Zelten mit Schülerschaft

Klassenfahrten bedeuten mehr Arbeit, aber auch mehr Nähe zu den Schülerinnen und Schülern. Franziska wägt ab: Lohnt sich der ganze Aufwand aus Lehrerperspektive?

Zu einer bestimmten Zeit im Schuljahr beginnt an unserer Schule der Run auf Klassenfahrtsbegleitungen. Männliche Klassenlehrer laufen weiblichen Kolleginnen ohne eigene Klasse mit der flehentlichen Bitte hinterher, ihn und seine Klasse auf Klassenfahrt zu begleiten. Gleiches passiert umgekehrt. Mindestens zwei Lehrkräfte müssen eine Schülergruppe auf Ausflügen und Fahrten betreuen, jede weitere Person macht die Arbeit natürlich leichter. Dabei sollte immer sowohl eine männliche als auch eine weibliche Begleitperson als Ansprechpartner oder Ansprechpartnerin vor Ort sein.

Mehr Arbeit

Mit der Begeisterung für Klassenfahrten hält es sich bei den meisten Lehrpersonen in Grenzen. Fakt ist nun mal, dass eine solche deutlich mehr Zeitaufwand bedeutet. Die Verantwortung für ca. 25 Schülerinnen und Schüler lastet während des Ausflugs rund um die Uhr auf einem. Abgesehen davon bekommt man wirklich jede Stimmungslage der Jugendlichen mit: Morgenmuffel und Nachteulen, Liebes(-kummer)szenarien, BFF-Trennungen und klassische Adoleszenz-Experimente. All das findet gebündelt in einer Woche statt und muss emotional wie auch rechtlich von den aufsichtshabenden Lehrpersonen abgesichert werden.

Es gibt allerdings auch einen großen Vorteil: Wir lernen unsere Schülerschaft ganz anders kennen, erfahren viel von ihr und über sie und bei einer gelungenen Fahrt gewinnt man einen ganz anderen Zugang zu ihr. Das gemeinsam Erlebte hält noch lange Zeit vor und verschönert den Schulalltag.

Letzteres muss mir auch durch den Kopf gegangen sein, als ich einem hilfesuchenden Kollegen meine Begleitung auf eine zweitägige Zeltfahrt zusicherte. Die zu begleitende Klasse sehe ich nur zwei Unterrichtsstunden in der Woche. Eine richtige Beziehung lässt sich so nur schwer zu ihnen aufbauen. Meine Hoffnung war außerdem, die doch sehr unruhige Gruppe in den folgenden Unterrichtseinheiten besser in den Griff zu bekommen. So ein neuer Zugang zur Klasse und die gemeinsamen Erfahrungen verschaffen schließlich Respekt.

Möglichst leichtes Marschgepäck

Schon zwei Tage vor der Abfahrt bereute ich meine Entscheidung zutiefst. Und das hatte nichts mit der Klasse zu tun, sondern mit in mir geweckten Erinnerungen an meine eigene Zeltfahrt in der achten Klasse. Für nur zwei Tage hatten wir uns damals am Gepäck totgeschleppt, waren in unseren Schlafsäcken fast erfroren und – meine aus heutiger Sicht prägendste Erinnerung – verbrachten die Nacht nicht in unseren eigenen Zelten. Ein Zurück gab es nun aber nicht mehr. So verbrachte ich einige Zeit damit, ein möglichst leichtes Marschgepäck zusammenzustellen. Ich studierte die Wettervorhersage (sonniger Mai) und packte tatsächlich nichts in meinen Rucksack, was ich nicht unbedingt brauchen konnte.

Todeserschöpfung

Am Tag der Abreise stellten mein Kollege und ich – zugegebenermaßen nicht ohne Erleichterung – fest, dass sich die größten Unruhestifter der Klasse krankgemeldet hatten. Unsere Schülergruppe minimierte sich auf 18. So stiefelten wir zu zwanzigst los. Obwohl es nur an einen brandenburgischen See gehen sollte, mussten wir viermal umsteigen und zum Schluss einen 45-minütigen Fußmarsch durch den Wald absolvieren. Am Ziel angekommen war es mittags und ich (!) war (!) tot (!). Nichtsdestotrotz mussten noch Zelte, Tische und Stühle aufgebaut, das Gelände erkundet und einige Schülerspiele gespielt werden. Die Stimmung war großartig, doch der Tag war unendlich anstrengend. Den Abend verbrachten wir damit, gemeinschaftlich zu kochen und zu essen. Es wurden Geschichten erzählt und jede Menge Mücken totgeschlagen. Kaum war es 22 Uhr, war ich unendlich dankbar für die vereinbarte Nachtruhe. Meinem Kollegen und mir fielen schon vorher regelmäßig die Augen zu, doch die Schülerinnen und Schüler, geputscht durch je fünf Kilogramm Süßigkeiten, die zu tragen sie am Tagesanfang offenbar nicht zu schwach waren, waren noch lange nicht müde. Den uns zugeordneten Platz hatten wir in eine männliche und eine weibliche Hälfte geteilt, die ein kleiner Graben, in dem unsere Lehrerzelte standen, trennte. Unerbittlich ließ ich alle Schülerinnen in die Zelte krauchen. Mein Kollege tat das Gleiche mit den Jungs.

Nur eine Nacht …

In der Nacht kamen wir kaum zum Schlafen. Frierend (mit der leichten Tasche hatte ich es zu gut gemeint) hörte ich zu, wie die Jugendlichen den Tag auswerteten und sämtlichen Körpergasen, die in ihren Zelten eingesperrt wurden, unterschiedliche Namen gaben („Ich nenne diesen ‚den Blizzard‘!“).

„Es ist nur eine Nacht…“, sagte ich mir mantra-ähnlich immer wieder. Ich nahm mir fest vor, Ruhe zu bewahren, so lange alle in ihren Zelten blieben. Nebenher belustigte mich ein bisschen der Gedanke, dass die Schülerinnen und Schüler offenbar keine Ahnung davon hatten, wie laut ihre Gespräche und wie dünn die Zeltwände waren. Einige Geheimnisse wollten sie sicherlich nicht mit der ganzen Reisegruppe teilen. Taten sie aber.

Irgendwann fand die Nacht glücklicherweise ein Ende und nicht nur mir war der wenige Schlaf anzusehen. Das Packen und die Rückreise waren abermals eine Tortur. Im todmüden Zustand fühlte sich die zu beaufsichtigende Schülergruppe gar nicht mehr so klein an. Der überfüllte Regionalzug war kein optimaler Ort, um die Gruppe immer und immer wieder zu zählen. Und die abgelegene Bushaltestelle bot viel zu wenig Abwechslung, um die Jugendlichen in den 45 Minuten Wartezeit davon abzuhalten, die Dorfjugend zu terrorisieren. Aber wir schafften es. Am Nachmittag des gleichen Tages versank ich auf der Couch in einen tiefen, tiefen Erschöpfungsschlaf.

Hat es sich gelohnt?

Die Vorbereitung, die Aufregung, die Kälte, der Schlafmangel?

Am darauffolgenden Montag grüßten mich bei meiner Hofaufsicht viele Schülerinnen und Schüler aus der Klasse, die sonst schweigend an mir vorbeigelaufen waren. Und vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber in der kommenden Doppelstunde musste ich die Gruppe eventuell nur 34 statt 35 Mal zur Ruhe auffordern. Doch, es war die Sache wert.

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Lehrerin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.



Titelbild: © Gladskikh Tatiana/shutterstock.com