Unterricht 2.0: Die Lehre steht kopf

Was es bedeutet, den Unterricht umzudrehen, hat uns schon Prof. Dr. Spannagel in seinem Gastbeitrag Flipped Classroom: Den Unterricht umdrehen? beschrieben. Welche Hürden dabei überwunden werden müssen, erläuterte uns Jon Bergmann in seinem Artikel. Eine weitere Stimme, die uns von dem Unterrichtsmodell an der Universität (Inverted Classroom Model) berichtet, haben wir auf der Inverted Classroom Model-Konferenz (ICM) mit Prof. Dr. Jürgen Handke, Professor am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Phillips-Universität Marburg und Ausrichter der Konferenz, getroffen.

Herr Prof. Dr. Handke, Sie wenden seit 2006 das „Inverted Classroom Model”, kurz ICM, an. Die Studierenden eignen sich dabei mithilfe von Videos oder anderen online zur Verfügung gestellten Materialien zu Hause neues Wissen an und in der Präsenzphase wird das Wissen mit Übungen vertieft. Wie sind Sie auf das Modell aufmerksam geworden und was hat Sie überzeugt, dieses umzusetzen?

Prof. Dr. Handke: „Ich glaube, wir können mit Fug und Recht behaupten, dass wir die Erfinder des ICMs sind. Seit 2001 bieten wir flächendeckend in unserem Curriculum ein E-Learning-Programm an. Dementsprechend ist unsere Plattform The Virtual Lingustics Campus die älteste deutsche im operativen Betrieb befindliche E-Learning-Plattform, die an Universitäten im Einsatz ist.

Über unsere Plattform haben wir zu Englischer Linguistik, allgemeiner Linguistik und auch für Web Development Inhalte und multimediale Materialien entwickelt. Diese haben wir unseren Studierenden zur Verfügung gestellt und sie an Kurse gekoppelt. So haben wir unsere Studierenden aufgefordert, sich zu Hause mithilfe dieser Materialien das Wissen bis zur nächsten Präsenzsitzung anzueignen.

Plötzlich standen wird jedoch vor der Frage: ‚Was machen wir in der Präsenzphase mit unseren Studierenden, wenn sie das Wissen schon haben?‘ Wir dachten das Problem sei gelöst, wenn wir mithilfe von Powerpoint-Vorträgen eine knallharte Wissenserweiterung durchführen. Das führte aber zu großen Protesten unter den Studierenden, die zu Recht behaupteten: ‚Die spinnen ja! Wir müssen jetzt viel mehr lernen.‘ Im Jahr 2006 kam es dann zu einer Balance: Die Präsenzphase wurden ab dem Zeitpunkt zum Üben genutzt, um das erlernte Wissen anzuwenden und zu vertiefen.”

Wann und wie kamen Sie dann auf die Idee, das Modell „Inverted Classroom” zu nennen?

Prof. Dr. Handke: „Im Jahr 2009 sind wird darauf aufmerksam geworden, dass dieses Modell in den USA schon existiert und die Idee auf den Artikel ‚Inverting the Classroom: A Gateway to Creating an Inclusive Learning Environment‘ von Maureen J. Lage, Glenn J. Platt und Micheal Treglia zurückgeht. So haben wir unserem Modell den Namen ‚Inverted Classroom Model‘ gegeben und 2011 die Inverted Classroom Model-Conference ins Leben gerufen.

Mittlerweile haben wir das Modell erweitert. Wir praktizieren nun das ‚Inverted Classroom Mastery Model‘. Hier wird zwischen Lern- und Präsenzphase ein Online-Test durchgeführt, damit wir sicherstellen können, dass die Studierenden auch die Online-Materialien nutzen. Für diese Methode wurden wir mit dem ‚Hessischen Hochschulpreis für Exzellenz in der Lehre 2013′ ausgezeichnet.”

Haben Sie das Gefühl, dass sich die Leistungen der Studierenden durch das Modell verbessert haben?

Präsentation im Inverted Classroom

Präsentation im Inverted Classroom © Jürgen Handke

Prof. Dr. Handke: „Erheblich! Wir haben eine flächendeckende Auswertung vorgenommen. Wir stellten direkt vor Beginn einer Präsenzphase drei knallharte Fragen, die die Studierenden dann mithilfe eines elektronischen und anonymen Votingsystems beantworteten. Diese Fragen können Studierende höherer Semester im Leben nicht beantworten. Und so stellten wir fest, dass 75% der Erstsemesterstudierenden die Fragen richtig beantworteten.

Außerdem haben wir eine weitere Umfrage zum ICM vollzogen. Die erste Frage war: ‚Wie schätzt ihr euren Arbeitsaufwand im Vergleich zu anderen Lehrveranstaltungen ein?‘ Das Ergebnis war eindeutig: Sie schätzen ihren Lernaufwand höher ein. Die nächste Frage war: ‚Wie schätzt ihr euren Wissenszuwachs ein? Lernt ihr mehr?‘ Hier war die Antwort der Studierenden: ‚Wesentlich mehr!‘ Die letzte Frage: ‚Welche Lern- und Lehrmethode würdet ihr im nächsten Semester wählen ‒ die traditionelle oder das ICM?‘ wurde von 75% der Studierenden mit ‚ICM‘ beantwortet.”