Unterrichten wie die Finnen – so geht’s

In Finnland stehen die Lernenden im Fokus: Selbstbestimmung und Selbstorganisation sind wichtige Prinzipien des Unterrichts.

Hei Hei, Fachunterricht

Im Frühjahr 2017 ging ein Raunen durch die deutsche Bildungslandschaft: Das PISA-Vorbild Finnland hatte vor, den Fachunterricht abzuschaffen. Das Vorhaben schien unfassbar waghalsig für hiesige Pädagoginnen und Pädagogen. Wie sollten Kinder und Jugendliche dann noch Inhalte vermittelt bekommen und wie könnte ihr Wissensstand vergleichend überprüft werden? Ganz so war es dann doch nicht. Finnland erweiterte zwar den Anteil des fächerübergreifenden Unterrichts. Dadurch sollte im Unterricht an aktuellen „Phänomenen“ der Gesellschaft gearbeitet werden – und das für alle Kinder als Pflichtunterricht der neunjährigen Grundausbildung. Aber: Flächendeckend ist das Experiment bislang noch nicht eingeführt worden und finnische Schulen erhalten weiterhin große Freiheiten, wie und in welchem Umfang sie die Regierungsbestrebungen umsetzen möchten.

Aber so ein bisschen Finnland-Flair im Unterricht könnte man sich auch in deutschen Klassenzimmern gut vorstellen. Wie könnte das aussehen?

Ideen für mehr Finnland im Unterricht

Der amerikanische Lehrer Timothy D. Walker unterrichtete eine Weile in Helsinki. Aus seinen Erfahrungen hat er ein Buch mit „33 einfachen Strategien für fröhliche Klassenzimmer“ entwickelt. Einige seiner Tipps:

  1. Pausen machen. Pro 45 Minuten Lerneinheit haben finnische Schülerinnen und Schüler 15 Minuten Pause. Das entspannt das Gehirn. Außerdem führt es dazu, dass sich die Kinder während der nächsten Lerneinheit besser konzentrieren können.
  2. Auswahl anbieten. Wenn die Lernenden mehrmals am Tag die Möglichkeit bekämen, sich selbstständig für eine Übung oder einen Text zu entscheiden, um daran zu arbeiten, würde ihre Motivation steigen. Sie könnten als aktivierende und auflockernde Elemente im Fachunterricht angeboten werden.
  3. Kollaborativ arbeiten. Mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fachbereichen gemeinsam bzw. zeitgleich an einem Phänomen zu arbeiten, kann den Lernenden helfen, die Zusammenhänge besser zu verstehen.

Das Besondere am finnischen Schulsystem

In unserer Reihe „Lernen in anderen Ländern“ werfen wir regelmäßig einen Blick auf andere Bildungssysteme. Bei der Betrachtung Finnlands fällt auf, dass sich die Rollen der Lehrenden, der Lernenden und der Verwaltung stark von den deutschen unterscheiden:

In Finnland bekamen die Schulleitungen und Lehrkräfte in den 1990er Jahren mehr Autonomie und Entscheidungsbefugnisse durch die Schulbehörde übertragen. Diese Selbstbestimmung gaben sie gleichermaßen an die Schülerinnen und Schüler weiter. Das bedeutet, dass es für jedes Kind im Schuljahr individuelle Zielsetzungen gibt und standardisierte Tests und Vergleichsarbeiten bis ins Teenageralter vermieden werden. Dadurch sollen die finnischen Kinder und Jugendlichen die Gelegenheit bekommen, sich auszuprobieren und ihre Stärken und Schwächen zu entdecken.

Das oberste Ziel des finnischen Bildungssystems ist es, die Schülerinnen und Schüler fit für die Zukunft zu machen. Ganz klar gehört dazu der Umgang mit digitalen Medien. Aber gleichermaßen wichtig ist, dass die finnischen Schülerinnen und Schüler das kritische Denken erlernen, sich eigenständig Fähigkeiten und Kenntnisse aneignen und ein hohes Maß an Selbstorganisation trainieren können.

Dazu ist die Anzahl der Unterrichtsstunden in finnischen Schulen geringer als z. B. in Deutschland. Schülerinnen und Schüler sollen zu Hause ihr Wissen vertiefen oder Präsentationen erstellen. Wenn eine Prüfung nicht gut lief, kann sie wiederholt werden.

Und generell zählen schriftliche Prüfungen nicht so stark wie in der Bundesrepublik. Sie werden nur als Teil einer Gesamtleistung betrachtet, die aus schriftlichen und mündlichen Leistungen, Präsentationen und dem Erfüllen von Lernzielen erstellt wird.

Auch wenn es andere Voraussetzung für deutsche Lehrkräfte gibt, lassen sich sicherlich einigen finnische Ideen in den Fachunterricht integrieren, die die Selbstständigkeit von Schülerinnen und Schülern fördern. Ein deutsches Beispiel ist das Konzept Mathematiika der Lehrkräfte Sebastian Grabow und Lena Florian aus Potsdam.

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