Wie die Kinder so die Eltern – ein Elternabend wie jeder andere

Unverhofft musste Maximilian Lämpel vor ein paar Tagen einspringen und einen Elternabend leiten. Merkwürdige Veranstaltung mal wieder.

Antwortmaschine

Wie jeder weiß, spielt das Verhältnis zu Eltern in diesem Job eine große Rolle. Und so wie es anstrengende Kolleginnen und Kollegen und nervige Schüler und Schülerinnen gibt, verhält es sich auch mit den Eltern. Von namenlosen aber berühmt-berüchtigten Helikopter-Eltern hat jeder gehört. Aber wenn man als Lehrkraft ein bisschen clever agiert, kann man sie recht einfach auf seine Seite ziehen. Und das ist wichtig. Ich antworte z. B. grundsätzlich so schnell es irgendwie geht auf alle Eltern-Mails. Mir zeigen zwar die meisten im Lehrerzimmer einen Vogel, wenn ich das erzähle, aber Eltern registrieren und schätzen meine Antwortgeschwindigkeit sehr. Und wohlgesonnene Eltern sind gute Eltern. Der Trick ist, zwar sofort, aber dennoch nicht wirklich zu antworten. Manchmal bedanke ich mich nur für die Mail und verspreche, mich zu kümmern. Das reicht oft schon. Ab dann kann man sich wieder Zeit lassen.

Wie die Kinder so die Eltern – oder andersrum

Letzte Woche fand der Elternabend der 8a statt. Weil die Klassenlehrerin der 8a, Kollegin F., überraschend krank geworden war, bat sie mich als ihren Stellvertreter, sie zu vertreten. Elternabende sind spezielle Termine. Das liegt in der Natur der Sache. Da trifft man in einem engen Raum Menschen, mit denen man zufällig zusammengewürfelt wurde und mit denen einen nicht viel verbindet. Und dann redet man auch noch über das, was einem am wichtigsten ist: die eigenen Kinder. Ist ein bisschen so, als würde man im Wartezimmer beim Arzt mit den Mitwartenden über seine Beziehung zur Großmutter sprechen. Irgendwie komisch. Im besten Fall kann diese Konstellation aber auch dazu führen, dass es recht schnell familiär wird. Das kann gut oder schwierig sein, je nachdem, ob man es schafft, zum Wohle der Kinder an einem Strang zu ziehen. Einem Kollegen ist es gerade passiert, dass Eltern regelrechte Feldzüge gegen ihn planen. Und immer wieder bin ich überrascht, wie ähnlich sich Kinder und Eltern sind. Auch wenn das Bild vom Apfel, der nicht weit vom Stamm fällt, arg überstrapaziert ist: Es passt unheimlich gut. Nicht selten kann man Eltern schon dem Äußeren und dem Verhalten nach ihren Kindern zuordnen. Auch Gestik und Mimik sind oft frappierend ähnlich.

Letzte Woche erzählte ich auf dem Elternabend also den üblichen Kleinkram zu Terminen, Neuigkeiten an der Schule und ersten Eindrücken, die wir im Kollegium von der 8a in diesem Schuljahr gewonnen haben. Dann berichtete ich von der Klassenfahrt. Ich hatte mir ein paar Ostsee-Anekdoten zurechtgelegt: Die Episode mit dem angekokelten Fisch kam ganz gut an. Anschließend fragte ich, ob weiterer Gesprächsbedarf bestünde. Als sich zunächst niemand meldete, hoffte ich wie immer, dass das heute mal eine kurze Elternversammlung gewesen sein könnte. Auch wie immer sollte es aber anders laufen.

Qualität

Zunächst meldete sich die Mutter von Farina, die neu an unserer Schule ist. Sie fragte nach dem Schulessen. bio oder nicht bio, das war hier die Frage. Ich erklärte kurz, das Essen sei superbio, hätte eine gute Qualität, sei regional produziert etc. Dann musste ich mich fragen lassen, wie ich denn eigentlich Qualität definiere. Doch bevor ich antworten konnte, erklärte ein Vater, Herr T., er könne dazu aus erster Hand berichten. Sein Sohn habe sich lange geweigert, das Schulessen anzurühren. Da sei er einfach mal vorbeigekommen, um sich ein Bild zu machen. Keine Ahnung, wie das abgelaufen sein soll. Aber dieser Vater jedenfalls lobte das Essen, denn, Achtung: Es habe „ordentlich viel Fleisch gegeben.“ Das schienen nicht alle Eltern gut zu finden. Es gab Geraune im Raum. Ja, und dann haben nicht nur die Vegetarier ihre Meinung gesagt und über Fleisch und andere Lebensmittel diskutiert. Spätestens als Frau C. fragte – die Diskussion war längst vom Weg abgekommen – ob Lehrerinnen und Lehrer nicht Globuli verteilen könnten, und sich gleich mehrere Eltern zum Thema Homöopathie äußern wollten, musste ich abbrechen. Ich verwies auf die fortgeschrittene Uhrzeit und merkte in einem Nebensatz an, das könne ja jeder mit der Homöopathie machen, wie er wolle. Es sei ja nicht so wie beim Impfen, da betreffe es nun mal auch alle anderen. Da meldete sich Frau X. zu Wort, hätte ich mir eigentlich denken können, und erklärte, sie wehre sich dagegen, als Gefahr stigmatisiert zu werden. Selbstverständlich gäbe es gute Gründe, sein Kind nicht gegen Krankheiten zu impfen, die in unseren Breiten usw. usf. Ich blickte in entsetzte Gesichter und bevor es knallte, beendete ich die Versammlung mit dem Hinweis, dass darüber gern im Anschluss diskutiert werden dürfe. Ich selbst verschwand, so schnell ich konnte.

T.

Am nächsten Tag telefonierte ich mit der eigentlichen Klassenlehrerin, um vom Elternabend zu berichten. Nachdem ich mit meinem Bericht am Ende war, wollte sie wissen, ob mir Herr T. aufgefallen sei, denn der falle eigentlich immer auf. Ich teilte mit, dass er das Schulessen geprüft habe und offenbar ein Fleischfan sei.

Da erzählte sie mir, dass sie sich gleich auf ihrer ersten Elternversammlung als Klassenlehrerin mit ihm gestritten hätte. Es ging darum, wohin die nächste Klassenfahrt gehen sollte. Zuvor waren in Rundmails Vorschläge gemacht worden, über die nun diskutiert und abgestimmt werden sollte. Herr T. spottete dann über die Klassenfahrt-Ziele und las ungefragt aus Bewertungen zu diesen vor, die er im Netz gefunden hatte; natürlich nur die hämischen. Warum fahre man nicht stattdessen in diese oder jene Unterkunft, hatte er gefragt, und den Umstand ignoriert, dass seine Vorschläge sehr viel teurer gewesen wären. Tja, aber inzwischen habe er seinen Job verloren und versuche gerade einen Wechsel. Er wolle als Quereinsteiger Lehrer werden.

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