Prüfungstag: Präsentationen und andere Zwischenfälle

Die Zeit vor den Ferien ist nie einfach. Vor dem Zensurenschluss hat man unendlich viel zu tun, um die letzten Noten fertigzustellen. Noch etwas, findet Franziska, macht diese Zeit sehr schwierig und aufregend zugleich: Die finalen Prüfungen der Abschlussjahrgänge.

In diesem Schuljahr musste ich erstmals einige Präsentationsprüfungen abnehmen. Ich finde diese Form der Prüfung sehr sinnvoll. Sie unterscheidet sich grundlegend von den anderen Prüfungsformen. Die Schülerinnen und Schüler erarbeiten eine Problemfrage und schreiben dazu eine Facharbeit. Die Ergebnisse stellen sie gestützt durch multimediale Hilfsmittel in einer Präsentation einer dreiköpfigen Prüfungskommission vor. Und einer dieser Köpfe für das Fach WAT war in diesem Jahr ich.

Ali, Hasan und Yasin

An einem Dienstag finde ich mich also halb acht Uhr morgens in meiner Schule ein und bin aufgeregt. Tatsächlich. Ich habe vorher lange überlegt, was ich an diesem Tag anziehen soll. Von den Prüflingen erwarte ich ein bisschen, dass sie nicht in ihren schlumpigsten Klamotten auftauchen. Deswegen möchte ich mit gutem Beispiel vorangehen. Die erste Prüfungsgruppe, bestehend aus drei Jungen, taucht wenige Zeit nach mir auf und hat noch 20 Minuten zur Vorbereitung. Sie wirken entspannt, als sie ihre Powerpoint-Präsentation für den Beamer vorbereiten. Ali und Hasan lassen ihre Karteikarten keine Sekunde los. Yasin dagegen setzt sich an einen freien Tisch, holt einen Bleistift heraus und beginnt tatsächlich, seine Aufzeichnungen noch einmal zu überarbeiten. Mittendrin fragt er seine beiden Mitstreiter noch nach der Bedeutung des einen oder anderen Fachwortes. Ich muss mich sehr bemühen, kein vorschnelles Urteil zu fällen. Während der Prüfung werden die Unterschiede des Engagements der drei Prüflinge aber immer deutlicher. Während Ali und Hasan frei sprechen können und sehr vorbereitet wirken, verpasst Yasin regelmäßig seinen Einsatz und kann im Nachhinein keine Frage zu seinem Thema beantworten. Als Prüfungskommission entscheiden wir uns eindeutig für ein „befriedigend“ bei Ali und Hasan. Yasin fällt leider mit einer Fünf durch. Er ist sichtlich enttäuscht, will es sich aber nicht anmerken lassen.

Erik

Auch der nächste Prüfling hat eine halbe Stunde Zeit, sich im Raum vorzubereiten. Vier Minuten vor Prüfungsbeginn ist Erik noch immer nicht da und ich bereite mich moralisch darauf vor, der Schulleitung Bescheid zu geben, dass er nicht zur Prüfung angetreten ist. Da erscheint er plötzlich im Türrahmen. Durchgeschwitzt und mit drei knittrigen Plakaten, die er sogleich an der Tafel befestigt. Pünktlich zu Beginn der Prüfung entschwindet er noch einmal auf der Toilette. Ich bin gleichzeitig fasziniert und schockiert von seiner entspannten Art an diesem wichtigen Tag. Sein Vortrag, für den zehn bis 15 Minuten anberaumt sind, ist nach zwei Minuten beendet. Unser Urteil fällt einstimmig aus und wenn wir ganz ehrlich sind, müssen wir sogar die wenigen Punkte für eine Fünf zusammensuchen. Als mein Kollege ihm unsere Auswertung verliest, fällt Erik ihm ins Wort: „Wie lange dauert das noch?“, fragt er laut und forsch. Mein Kollege ist verunsichert. Er erkundigt sich, ob Erik überhaupt an der Verlesung der Auswertung interessiert ist, was dieser verneint. Er warte nur die Note ab. Mein Kollege spricht noch immer ruhig weiter: „Okay Erik, wir haben dir insgesamt eine Fünf gegeben.“ Erik fragt nach, ob das gut sei, woraufhin ihm noch einmal erklärt wird, dass es sich um eine Schulnote handele. Erik ist fassungslos: „Also hab ich nicht bestanden?“ Bevor wir ihm antworten können, springt Erik auf, brüllt, rennt heraus und knallt die Tür. Mein Kollege kennt den Schüler deutlich besser. Auf eine solche Situation waren wir vorbereitet. Trotz allen Mitleids ist uns bewusst, dass allein er für diese Note verantwortlich war.

Anja, Aliya und Dunya

Wir finden in eine positivere Stimmung zurück als Anja, Aliya und Dunya zur Prüfung erscheinen. Sie präsentieren anhand eines beeindruckenden Tafelbildes und haben einen kleinen Tisch mit Anschauungsmaterialien vorbereitet. Ihr Referat wirkt sehr fundiert, die Fragen können sie beinahe alle sehr gut beantworten, sodass wir Anja und Aliya mit einer Eins, Dunya mit einer Zwei entlohnen. Ich bin froh, dass wir bis zu diesem Moment mehr Schüler und Schülerinnen haben bestehen als durchfallen lassen. Irgendwie belastet das Einzelschicksal einen doch sehr, auch wenn den Jugendlichen das gesamte Schuljahr die Relevanz dieser Prüfung klargemacht wurde.

Und noch einmal Erik

Nach dieser positiven Prüfung klingelt das Handy meines Kollegen. Er scheint am Anfang nicht so recht zu verstehen, bittet den Anrufer um die Wiederholung seiner Worte und schaltet das Telefon in der Zeit auf Lautsprecher. „Ich habe gesagt, dass Sie die Note nicht eintragen sollen. Wenn Sie es doch tun, werden sie ja sehen, was passiert.“ Mein Kollege macht sich ein paar Notizen und schreibt den genauen Wortlaut auf. Mir wird übel und ich habe in dieser Situation ehrlich Angst. Erik ist bereits öfter durch seine unberechenbare Art aufgefallen. Schon eine Kollegin von mir betonte, sich in Gegenwart des Schülers unwohl gefühlt zu haben. Nun kann ich es nachvollziehen. Diese Drohung spricht Erik sicherlich im Affekt aus, aber jeder und jede von uns war schon oft genug in brenzligen Situationen, um zu wissen, dass ein Schüler oder eine Schülerin auch mal austicken kann.

Meine Schulleitung ist sofort alarmbereit. Der wenig später auftauchende Schüler wird des Hauses verwiesen. Der Vertrauenspolizist unserer Schule wird verständigt. Er schickt eine Streife in die Wohngegend von Erik, fängt ihn ab und macht ihm die Konsequenzen jeder Drohung bewusst. Für den Tag gibt er uns Entwarnung, er wisse den Schüler nun in der Obhut seiner Mutter. Das mulmige Gefühl aber bleibt.

Seines Glückes Schmied

Während der Dienstag für mich zwar ein besonderer, aber dennoch nur ein Arbeitstag war, hat er für einige Schülerinnen und Schüler über den künftigen Lebensweg entschieden. Teilweise verlassen sie die Schule nun ohne Abschluss oder sie entscheiden sich für eine Wiederholung. Andere wiederum konnten an diesem Nachmittag nicht erleichterter sein. Ich mag diese Form der Prüfung nicht allein, weil sie unterschiedliche Kompetenzen examiniert. Sie prüft Recherche-, Präsentations- und fachwissenschaftliche Kompetenzen genauso wie sie den Schülerinnen und Schülern Selbstständigkeit und Teamfähigkeit abverlangt. Ich mag sie auch deswegen sehr, weil bei dieser Prüfung eine gute Vorbereitung wirklich alles ist, hier scheint jeder und jede tatsächlich selbst seines Glückes Schmied zu sein.

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Lehrerin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.



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