„Wallah, der Bauch!“ – Schwanger als Lehrerin

Nach den Ferien hält Franziska eine Überraschung für ihre Schülerinnen und Schüler bereit: Der Babybauch ist nun nicht mehr zu verstecken.

„Aboo, Frau F.! Sind Sie schwanger?“ Seitdem die Ferien vorbei sind, schallt mir dieser Satz jeden Tag mehrmals entgegen. Schülerinnen und Schüler, die ich seit zwei Jahren gar nicht mehr unterrichte, sprechen mich auf einmal an und interessieren sich für den Umstand, in dem ich mich befinde. Im Frühsommer, einige Wochen zuvor, konnten nur einige Kollegen und Kolleginnen mit geübtem Auge etwas erkennen. Jetzt ist es nicht mehr zu übersehen.

Mädchen oder Junge?

In der ersten Woche spricht mich Suna, eine Schülerin der neunten Klasse, an. „Wird es ein Junge oder ein Mädchen?“, fragt sie. Da ich sowohl in meinem privaten als auch im beruflichen Umfeld Geheimhaltung beschlossen habe, kann ich ihr keine Antwort geben. „Ach kommen sie …“, fleht sie, „mir können Sie es doch sagen!“ Ich bleibe hart, aber ihr Interesse rührt mich. Suna hat große Schwierigkeiten in der Schule, ihr Herz ist aber am rechten Fleck. „Ich kann es wirklich nicht sagen“, betone ich noch einmal. Doch einen letzten Versuch wagt die Schülerin noch: „Okay, nur für mich – geben Sie mir einen Tipp: Sagen Sie ‚Ju‘, falls es ein Junge wird, und ‚Mä‘ bei einem Mädchen. Den Rest errate ich!“ Ihr Vorschlag ist tatsächlich ernst gemeint, sie grinst mich breit an. Und ganz ehrlich: Ihr Versuch ist so charmant, dass ich mich beinahe überreden lasse. Aber eben nur beinahe.

Wie soll es heißen?

Der Frage nach dem Geschlecht folgt übrigens meistens die Frage nach dem Babynamen. Meine Schüler und Schülerinnen sind großzügig: Oft bestehen sie nicht auf die große Offenbarung, solange ich ihnen wenigstens den Vornamen verrate. Auch das finde ich wirklich raffiniert. Doch hier kann ich absolut ehrlich antworten, dass der Name noch nicht feststehe. Meine Schülerschaft gibt sich damit nur sehr ungern zufrieden. Viele schlagen mir daraufhin ihren eigenen Vornamen vor. Genau damit zielen sie aber auf ein Problem ab, das sich mir bei der Vornamensfindung stellt. Wirklich viele verschiedene Schülerinnen und Schüler sitzen täglich vor mir im Klassenraum. Pro Schuljahr mindestens 100. Und mit ihnen ihre Namen. Zu den meisten Namen habe ich deswegen bereits einen Bezug, ob positiv oder negativ. Beides ist mir für mein Kind nicht recht, schließlich soll es mit dem eigenen Namen auch eine eigene Identität bekommen. Viele Namensvorschläge musste ich deswegen schon aus dem einzigen Grund ablehnen, dass mir bei dem Namen sofort ein Gesicht ins Gedächtnis springt.

Schwanger im Berufsalltag

Nicht nur die Gesprächsthemen mit meinen Schülerinnen und Schülern haben sich mit der Schwangerschaft geändert. Ehrlich gesagt hat sie Auswirkungen auf meinen gesamten beruflichen Alltag. Einige Wochen Arbeit stehen mir, sofern ich sie hoffentlich durchhalte, noch bevor. Doch schon jetzt ist das ewige Treppensteigen sehr beschwerlich geworden. Von meiner Schülerschaft einzufordern, nur in den Pausen auf die Toilette zu gehen, fällt mir immer schwerer. Denn das Baby trampelt unaufhörlich auf meiner Blase herum, was es mir nahezu unmöglich macht, mit gutem Beispiel voranzugehen. Während ich einerseits meine Wege ganz genau planen will, um nicht doppelt zu laufen, vergesse ich andererseits ständig irgendwas im Lehrerzimmer. All das lässt mich am Nachmittag oft völlig entkräftet auf die Couch sinken.

Eau de Klassenzimmer

Und auch sonst hat sich einiges geändert: Ich meide mittlerweile große Schülerpulke: Die Angst, im Gerangel könnte ein Ellbogen in der Nähe meines Bauches landen, ist ziemlich präsent. Zudem vertrage ich unterschiedliche Gerüche nicht. Da ich aber ausschließlich in pubertären, hormonbesetzten und demnach riechenden Klassen unterrichte, kommt mir hinter jeder Tür ein neues olfaktorisches Potpourri entgegen. Viele Schülerinnen und Schüler tragen aus diesem Grund ein, wahlweise sehr extremes, Duftwässerchen bei sich. In der Nähe meiner Nase aufgesprüht, kommt es mir zurzeit wie ein kleiner Reizgasangriff vor. Einer meiner Schüler hat für meine Befindlichkeiten wenig Verständnis. Erst als ich ihm drohe, mich bei der nächsten auf mich zukommenden Duftwolke quer über seinen Tisch zu übergeben, packt er den Flacon verunsichert in seine Tasche. Ungewöhnliche Umstände erfordern manchmal ungewöhnliche Methoden.

Bis bald

Neben all den neuen Erfahrungen wird mir besonders jetzt, wo mein Abschied auf Zeit immer näher rückt, schmerzlich bewusst: Das Kollegium und meine Schülerinnen und Schüler werden mir sehr fehlen. Nicht für das gesamte Schuljahr, sondern nur noch für die nächsten Wochen zu planen, fühlt sich nicht richtig an. Natürlich freue ich mich auf alles Neue, was kommt. Besonders die Kolleginnen und Kollegen, die bereits Kinder haben, beschwören mich mit den Worten, mir werde es in der Zeit an nichts fehlen, vermutlich werde ich nach der Elternzeit gar nicht mehr in die Schule zurück wollen. Dennoch: Das Abschiednehmen fällt mir sehr, sehr schwer.

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Lehrerin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.



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