Kurze Nächte, Teenie-Idiotie und jede Menge Sand – Klassenfahrt an die Ostsee

Gleich zu Beginn des Schuljahres begleitete Maximilian Lämpel eine Kollegin auf eine Klassenfahrt an die Ostsee. War nice, sagt die 8a, war irre anstrengend, sagt der Lehrer.

Fisch

Weil ein Kollege krank geworden war, bat mich die Klassenlehrerin der 8a, sie auf Klassenfahrt zu begleiten. Ich kenne die Klasse erst seit Anfang des Schuljahres, also praktisch gar nicht. Aber ein bisschen hatte ich mir erhofft, auf dieses Weise das Sommerferiengefühl verlängern zu können. Es ging schließlich ans Meer. Unsere Herberge befand sich direkt hinter den Dünen. Das war wirklich schön. Die kleinen Häuser, in denen sich unsere Zimmer befanden, waren frisch renoviert. Es ging uns gut.
Gleich am ersten Abend machten wir einen ausgedehnten Strandspaziergang. Drei Jungs fanden einen toten Fisch, packten ihn ein und versuchten später, ihn mit einem Feuerzeug zu, ähm, bearbeiten. Sie waren sich nicht einig, was sie da eigentlich veranstalteten. Nennt man das nun „braten“, „räuchern“ oder schlicht „anzünden“? Wahrscheinlich „kokeln“. Es stank jedenfalls irgendwann und das fanden sie gut. Immer wieder interessant zu beobachten, was für einen Reiz das Hervorrufen von Ekel bei anderen ausübt. Wir hatten also einen stinkigen Klassenfahrtstart.

Verlaufungen

An einem Tag wollten wir in das Museum in der naheliegenden Stadt. Auf dem Weg dorthin, es waren etwa sechs Kilometer, begannen zwei Jungs irgendwann zu jammern. Niemals zuvor seien sie so weit gelaufen, das sei die reine Folter und: „Das sage ich meinen Eltern!“ Und tatsächlich bekam meine Kollegin noch am selben Abend eine im Ton zwar höfliche Mail eines Vaters, die aber keinen Zweifel daran ließ, dass er „Gewaltmärsche“, wie er es nannte, für keine adäquate Form der Fortbewegung halte. Dazu ein Link zu einem Artikel, in dem es um problematische Märsche bei der Bundeswehr ging. Schlimm, schlimm. Kurz hatten wir erwogen, den Spieß umzudrehen und mit genauso abstrusen Analogien zu antworten. Aber wir sind ja erwachsen und meine Kollegin schrieb deshalb sachlich, erläuternd und vor allem beruhigend.

Viel problematischer als die Wanderung zum Museum in der Stadt gestaltete sich später aus unserer Sicht der Weg aus dem Museum hinaus. Die Klasse sollte eine Museumsrallye machen und hatte dazu eine Art Fragebogen auszufüllen. Wir hatten vereinbart, uns zwei Stunden später im Foyer am Ausgang zu treffen. Vier Schüler fehlten dann aber. Und weil es in den Räumlichkeiten kein Netz gab, machten wir uns schließlich in Gruppen auf die Suche. Einer dieser Suchtrupps fand die Vermissten schließlich irgendwann hinter einer Glastür im dritten Stock sitzend. Wütend. Wo denn alle seien. Wir, die Lehrkräfte, hätten doch gesagt, Treffpunkt sei eben diese Glastür im dritten Stock. Ich habe immer noch keinen Schimmer, wie sie darauf kamen. Diese Episode hat auch keine Pointe oder so, sie ist weder lustig noch lehrreich, aber sie ist typisch für Kommunikationsprobleme, deren Ursachen irgendwo in unergründlichen Kinderhirnen liegen.

Online

In Vorbereitung auf die Klassenfahrt hatten Klassenlehrerin und Klasse den Umgang mit Smartphones verabredet: Nur von 20:00 bis 21:00 Uhr sollte es genutzt werden dürfen. So hatte es die Klasse nach Diskussion in einer Abstimmung beschlossen. Ganz schön gut für eine achte Klasse, die haben da schon ein ordentliches Problembewusstsein. Na gut, klappte dann natürlich überhaupt nicht, wie das ja meistens so läuft, wenn in Schulkontexten von Freiwilligkeit und Selbstverpflichtungen die Rede ist. Weil die Verabredung Wunsch der Schüler und Schülerinnen war, intervenierten wir nur halbherzig und wiesen immer mal wieder auf ihre Regelung hin. Darauf wurde uns meistens entschuldigend erklärt, ja, voll gute Regelung, aber ginge eben gerade nicht anders. So musste Sophie also genau jetzt ihren Insta-Channel bespielen, Sebastian musste genau jetzt seiner Mutter schreiben, wie angekokelter Fisch riecht, Ahmet musste genau jetzt seiner Familie zeigen, wie viel Sand in seinen Taschen steckt, und das ganze Zimmer 12 musste sich ständig genau jetzt in einem Online-Spiel verteidigen. Klar.

Chips

Die Stimmung war insgesamt ausgezeichnet, wie sich das für eine Klassenfahrt gehört. Trotzdem gab es auch Schüler und Schülerinnen, die sich immer wieder beschwerten: Auf Mallorca sei dieses oder jenes anders, in jedem Fall: besser. Florian mokierte sich über den allgegenwärtigen Sand. Überall dieser blöde Sand, der gehe kaum von der Haut, weil Sonnencreme. Und der ganze Wind, das nerve doch alles. Und, wie immer auf Klassenfahrten, kam das Essen nicht gut an. Deshalb ernährten sich einige Schüler (es sind immer Jungs, die so was machen) fünf Tage lang praktisch ausschließlich von Chips.

Kurze Nächte

Vor der Fahrt hatten Eltern darum gebeten, aufzupassen, dass ihre Kinder genug schlafen. Aber wie macht man das eigentlich? Weil wir nach 22:00 Uhr fast nichts mehr hörten, ließen wir es gut sein, keine nächtlichen Rundgänge oder so. Mit klammheimlicher, ach, was sage ich, mit großer Freude, registrierten wir im Verlauf der Tage, was sich nachts so zutrug. Die Schülerinnen und Schüler sprachen schließlich tagsüber unentwegt davon. Und das gefiel uns sehr. Denn wann, wenn nicht auf Klassenfahrten, sollte man mal eine Nacht durchmachen? Hier werden doch die ersten wahren Freundschaften fürs Leben geschlossen. Ich hoffe, sie haben auch Wahrheit oder Pflicht gespielt. Aber wenn ich ihnen das vorgeschlagen hätte, hätte ich ja vermutlich doch nur eine weitere Mail vom Bundeswehr-Vater gekriegt.

Weitere Artikel von Maximilian Lämpel

Titelbild: © Sirithattu/shutterstock.com