Die 7 Sünden des digitalen Lehrens – und wie Sie sie vermeiden

Digitale Bildung ist mit vielen Mythen und Wunschvorstellungen behaftet. Jede Lehrkraft hat eine Meinung dazu, wie Kinder und Jugendliche am besten mit Online-Medien lernen können.

Wenn es in der nächsten Konferenz um das Thema „Digitaler Unterricht“ geht, werden einige Lehrerinnen und Lehrer abwinken, während andere euphorisch neue Konzepte präsentieren möchten. Um eine produktive Diskussion unter der Lehrerschaft zu führen, sollten diese sieben Sünden umgangen werden.

1. Trend

Der Sünde, sich einem neuen Trend anzuhängen, ist man als Lehrkraft eher selten erlegen. Immerhin müssten dafür erst mal Mittel freigegeben, Konzepte geschrieben und Zuständigkeiten geklärt werden. Nichtsdestotrotz lässt sich mancher Lehrer bzw. manche Lehrerin von der Wunderwelt der Digitaltechnologie blenden. Nur weil man selbst so viel Spaß mit eleganter Hardware und ausgefallenen Social-Media-Netzwerken hat, heißt es nicht, dass die Schülerinnen und Schüler damit gewinnbringend arbeiten können.

Wichtig ist ein fundiertes pädagogisches Konzept an der Hand zu haben, da auch der größte Überraschungseffekt schnell wieder bei den Lernenden verpufft. Aktuelle Studien zu den besten Lerneffekten mit digitalen Medien sind hierfür interessant und sollten in die Unterrichtsplanung einbezogen werden.

2. Disruption

Jeder Bildungsexperte bzw.  jede Bildungsexpertin beschwört die „Disruption der schulischen Bildung“ herauf. Diese Expertinnen und Experten können Politikerinnen und Politiker, Unternehmerinnen und Unternehmer aber auch Lehrkräfte sein. Man neigt dann nur zu leicht dazu, ihren Visionen Glauben zu schenken und auf einen großen selbst regulierenden Moment zu warten, in dem allen kollektiv bewusst wird, dass die Digitalisierung des Unterrichts und der Schulen unbedingt kommen muss. Sich nur einer Position anzuhängen, lässt den Blick für das große Ganze verschwimmen.

Es bedarf guter Konzepte, innovativer Prozesse und finanzieller Unterstützung, damit die Digitalisierung der Schulen gelingen kann. Ohne ein gesundes Netzwerk an altruistischen Kräften wird die benötigte Innovation nicht geschehen – weder im Großen noch im Kleinen. Verschiedene Perspektiven und Diskussionsbereitschaft sind hier gefragt, nicht die große revolutionäre Umwälzung. Durch gegenseitige Inspiration und Mut zur Verbesserung kann das bestehende Schulsystem schrittweise und nachhaltig verbessert werden.

3. Wissenssilos

Während sich Lehrkräfte bemühen, ihren Unterricht sinnvoll digitaler zu gestalten, vergessen sie dabei gelegentlich, sich mit ihren direkten Kolleginnen und Kollegen auszutauschen: Wissenssilos entstehen. Doch gerade durch einen kritischen Austausch und das Teilen von Arbeitserfolgen kann der Prozess der Digitalisierung an der eigenen Schule vorangebracht werden. Auch wenn Online-Communitys eine tolle Gelegenheit bieten, Lehrmaterialien auszutauschen oder Unterrichtsentwürfe zur Diskussion zu stellen, ist der Kontakt in der direkten Lehrerschaft eine überaus wichtige Komponente der täglichen Arbeit.

Selbst wenn andere Lehrerinnen und Lehrer noch nicht bereit sind, sich mit Tablets, Smartboards und digitalen Unterrichtsmaterialien anzufreunden, sollten sie dennoch regelmäßig Teil des Austauschs sein. Lassen Sie sich von Ihren Kolleginnen und Kollegen beraten! Sie können wertvollen Input liefern und Verbesserungen viel direkter anstoßen, als wenn sich einzelne Lehrerinnen und Lehrer abmühen, alles alleine zu bewältigen. Außerdem können sich digital-engagierte Lehrkräfte so immer wieder ins Gedächtnis rufen und vielleicht doch irgendwann auch bei den Kolleginnen und Kollegen eine Inspiration zu digitalen Lerneinheiten anstoßen.

4. Perfektionismus

Wird ein bestehendes System im laufenden Prozess geändert, entstehen Konflikte und Herausforderungen, es wird anstrengend und es passieren Fehler. All dies könnten abschreckende Gründe sein, sich der Digitalisierung nicht zu stellen. Sollten sie aber nicht. Wer dazu geneigt ist, Fehler zu vermeiden und nur perfekte Ergebnisse abliefern zu wollen, wird die Entwicklungsschritte nicht vollständig gehen können, sondern stattdessen immer wieder auf den gleichen Pfaden wandern.

Eine gute Dokumentation und Evaluation sind wichtige Eckpfeiler von weitreichender Veränderung. Was funktioniert wie gut? Was kann verbessert werden? Wo braucht man externe Unterstützung? Diese Fragen sollten im laufenden Prozess offen gestellt und ehrlich beantwortet werden können, damit das Lernen mit digitalen Medien wirklich verbessert werden kann.

5. Ausgaben

Geht es um ein nachhaltiges Online-Lernen an Schulen sind Anschaffungen von Hardware und Software für den Schulbetrieb, die Aktualisierung von Lizenzen sowie Wartungs- und Instandhaltungskosten Faktoren, die nicht außer Acht gelassen werden können. Gleichzeitig sollten sie nicht zum Hindernis werden, sich mit interessanten Angeboten oder Nutzungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen, nur weil sie etwas kosten. Das günstigste Angebot muss nicht immer das beste sein.

Ausgaben sollten vor allen Dingen aufseiten der Personalkosten getätigt werden, z. B. durch die Einstellung von professionellen Digitalwarten oder der Freistellung von Lehrkräften für die Instandhaltung von Geräten und Lizenzen sowie die Entwicklung neuer Medienkonzepte. Dafür muss auch Zeit investiert werden. Denn nicht jede Änderung hat sofort messbare Ergebnisse zur Folge.

6. Ergebnis

„Und was haben wir nun von all dem?“, fragen sich Lehrkräfte und Schulverwaltung gleichermaßen. Sie suchen nach vorzeigbaren, vergleichbaren Ergebnissen: Wie waren die Schülerergebnisse vorher? Wo stehen wir jetzt?

Alles darauf auszurichten, dass die Digitalisierung der Schule ab der ersten Sekunde einen Erfolg bedeutet, zielt in Richtung Perfektionismus. Sich beim Unterrichten nicht mehr von der pädagogischen Intuition, sondern nur noch von Zahlen lenken zu lassen, lässt diese quantifizierbaren Ergebnisse wichtiger erscheinen, als sie sind.

Gerade bei einer qualitativen Arbeit wie dem Vermitteln von Wissen, sollte der Fokus nicht darauf liegen nachzuweisen, wie viele Schülerinnen und Schüler sich wie viel verbessern konnten oder ob sie jetzt zu hundert Prozent die Hausaufgaben erfüllen. Wenn dabei das Niveau der Prüfungen oder der Hausaufgaben zu stark herabsinken würde, würde auch das beste Ergebnis nichts nützen. Die Auswertung von Schüler-Statistiken sollte daher bedacht erfolgen und die Ergebnisse immer im Kontext des Unterrichts reflektiert werden.

7. Kultur

Eine Schulkultur, die auf Werte und Traditionen setzt, die sich einem Leitbild verschreibt, ist eine gute Richtlinie für Lernende, anhand derer sie ihre eigenen Werte bestimmen können. Dabei jedoch stoisch auf immer gleichen Vorgehensweisen zu verharren, weil man das schon immer so gemacht hat, führt unweigerlich zum Ersticken jeder Innovationskultur.

Um diese zu fördern, sollten Schulen es ermöglichen, viele verschiedene Ansichten und Meinungen zusammenzutragen und zu verarbeiten. Nur so kann die gewünschte Veränderung eintreten. Das Zusammenarbeiten in Gruppen und „Subkulturen“ kann hier die Position des Einzelnen bzw. der Einzelnen stärken und zu einer schnelleren Abwicklung eines Gesamtprojektes führen. So können auch zweifelnde Kolleginnen und Kollegen angehört und eher abgeholt werden, als wenn man ihre Meinung unterbindet.

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