Wie Lehrkräfte Dysgraphie erkennen können

Dysgraphie bedeutet mehr als eine schlechte Handschrift. Wie Lehrerinnen und Lehrer die Anzeichen erkennen und was sie Eltern raten können.

Wenn das Schreiben eine Qual ist

Eine Dysgraphie ist eine Schreibschwäche, bei der es vor allen Dingen um die Handschrift bzw. um die Schriftführung geht. In vielen Fällen sind die Rechtschreibung oder die Grammatik nicht davon beeinträchtigt, da das Kind kognitiv in der Lage ist, richtig zu schreiben.

Dabei kann eine Dysgraphie mit oder ohne Dyslexie, der Leseschwäche, auftreten. Denn Wörter können häufig weder beim Schreiben noch beim Lesen in einzelne Buchstaben zerlegt werden. Eine Kombination aus Dysgraphie und Dyslexie wird dann als Lese-Schreib-Schwäche bezeichnet.

Die vollständige Schreibstörung, auch Agrafie genannt, ist eine stärkere Ausprägung, die entweder organische oder geistig-seelische Ursachen hat. Ein Therapeut bzw. eine Therapeutin kann helfen, diese Ursache zu bestimmen und ggf. zu behandeln. Daneben gibt es auch noch den Dysgrammatismus, mit dem Abweichungen im Erwerb und Gebrauch von Sätzen und Wortgruppen beschrieben wird.

Anzeichen für eine Dysgraphie

In Deutschland besitzen nach Angaben des Bundesverbands der akademischen Sprachtherapeuten (dbs) fünf bis zehn Prozent aller Menschen eine Lese-Schreib-Schwäche. Jungen sind dabei viermal so häufig betroffen wie Mädchen. Nicht jede schlechte Handschrift ist ein Zeichen für eine Dysgraphie. Es gibt jedoch einige konkrete Hinweise, die Lehrkräften auffallen könnten:

Bei der Auswertung schriftlicher Aufgaben:

  • Sind die Wörter nicht voneinander getrennt, sondern laufen ineinander über?
  • Schwanken die Abstände zwischen den Buchstaben stark?
  • Sind die Buchstaben unterschiedlich groß, wobei Klein- und Großbuchstaben scheinbar willkürlich klein- oder großgeschrieben sind?
  • Werden Silben weggelassen, hinzugefügt oder sind innerhalb des Wortes verrutscht?
  • Sind Wörter in den Sätzen an den falschen Stellen oder fehlen ganz?
  • Rutschen die Sätze von der Hilfslinie des Schreibblocks?

Im Unterricht:

  • Gibt es Rechtschreibfehler, obwohl das Kind mündlich korrekt buchstabieren kann?
  • Hat das Kind Probleme, seine Gedanken schriftlich festzuhalten und zu strukturieren?
  • Fällt das Anfertigen von Notizen im Unterricht schwer?
  • Fällt das Abschreiben von der Tafel schwer?
  • Hält es den Stift trotz vielfacher Hinweise umständlich bzw. so, dass es damit kaum schreiben kann?

Wenn Ihnen als Lehrkraft derartige Hinweise verstärkt bei einem Schüler bzw. einer Schülerin auffallen, kann eine Dysgraphie vorliegen.

Eltern können Hilfe bekommen

Meistens gibt es bei der Dysgraphie vorausgehende Schwierigkeiten in der phonologischen Verarbeitung von Wörtern, also im Hörverständnis. Dieses verringerte Hörverständnis erschwert in der Folge auch die Anwendung des orthographischen Wissens. Durch ein gezieltes Training kann das Bewusstsein für Buchstaben, Silben und Wörter im Hörverstehen jedoch verbessert werden. Erst zum Ende der zweiten Klasse kann man zuverlässig sagen, ob eine Dysgraphie vorliegt, so Logopädinnen und Logopäden. Die Sprachtherapeutinnen und -therapeuten diagnostizieren und behandeln auch diese Form der Teilleistungsstörung. Dysgraphie ist also keine aussichtslose Diagnose. Sie sollte nur als solche ernst genommen und behandelt werden.

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