„Wir belügen unser Kind“

Muss das Kind alles wissen? Kann man zur Notlüge greifen, um sich Diskussionen zu ersparen? Ulrike hat ihr Töchterchen in einem entscheidenden Fall belogen.

Ach ja, wir hatten uns ja vorgenommen, den Nachwuchs nicht zu belügen. War ein bisschen naiv. Denn spätestens bei Weihnachtsmann, Nikolaus und Osterhase kommt man mit solch einem hehren Vorsatz in die Bredouille. Es ist aber nicht nur bei den Geschenke bringenden Fantasiefiguren geblieben. Mein Mann und ich haben in einem ganz anderen Bereich zur Notlüge gegriffen: Süßkram. Im ersten Lebensjahr war alles noch einfach. Das Töchterchen hat weder Süßigkeiten noch gesüßte Lebensmittel bekommen.

Deeskalation beim Bäcker

Als sie etwas älter wurde, fragte sie nach. Es war schwierig, ihr komplexe Sachverhalte wie „Zucker ist nicht gut für dich aus diesen und jenen Gründen“ zu erklären. Weswegen wir zu ersten Ablenkungsmanövern griffen. Folgende Szene beim Bäcker:
Das zweijährige Töchterchen steht an der Auslage direkt vor einem Pudding-Marmeladen-Teilchen.
Sie zeigt drauf und sagt: „Will das da.“
Ich: „Ach, guck mal, die haben da hinten auch die leckeren Laugenbrötchen, die du so gerne isst. Willst du nicht lieber so eins?“
Sie schüttelt den Kopf: „Das da.“
Ich: „Soll ich dich mal hier vor mich auf das Bänkchen stellen, dann kannst du die Brötchen besser sehen. Und dann kannst du auch selbst bezahlen.“
Sie streckt mir die Arme entgegen, damit ich sie hochnehmen kann. Wir bestellen ein weißes Brötchen. Sie nimmt stolz das Geld aus meiner Hand und reicht es der Frau hinter der Theke.

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Beim Naschen überführt

Eines Abends kommt sie in die Küche. Ich nehme mir gerade ein Stück Schokolade. „Auch haben wollen!“, sagt sie und streckt mir ihre Hand entgegen. Ich, erschöpft von einem anstrengenden Arbeitstag, dem eine sehr unruhige Nacht vorausgegangen war, sage: „Das ist nichts für dich, das ist nur für Erwachsene.“ Das Töchterchen dreht sich um und verlässt die Küche. Ich bleibe doppelt sprachlos in der Küche zurück. Verwundert über mich, dass mir diese Lüge so selbstverständlich und ohne nachzudenken über die Lippen geglitten ist. Verwundert, dass kein zu der Zeit sehr angesagtes „Warum?“ vom Töchterchen kam. Ein Teil von mir jubelt. Der andere ist ein bisschen über den einen entsetzt.

Die Nutella-Notlüge

Ein paar Tage später: Es ist Sonntagmorgen. Wir sitzen am Frühstückstisch. Die Nacht ist unruhig gewesen. Ich musste zudem am Samstag Arbeitsdinge erledigen, die ich in der Woche nicht geschafft hatte. Sprich: Ich sehne mich nach Nutella. Ich weiß, dass weit hinten im Schrank ein Glas steht. Ich stehe auf, gehe mit meinem Teller und meinem gebutterten Brot in die Küche. Das Töchterchen und mein Mann gucken mir fragend hinterher. Ich hole das Nutella-Glas aus dem Schrank. Ich schmiere die braune Köstlichkeit auf mein Brot. Fingerdick. Dann gehe ich – die fragenden Blicken folgen mir immer noch – wieder zurück zum Tisch und setze mich. Ich beiße zufrieden in das Brot. Das Töchterchen zeigt auf mein Brot und fragt: „Was ist das?“ Ich antwortete mit vollem Mund: „Das ist Nutella. Das ist nix für Kinder, nur für Erwachsene.“ „Ach so“, sagt sie und beißt in ihr Fruchtaufstrichbrot. Mein Mann sieht mich verwundert an. Dann zuckt er mit den Schultern, grinst und sagt: „Ist aber nicht für alle Erwachsenen. Ich esse das nicht.“

Eine Frage der Zeit

Diese Lüge hat uns anderthalb Jahre das Leben erleichtert. Mittlerweile, zwei Jahre später, weiß das Töchterchen, dass auch Kinder Schokolade und Gummibärchen essen können und fordert sie immer mal wieder. Hin und wieder erfüllen wir den Wunsch. Nutella hat sie noch immer nicht probiert. Gelegentlich fällt der Satz „Das ist nur für Erwachsene“ trotzdem – wenn es um Alkohol geht. Ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir das nächste Mal zu einer Notlüge greifen? Ich weiß es nicht. Ich kann es aber auch nicht ausschließen.

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Über die Autorin

Gastautorin Ulrike

Ulrike

Ulrike hat ein Töchterchen im Kita-Alter, das alles alleine machen will, aber hin und wieder trotzdem auf Mamas Arm sitzt. Wenn das Töchterchen in der Kita ist, ist Ulrike Journalistin – ihr Spezialgebiet sind TV-Serien. Außerdem betreibt sie den Gute-Nachrichten-Newsletter „The Daily Flausch“ und gibt Seminare und Workshops in Sachen Innovation im Journalismus. Bild: © Ralf Sander

Titelbild: ©file404/shutterstock.com

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