Aufräumen und wegschmeißen – was vom Schuljahr übrig bleibt

Sommerferien: Von sechs freien Wochen kann keine Rede sein. Dieses und jenes will vorbereitet und geplant werden – doch zunächst muss sich Maximilian Lämpel um das Chaos im Arbeitszimmer kümmern.

A wie „Arbeitzimmer“ – oder L wie „Lagerraum“

Nach einer Reise bin ich wieder da. Bevor ich mir jedoch Gedanken über das neue Schuljahr mache, die Klassenfahrt im Herbst plane, mich in Themen einlese und die Präsenztage vorbereite, miste ich mein Arbeitszimmer aus. Zwei Tage lang. Es hat sich über das Schuljahr so viel angesammelt, dass ich an den Regenwald denken muss.
Ich mag mein Arbeitszimmer, nutze es aber selten. Eigentlich werden hier nur Dinge gelagert. Ich nenne es trotzdem Arbeitszimmer, weil das gut klingt. Und weil man Lagerräume als Lehrer vermutlich nicht von der Steuer absetzen kann. Während des Schuljahres schiebe ich Papierkram im Zweifel einfach weg. Es wachsen über Monate Zettelberge an, die sich irgendwann bedrohlich türmen, bis sie schwanken und dann umfallen. Jetzt stoße ich wieder auf all diese Dinge: massenhaft Unterrichtsmaterialien, Broschüren, Entschuldigungszettel, Hinweise zur (Nicht!-)Annahme von Geschenken, zur Abrechnung von Wandertagen, zu Änderungen in der Hausordnung, usw. Ich habe den Überblick verloren.

F wie „Formulare“ und andere „Fundstücke“

Ich finde die Kurshefte für meine Grundkurse, die in Erscheinung und Funktion an die siebziger Jahre erinnern, und die ich deshalb nie nutze – die Lehrer-App meines Vertrauens ist viel besser – und folglich nie abgebe. Mal sehen, wann das auffliegt.

Dann stoße ich auf Formulare: Zwei hätten längst abgegeben werden müssen, aber irgendwann weiß man ganz gut, was wirklich wichtig ist und was auch mal unter den Tisch fallen kann. Ein besonders abschreckendes mehrseitiges Formularmonster, das ich Anfang September einreichen soll, ist wichtig. Ich gucke es mir aber lieber noch nicht an. Ich kenne es schon aus dem Vorjahr. Dagegen sind Formulare vom Finanzamt ein Vorbild an Klarheit, Logik und Sinnhaftigkeit.
Ich finde auch eine Klausur, die hatte ich nicht zurückgegeben. Der Schüler war länger krank, und als er wieder da war, haben weder er noch ich daran gedacht und jetzt liegt sie hier und er hat inzwischen Abitur gemacht und sein Interesse für seine alte Klausur schätze ich in etwa so ein wie das meinige an derselben.

Stapel 1 bis 3

Um Ordnung und Übersicht in das ganze Chaos, d. h. in das ganze Zimmer, zu bringen, bilde ich drei Stapel. Die ersten beiden sind recht langweilig: Ich nenne sie „Kann weg / Müll“ und „Kann nicht weg / Archiv“. Stapel 1 wandert also in die ächzende weil überquellende Mülltonne. Und Stapel 2 wird nach Fach, Thema usw. ins Archiv sortiert, das genau genommen ein Regal ist.
Stapel 3 nenne ich „Kann nicht weg! Kurioses“, der ist naturgemäß ungleich interessanter. Hier entfaltet sich zuverlässig das ganze Skurrilitäten-Panoptikum des Berufes.

Und hier ist sie, meine Top 3 der Fundstücke aus den letzten beiden Tagen:

  • Platz 3: Ein Entschuldigungszettel, der zunächst klassisch anfängt. Außer Anfang ist dann aber nicht mehr viel: „Hiermit möchte ich das Fehlen meiner Tocht“. Mehr steht da nicht. Hatte mir die besagte Tocht so gegeben.

  • Platz 2: Eine kurze Notiz vom Schulleiter: „Sommerkleidung. Kommen Sie bitte in mein Büro!“ Den Zettel behalte ich, weil die Geschichte dazu so gut ist. Mein Schulleiter, ein jovialer älterer Herr mit Segelohren und verschmitzten Augen, hatte mir erzählt, dass sich ein Kollege darüber beschwert hatte, dass ich an einem außerordentlich heißen Tag mit kurzer Hose in der Schule erschienen war. Der Kollege habe geäußert, dass ich damit das Ende unserer Schule einläute. Na, das ist ja interessant. Der Schulleiter hatte das nicht weiter kommentiert. Wir haben nur zusammen gelacht.

  • Platz 1: Noch ein Entschuldigunsgzettel: „Mein Sohn Tom hat die Aufgabe, unsere Ratten zu füttern. Weil er sich leider wiederholt ungeschickt angestellt hat, haben die Tiere sich angegriffen gefühlt und ihn deshalb mehrfach gebissen. Aufenthalte in verkeimten Arztpraxen meiden wir tunlichst, wir behandeln ihn homöopatisch. Wir können noch nicht sagen, wie lange er fehlen wird.“

S wie „Schüler“ in den „Sommerferien“

Nach abgeschlossener Sortierung widme ich mich wieder den Ferien und sitze am Abend mit Freunden im Klunkerkranich. Man hat hier eine großartige Sicht über die Stadt. Aber hinter mir beschwert sich jemand, dass ihm gerade die 15-Punkte-Aussicht verdorben werde. Sei jetzt nur noch eine 10-Punkte-Aussicht. Die Stimme kommt mir bekannt vor. Aber erst als ich höre, dass es, höhö, immer Lehrer seien, die ihm das Leben schwer machten, dämmert mir, dass es sich um Ansgar handelt. Der hat in diesem Jahr Abitur gemacht und meint offenbar, das Lehrer-Schüler-Verhältnis gelte nicht mehr. Er kumpelt rum, versucht mir Interna aus dem Lehrerzimmer zu entlocken und ist in Spottlaune. Ich hingegen würde lieber über seine Leistung in seiner mündlichen Abiprüfung spotten. Da war ich Protokollant. Aber das verbietet sich selbstverständlich – leider.
Weil ich nichts erzähle, erzählt er. Ob ich über Herrn M. und Frau R. Bescheid wüsste? Da bin ich tatsächlich ganz verdattert. Herr M. und Frau R.? Die habe er mal zusammen in der Stadt getroffen, und zwar Händchen haltend. Seitdem habe er deutlich bessere Noten von beiden bekommen und letztlich das Abi bestanden. Ich glaube ihm zwar kein Wort, Ansgar hat eine Märchenonkelaura, aber neugierig bin ich schon.

Weil ich ja jetzt schon im Sortierungsmodus bin, sortiere ich mal die verbleibende Zeit. Bietet sich dafür auch ein Stapelsystem an?

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Titelbild: © Garsya/sofatutor.com