Von früh bis spät – (k)ein Arbeitstag wie der andere

Angeblich arbeiten Lehrerinnen und Lehrer nicht viel – nachdem Maximilian Lämpel gestern mit diesem Vorwurf konfrontiert wurde, muss die Thematik mal eruiert werden.

Klischees

Es gibt viele Klischees über den Lehrberuf. Es macht nicht immer Spaß, damit konfrontiert zu werden. Zu meinem Bedauern stelle ich immer wieder fest, dass bei aller Heterogenität der Lehrerschaft meistens was dran ist. Über das Bekleidungsklischee habe ich schon mal geschrieben. Es gibt da noch viele weitere, über die man sich mal Gedanken machen könnte. Aber gerade hadere ich mit dem ganz offen vorgetragenen Vorwurf eines Vaters, der gestern auf der Elternversammlung meiner 10b sagte, „die Lehrer“ würden bekanntermaßen „nicht besonders viel arbeiten“. Das ist ja sozusagen die Mutter aller Vorurteile. Ich nehme diese Episode jetzt zum Anlass, meinen gestrigen Tag zu protokollieren. Wird vielleicht ein bisschen zäh, aber so ist der Alltag in der Schule nun mal.

Vormittag

Weil ich noch ein paar Dinge erledigen musste, war ich um 7:15 Uhr in der Schule: kopieren, Bücher holen, ins Fach gucken, Stempel und Unterschrift im Sekretariat abholen usw. Um 8 Uhr begann dann der Unterricht. Ab 9:30 Uhr hätte ich eigentlich zwei Freistunden gehabt. Diese Zeit wollte ich nutzen, um Klausuren zu korrigieren. Sieben Stück steckten noch unangetastet in meiner Tasche. Heute wollte ich sie zurückgeben, so hatte ich es versprochen. Leider musste ich in den Freistunden spontan eine Kollegin vertreten und stand dann unvorbereitet vor mir fremden Klassen. Der Improvisationsunterricht war nur so mittelmäßig. Außerdem habe ich natürlich keine Klausur geschafft. Na, vielleicht geht ja am Nachmittag noch was, so zumindest der Plan. Dann ging der Unterricht bis 14:45 Uhr weiter in meinen regulären Klassen. Fordernder als der Unterricht waren die Pausen. Nicht qualitativ, aber quantitativ; zu viele Menschen zerren an einem. Gestern prasselte es nur so auf mich ein und nicht alle Anliegen konnte ich abwiegeln: „Warum hast du denn gestern nichts ins Klassenbuch der 7a eingetragen?“, „Weißt du, wo die Entschuldigung für Ben ist? Hat er dir angeblich gegeben“, „Können Sie mir das von vorhin noch mal erklären?“, „Meine Mutter hätte gerne einen Termin für nächste Woche“, „Können wir am Wandertag nicht Sport machen statt Gedenkstätte?“, „Wann genau schreiben wir den Test?“, „Können Sie mal einen Besen holen?“, „Haben Sie die Klausuren morgen echt fertig?“, „Ich hab meine Mütze verloren. Können Sie mir helfen? Ich krieg echt Ärger, wenn die weg ist!“, „Können wir kurz über Problemschüler Sebastian reden?“, „Mir ist schlecht! Ich glaube, ich muss spucken, ich will nach Hause!“, „Der Kopierer ist defekt, warst du da nicht heute morgen dran?“, „Können Sie kurz den Raum aufschließen?“, „Denkst du an die Klassenkonferenz später?“, „Kannst du das bitte der 9c geben?“, „Wann ist noch mal die Elternversammlung? Hat meine Mutter vergessen“, „Der hat mich schon wieder getreten“, „Peter wird bald 60, gibt’s du auch was?“ usw. Pausen sind ein Fass ohne Boden. Es sind meist die kleinen Dinge und derer zu viele, die meinen Kopf zum Glühen bringen.
Bis zum Ende meines Unterrichts hatte ich es weder geschafft etwas zu essen noch auf die Toilette zu gehen. Das ist sicher auch meiner Prioritätensetzung geschuldet, trotzdem nicht schön. Endlich schaffte ich es kurz zum WC, aber nicht zum Bäcker um die Ecke, denn um 15:00 Uhr begann die Klassenkonferenz der 6b. Die sieben Klausuren warteten weiterhin.

Nachmittag

Klassenkonferenz: Erhan hatte sich geprügelt, mal wieder. Wir anwesenden Lehrkräfte überlegten, was man da machen kann, mal wieder. Die Eltern waren dabei, verstanden aber erst sprachlich und dann inhaltlich nicht, wo das Problem liegen sollte. Die Mutter blickte ausdruckslos an die Wand, der Vater grinste und erklärte, es sei richtig, wenn sich sein Sohn Respekt verschaffe. Langes Gespräch, mäßiges Ergebnis. Um 16:15 Uhr gingen alle Anwesenden auseinander und ich ans Telefon. Das wollte ich jetzt noch kurz erledigen. Das erste Telefonat mit der Ausländerbehörde dauerte deutlich länger als erhofft. Es ging um eine Klassenfahrt, ich brauchte verschiedene Informationen bezüglich der Erstellung der sogenannten Schülersammelliste, die als Visumsersatz fungieren soll. Ich wurde wieder und wieder weitergeleitet und fühlte mich ein bisschen wie Asterix auf der Jagd nach dem Passierschein A38. Im Anschluss folgte ein Telefonat mit der Schulpsychologin. Man stellte mir, dem Klassenlehrer, ziemlich viele Fragen über eine Schülerin, die sich da gemeldet hatte, zu ihren Problemen zwischen Pubertätstrallalala und desinteressierten Eltern. Mein Hunger war mittlerweile echt groß. Dann rief ich einen Einzelfallhelfer an, der mich Stunden zuvor per Mail um dringenden Rückruf gebeten hatte. Er beschwerte sich dann über die missliche Kommunikation mit der Therapeutin einer Schülerin, ob ich da nicht mal vermitteln könne. Anschließend rief ich bei einer Gedenkstätte an: Dorthin führte der nächste Wandertag meiner 10b, und weil die Hälfte der Klasse an dem Tag an einem Wettbewerb teilnehmen sollte, was ich kurz vorher per SMS erfuhr, wollte ich die Uhrzeit der gebuchten Führung verschieben. Das ginge natürlich gar nicht, war die empörte Reaktion am Telefon. Wir suchten und fanden schließlich einen Kompromiss. Jedenfalls: Immer noch keine Klausur geschafft, aber immerhin saß ich dann um 18 Uhr beim Bäcker nebenan. Meine Laune und der Energiepegel erlebten einen kurzen Aufschwung.

Abend

Wenig später, um 18:30 Uhr, begann die Elternversammlung. Von dieser hatte ich mir erhofft, dass sie nach spätestens einer Stunde zu Ende sein würde. Ich erzählte den Eltern dieses und jenes. Nach knapp 30 Minuten öffnete ich die Runde für Fragen. Ich weiß nicht mehr genau, wie es passierte, aber nach berechtigten Fragen zum MSA, zur Klassenfahrt und zur Oberstufe entsponn sich eine Diskussion zur Notengebung an dieser Schule, in deren Verlauf Herr T. erklärte, „die Lehrer“ würden ja „nicht besonders viel arbeiten“. Tja. Dauerte lange, plötzlich war es spät und ich erst gegen 21 Uhr zu Hause. Endlich konnte es mit den Klausuren losgehen.

Fazit

Wenn ich das jetzt so lese, klingt es ganz schön larmoyant, aber es war halt echt ein harter Tag. Von wegen faule Lehrer und so, Unverschämtheit.
Okay, zur Wahrheit gehört auch, dass wir irre lange Ferien haben, und z. B. mein heutiger Arbeitstag angenehm kurz war. Drei Stunden Unterricht am Vormittag, unkomplizierte Klausurbesprechung, danach nix mehr. Keine Telefonate, keine Termine, nichts mehr zu korrigieren, nichts zu organisieren und mit der Unterrichtsvorbereitung bin ich mittlerweile sehr schnell. Heute nur Kuchen essen und nebenbei entspannt was für sofatutor schreiben. Unterm Strich kann ich echt schwer sagen, wie viel ich arbeite. Vielleicht schicke ich Herrn T. mal den Link zu diesem Text und frage ihn, wie sein Tag gestern so war. Er arbeitet übrigens im Rathaus.

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Titelbild: © Eugenio Marongiu/shutterstock.com