drastisch dargestellt, was daran liegen mag, dass das Thema Outing emotional bewegt und beschäftigt. Für die Zukunft versuche ich mich selbst nicht verrückt zu machen oder unter Druck zu setzen. Ich höre auf mein Bauchgefühl. Es wird wissen, wann der richtige Augenblick gekommen ist. Am Ende wird sich herausstellen, dass meine Sorgen und Ängste unbegründet waren. Meine Eltern werden mich in ihre Arme schließen. Alles wird gut. Nur Mut!

Weitere Informationen können Sie dem Artikel Ja! Mein Kind ist homosexuell! entnehmen

Titelbild: ©Pekic/shutterstock.com

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