Hahnenkampf auf der Gesamtkonferenz – Datenschutz ist überall

Gesamtkonferenzen sind zähe Veranstaltungen: Fast alle gucken ständig auf die Uhr. Doch letzte Woche wurde Lehrer Lämpel Zeuge einer Konferenz der anderen Art: Denn beim Thema Datenschutz hört die Gleichgültigkeit auf.

Strategien für eine unbeschadete Teilnahme

Regelmäßiger Tiefpunkt in meinem Lehrerleben sind Gesamtkonferenzen. Die sind langweilig. Deshalb habe ich mir zwei Strategien zurecht gelegt, um die Zeit unbeschadet zu überstehen: Meistens versuche ich auf Durchzug zu schalten und lese währenddessen heimlich auf meinem Smartphone. Das gelingt mir leider nur so unauffällig wie meinen Schülerinnen und Schülern. Mein Schulleiter hat mich deshalb schonmal vor versammeltem Kollegium gerüffelt. Das fand ich nicht so nett, darum habe ich behauptet, Notizen zu seinen Ausführungen zu machen. Den Trick habe ich von der 9b.

Die zweite Strategie ist besser, aber anspruchsvoller und nur mit Fantasie umzusetzen: Ich versuche mir vorzustellen, dass alle Anwesenden Theater spielen. Grandios, denke ich dann, wie hier Bürokratie und Verwaltung karikiert werden. Toll, wie das schildbürgerliche Element in den Ausführungsvorschriften, von denen wir in Kenntnis gesetzt werden, subtil auf die Spitze getrieben, herausgearbeitet und enttarnt wird. Manchmal stelle ich mir auch vor, dass Asterix erobert Rom nachgespielt wird – absurdes Herumeiern als Selbstzweck.

Tagesordnungspunkte

Normalerweise läuft es etwa so ab:

  1. Informationen aus den Fachbereichen, zu anstehenden Projekttagen, zu Wettbewerben usw.
  2. Informationen zu Terminen: Wann ist das Abitur, der MSA? Wann ist welche Absprache oder welche Abgabe fällig?
  3. Informationen über neue Ausführungsvorschriften – beachten!
  4. Informationen zu den neuen Formularen für Antrag xy – ausfüllen und abgeben!
  5. Informationen zu den Dingen, die schieflaufen, z. B. Türenabschließen niemals vergessen! Nach dem Klingeln sofort wieder aufschließen! Ordnungsdienst eintragen!
  6. Informationen zu Nebensächlichkeiten – Dieses Jahr sollen wirklich alle zur Aufführung der Theater-AG kommen!
  7. Und weil unser stellvertretender Schulleiter vor seinem Amtsantritt auf einer Fortbildung lauter Angeber-Vokabular gelernt hat, schließt jede Konferenz mit seiner eindringlichen Mahnung, doch bitte an die „Außendarstellung“ und „Performance“ der Schule zu denken.

Die große Bühne im Lehrerzimmer

Die Konferenzen dauern selten weniger als drei volle Stunden. Die Dinge, von denen man da hört, sind wichtig, schon klar. Aber die meisten Informationen würden auch prima in eine Rundmail passen. Fast alle Kolleginnen und Kollegen scheinen so zu denken. Zumindest schweigen sie, wenn Beteiligung gefordert ist. Nur Herr T. und Herr C. mischen eifrig mit und positionieren sich gerne gegen die Schulleitung. Erstaunlicherweise scheinen sie sich für Themen zu interessieren, von denen ich angenommen hätte, dass höchstens Verwaltungsfachwirte sich für sie erwärmen könnten. Sie verbeißen sich in Details und bedeutungslosen Verästelungen von Schulrecht usw. Für T. und C. sind neue Ausführungsvorschriften die Sahne auf dem Schulkuchen. Ich vermute, dass es ihnen gar nicht um die Themen geht, sondern um die Möglichkeit, sich aufzuplustern – Hahnenkampfdynamik und so: Gesamtkonferenzen begreifen die beiden als große Bühne.

Datenschutz ist Kampf

Vor zwei Wochen war alles anders. Plötzlich hat sich fast das ganze Kollegium beteiligt. Es wurde richtig schön gestritten. Sogar ich habe mein iPhone weggelegt, weil es endlich mal unterhaltsam war. Und das ging so:

Kürzlich regte die Elternschaft an, dass sich das Kollegium auf der Schulhomepage vorstellt: Ein Porträtfoto und ein kleiner Text von jedem Lehrer und jeder Lehrerin wäre doch schön. Während der Schulleiter dieses Anliegen vortrug, rief gleich jemand „Datenschutz?“ rein. Weil ein Kollegium ja letztlich nur ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, wurde es schnell laut. Denn „Datenschutz“ funktioniert überall zuverlässig als Reizwort. Augenblicklich bildeten sich die vorhersehbaren Fronten, die sich rasch verhärteten. Die Diskussion wurde erbittert geführt. Überall sah ich erweiterte Pupillen und flatternde Nasenflügel. Auch wenn die Argumente beider Seiten legitim und nachvollziehbar sind, habe ich wenig Verständnis für die totale Verbiesterung, die das Thema mit sich bringt. Vor allem Kollege T. drehte durch und übertrieb maßlos: Foto auf die Homepage? Dann könne man ja gleich seine Steuererklärungen und Krankenakten veröffentlichen. So weit käme es noch! Die Entscheidung wurde vertagt, weil die Schulleitung befand, die Fronten seien zu verhärtet.

Als die Konferenz vorbei war, bekam ich mit, wie vor dem Schulgebäude der stellvertretende Schulleiter beim Einsteigen in sein schief geparktes Auto vom Kollegen C. gemaßregelt wurde: „Wie haben Sie denn geparkt? Also bitte, denken Sie doch an die ‚Außendarstellung!‘“

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Titelbild: © Valery Sidelnykov/shutterstock.com