Josef Buchner: „Mit Augmented Reality inspirieren und Interesse wecken“

Lehrer Josef Buchner probiert gern Neues im Unterricht aus. Wie er Augmented Reality in seinen Geschichtsunterricht brachte.

Josef Buchner ist Geschichtslehrer an einem Wiener Gymnasium. Daneben ist er auch Dozent an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich. Praxis und Forschung gehen in seiner Arbeit Hand in Hand, sodass er sich mit neuen Lehr- und Lernmethoden gut auskennt. Aber auch sein eigener Antrieb bringt ihn immer wieder dazu, nach Hatties Ansatz der Methodenvielfalt regelmäßig neue Unterrichtskonzepte auszuprobieren. Wie das im Fall einer Unterrichtseinheit zur Hexenverfolgung aussah, beschreibt er im Interview.

Referent Josef Buchner

© CC BY Josef Buchner

Das Smartphone als Lernwerkzeug im Unterricht

Nachdem Josef Buchner einige Zeit nach der Methode des Flipped Classrooms unterrichtet hatte, wollte er noch mehr für seine Schülerinnen und Schüler erreichen: „Bisher hatte ich es nicht geschafft, den Kindern zu vermitteln, dass das Smartphone auch ein Lernwerkzeug sein kann. Ich wollte herausfinden, wie ich es noch besser in den Unterricht einbinden kann, um die Motivation zu steigern und offene Lernszenarien zu entwickeln, in denen die Schülerinnen und Schüler selbst aktiv werden müssen“, resümiert er seine Weiterentwicklung vom Flipped Classroom zum Flipped Learning, einer Methode des selbstbestimmten Lernens nach Sams und Bergman. In seinen Recherchen sei der Lehrer und Didaktiker dann auf Augmented Reality gestoßen und fand, dass man die Kinder damit inspirieren und ihr Interesse wecken könne. Zusätzlich würde das Smartphone so als Lernwerkzeug und nicht ausschließlich als Konsumgerät wahrgenommen. Lehrkräfte könnten so im Unterricht als Vorbilder auftreten und Inspiration für neue Ideen bei den Lernenden geben.

Den Hexen auf der Spur – Augmented Reality im Geschichtsunterricht

Zur Vorbereitung

Das Thema der Unterrichtseinheit war die Hexenverfolgung zu Beginn der frühen Neuzeit. Es wurde komplett mit Augmented Reality unterrichtet. Zur allgemeinen Vorbereitung für die Lehrkräfte empfiehlt Josef Buchner: „Ich muss mir überlegen, welchen Inhalt möchte ich über Augmented Reality vermitteln. Passt das überhaupt dazu? Gibt es Visualisierungen, die spannend sein könnten? Ich habe mich für dieses Thema entschieden, weil es viel Karten- und Bildmaterial gibt, z. B. zu Foltermethoden.“

Im Anschluss habe er kurze Lernvideos in einer Länge von maximal anderthalb Minuten produziert. Damit hatte er dank des Flipped Classrooms bereits Erfahrungen, 3D-Elemente standen ihm damals noch nicht zur Verfügung. Außerdem gab es einen analogen Stationenbetrieb, auf dem alle acht Stationen aufgeführt waren. Jede Station hatte neben dem Trägerbild, auch Trigger Image genannt, eine Aufgabe, die gelöst werden musste. Als Sicherheitsnetz hatte Josef Buchner neben den Trigger Images, durch die die Animationen oder das Video auf den Handys gestartet wurden, QR-Codes parat. Sie wurden nicht gebraucht, aber als Tipp kann es hilfreich sein. Die Inhalte für die Einheit stellte Josef Buchner auf einem Lehrer-Account in der App HD Reveal! von Aurasma online. Zusätzlich richtete er einen anonymisierten Schüler-Account ein, über den sich alle Schülerinnen und Schüler in der App bewegen konnten. Damit umging er eine Neuregistrierung der Lernenden.

In der Klasse

Für das Thema Hexenverfolgung hatte Josef Buchner eine Doppelstunde zur Verfügung und empfiehlt auch anderen Lehrkräften, mindestens 90 Minuten für eine Augmented-Reality-Einheit vorzusehen. Zu Beginn der Stunde klärte er die Schülerinnen und Schüler über das Thema und das Ziel der Stunde sowie den Aufbau der Stationen auf. Sie sollten sich im Sinne eines kompetenzorientierten Unterrichts zuerst Wissen zu einem Thema aneignen und es anschließend in Aufgaben anwenden. „Ich arbeite immer mit einem Dreischritt aus Verstehen, Wissen und Tun-können. Das spiegelte sich in jeder der acht Stationen wider.“ Während der Stunde arbeiteten sie in Zweier- oder Dreiergruppen mit jeweils einem eigenen Smartphone und einem Paar Kopfhörer zusammen. Das war eine taktische Überlegung von Josef Buchner: „Ich habe ein Problem damit, dass die Geräte uns oft isolieren. In der Schule können wir das Gegenteil zeigen, nämlich dass man mit Smartphones auch zusammenarbeiten kann.“ Als Tipp rät Josef Buchner außerdem dazu, solche Unterrichtseinheiten zu Beginn des Monats zu machen, wenn die Kinder und Jugendlichen noch mobile Daten zur Verfügung hätten, um die Inhalte einmalig laden zu können. Es war ihnen auch bewusst, dass sie nicht alle Stationen in einer bestimmten Reihenfolge erfüllen mussten, sondern sich frei dazu entscheiden konnten. Die Schülerinnen und Schüler standen also auf, öffneten die App Aurasma, nahmen Stift, Papier und Buch mit auf ihren Gang durchs Klassenzimmer und begannen damit, die Bilder nacheinander abzuscannen.

Die kleine Hexe im Quiz

Josef Buchner beschreibt Beispiele für den Stationenaufbau: Auf einem Bild war eine Hexe zu sehen. Als Open Clipart stand sie unter CC0-Lizenz zur Verfügung und konnte auch nach Bearbeitung wieder veröffentlicht werden. Die Schülerinnen und Schüler scannten das Bild ab. Zuerst flog dann ein Titel ins Kamerabild und kurz darauf „flog“ wiederum die Hexe aus dem Bild. Er beschreibt den Effekt als sehr beeindruckend für die Lernenden. Nachdem das Lernvideo in Aurasma durchgelaufen war, öffnete sich sofort eine App von Learning Apps, in der im Stil von „Wer wird Millionär?“ ein Quiz mit mehrern Fragen erschien, das die Schülerinnen und Schüler lösen sollten. So erhielten sie direkt Rückmeldung dazu, ob sie alles richtig verstanden hatten und konnten zum Abschluss dieser Station einen Haken auf ihrem Stationenbetrieb setzen. Die Hälfte der Stationen war laut Geschichtslehrer Buchner in dieser Art aufgebaut.

Der Hexenhammer zur Erstellung eigener Notizen

Als zweite Umsetzungsart beschreibt der Pädagoge eine Darstellung eines Hexenhammers, die er von Wikipedia bezogen hatte. Auch hier erwachte das abgescannte Bild zum Leben, indem der Text Stück für Stück unterstrichen wurde und Titel sowie Audioschnipsel dazukamen. Als kompetenzorientierte Aufgabenstellung sollten die Schülerinnen und Schüler anschließend mithilfe des Lehrbuchs eigene Notizen zu dem zuvor Gesehenen und Gehörten zusammenfassen.

Der Hexenprozess in der Bildanalyse

Schließlich lernten die Schülerinnen und Schüler mithilfe einer Darstellung eines Hexenprozesses wichtige Elemente einer Bildanalyse kennen, die sie darauffolgend anhand einer eigenen Bildauswahl mithilfe der neu erlernten Kriterien anwenden sollten. Diese Analyse überprüfte Josef Buchner direkt in der Klasse, gab eine individuelle Rückmeldung und die Schülerinnen und Schüler konnten einen Haken an die Station setzen.

Zum Abschluss

Auch wenn die Stationen in Gruppen erledigt wurden, hatte jedes Kind einen eigenen Stationenzettel, den es zum Ende des Unterrichts abgab. So konnte Josef Buchner individuell nachvollziehen, was erledigt wurde und hat darauf basierend Mitarbeitspunkte vergeben. „Es gab aber niemanden, der unter sieben Stationen absolviert“, klärt der Geschichtslehrer auf. „Man könnte mit Learning Apps auch die Aufgaben kontrollieren oder nachvollziehen, wie viele Anläufe sie jeweils benötigten. Mir war es aber wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler erleben konnten, dass sie selbstverantwortlich für ihren Lernprozess sind. Dass sie benotet werden, erleben sie ja ständig. Hier war es aber das Ziel, etwas zu verstehen und zu wissen, um es tun zu können.“ In der Folgestunde ließ Josef Buchner die Lernenden eine Fragebogen ausfüllen, um den Lernerfolg messen zu können. Außerdem trug er noch einmal die wichtigsten Punkte zum Thema zusammen. So konnten die Schülerinnen und Schüler ihre Notizen vervollständigen und offene Fragen gemeinsam klären.

Der pädagogische Mehrwert von Augmented Reality im Unterricht

Die Motivation zu steigern, sei ihm bei der Augmented-Reality-Unterrichtseinheit sehr wichtig gewesen. „Dabei geht es vor allen Dingen um das Interesse. Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation von Deci und Ryan spricht von ‚enjoyment‘, also der Freude am Tun. Das ist ein Qualitätsmerkmal der intrinsischen Motivation, die ich ansprechen wollte“, erklärt Josef Buchner. In seiner Evaluation und einer anschließenden Reflexionsphase konnte er herausfinden, dass er dieses Ziel in seiner Unterrichtseinheit zur Hexenverfolgung durch den Einsatz von Augmented Reality erreichen konnte.

Außerdem sei ihm Bewegung wichtig gewesen, die er durch die im Klassenzimmer angebrachten Trigger-Images in die Unterrichtseinheit integrieren konnte. Wo Schülerinnen und Schüler vom stundenlangen Stillsitzen oft müde und erschöpft sind, konnten sie hier aufstehen und sich selbstständig im Raum bewegen. Ein dritter Punkt, der durch den Einsatz von Augmented Reality im Geschichtsunterricht erreicht werden konnte, war die Gamification. Josef Buchner gestaltete so das Erfüllen der Aufgabe spielerisch. Quizze mit geschlossenen Fragen sowie kompetenzorientierte Aufgaben, wie die Bildanalyse, wechselten sich ab.

Für die Zukunft träumt Josef Buchner von einer Augmented-Reality-Schnitzeljagd für Schulen oder einem Augmented-Reality-Museum für den Geschichtsunterricht. Dabei sollen die Schülerinnen und Schüler aktiv werden, um selbst historische Themen zu erklären und zum Trigger Image für andere Lernende zu werden.

Weitere Einsatzszenarien für den Geschichtsunterricht

Zusammen mit Kai Wörner hat Josef Buchner aktuell ein Themenheft für areeka erstellt, das ein berühmtes Phänomen des Alten Ägyptens mithilfe von Augmented Reality beleuchtet: „Animationen, wie in 3D-Elementen können Prozesse verdeutlichen, die man sonst nur schwer erklären kann. Wir können z. B. veranschaulichen, wie der Pyramidenbau tatsächlich stattgefunden hat. Man scannt dafür das Bild einer Pyramide ab, wird in das Bild hineingezogen und erfährt, wie im alten Ägypten mithilfe von Rampen Pyramiden gebaut wurden. Das hilft den Kindern extrem, sich so etwas vorzustellen. Dazu kann man Aufgaben erteilen: Was könnte an der Theorie nicht stimmen? Wie hätten die Schülerinnen und Schüler den Bau der Pyramiden mit den Mitteln der damaligen Zeit bewerkstelligt?“, erklärt er die Zusammenstellung der Unterlagen.

Weitere Informationen von Josef Buchner zum Einsatz von Augmented Reality:

Weitere Artikel

Titelbild: © CC BY Josef Buchner (zugeschnitten)