Schulwechsel: Neue Wege entstehen, indem wir sie gehen

Nach einjähriger Arbeit an einer Regelschule wechselt unsere Gastautorin „Frau mit Klasse“ nun wieder die Schule.

Bäumchen, wechsle dich

„Wechselst du schon wieder?“, wurde ich letztens erst gefragt. Tatsächlich kann ich die Frage bejahen. Viele meiner Lehrer-Freundinnen und -Freunde haben sich nach dem Referendariat für eine Schule entschieden und sind mit der Arbeit dort zufrieden. Mein Weg war etwas holprig und dennoch für mich genau der richtige.

Dieser Weg wird kein leichter sein

Aus persönlichen Gründen zerschlugen sich vor zwei Jahren meine Pläne. Und statt in ein anderes Bundesland zu ziehen, entschied ich mich, in Berlin sesshaft zu werden. Es gab nur ein Problem: Ich war nicht im Bewerbungsverfahren für Lehrkräfte registriert. Was nun? Wiederum zwei Jahre zuvor, vor Beginn meines zweiten Examens, hatte ich einige Monate an einer Sonderschule gearbeitet. Mein Referendariat habe ich anschließend an einer Regelschule absolviert. Nun stand ich also da, mit erstem und zweiten Examen in der Tasche, als vollwertig ausgebildete Lehrerin – aber an welche Schule sollte ich gehen, jetzt, wo die Bewerbungsfrist überschritten war?

So kam ich auf die Idee, mich erneut nach Sonderschulen umzusehen und hatte einige Vorstellungsgespräche sowie schlussendlich mehrere Zusagen. Eine der Institutionen war mir gleich sympathisch und ich entschied mich für diese. So begann Anfang 2017 meine Zeit an einer Sonderschule.

Die Schülerinnen und Schüler dort sind speziell, sie werden nicht mehr an Regelschulen unterrichtet. Ich brauchte viel Zeit, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Wir kümmerten uns im kleinen Rahmen um sie. Eine Klasse umfasste maximal acht Kinder. Wenn alle da waren, hatte ich mehr zu tun, als in einer vollbesetzten Klasse an der Regelschule.

Gut Ding will Weile haben

Ich benötigte Tag für Tag Durchsetzungsvermögen und vor allem starke Nerven. Es war eine sehr emotionale Arbeit. Manchmal brachten die Schülerinnen und Schüler mich an den Rand der Verzweiflung. Und doch habe ich viel gelernt, nicht nur über mich selbst, sondern auch, dass gut Ding Weile haben will.

Irgendwann kam dann aber der Punkt, an dem alle auf ihren Stühlen sitzenblieben, nicht mehr einfach aus dem Raum liefen und mir als Lehrerin zuhörten und eine gewisse Akzeptanz entgegenbrachten. Dies geschah jedoch erst nach monatelanger Arbeit.

Auch nachfolgend gab es gute und schlechte Tage. Wenn die Schülerinnen und Schüler es geschafft hatten, sich eine Viertelstunde still auf ein Stationenlernen zu konzentrieren und mir sagten, wie viel Spaß ihnen das mache, war es für mich ein Erfolg. Dies war der Ausgleich für andere Tage, an denen ich komplett platt nach Hause kam, weil ich zermürbt war. Solch eine Arbeit sollte man mögen. Sie ist definitiv nicht für jedermann. Ich habe sie, wenn auch oft fluchend, dennoch gern gemacht.

Ich kam an einen Punkt, an dem ich mich fragte, wie es wohl wäre, an einer Regelschule zu unterrichten, mit normalen Klassengrößen, hoch bis zum Abitur, gemäß meiner Ausbildung. Ich wagte es und entschied mich für einen Schulwechsel, um neue Erfahrungen zu sammeln. Für meine Schülerinnen und Schüler war es enttäuschend. Kein einziges Mal hatten sie mich durch ihr Verhalten zum Weinen gebracht. Doch an diesem Tag, nachdem ich ihnen verkündet hatte, dass ich gehen werde, kamen mir die Tränen. Sehr gerührt war ich auch, als meine Kolleginnen und Kollegen mir zum Abschied liebe Geschenke machten und meine Arbeit sehr lobten.

Von der Sonder- zur Regelschule

Doch nun begann mein neuer Weg, ein neuer Abschnitt. Die ersten Monate an der Regelschule haben mich umgehauen. Statt sechzig Schülerinnen und Schüler war ich nun an einer Schule mit fast eintausend jungen Menschen, hatte ein großes Kollegium um mich, fünf verschiedene Schulgebäude und bekam eine eigene Klasse, mit der ich gleich zwei Monate später auf Klassenfahrt fuhr.

Die Fahrt war großartig. Sie gab den Anstoß dafür, dass sich innerhalb des Kollegiums sehr gute Freundschaften entwickelten. Auch die Schülerinnen und Schüler waren toll. Es folgten einige ereignisreiche Monate.

Was mir besonders auffiel: Die Arbeit an einer Regelschule erforderte einen ganz anderen Fokus: Administrative Aufgaben rückten in den Vordergrund, Konferenzen nahmen viel Zeit in Anspruch, Eltern schrieben eine Vielzahl von E-Mails, auch deutlich nach Feierabend, die Unterrichtsvorbereitung fesselte mich bis nachts an den Schreibtisch und die Korrekturberge häuften sich an. Ich war angekommen im Schulalltag der Regelschule.

Doch ich stellte schnell fest: Meine alte Schule fehlte mir. Natürlich war es schön, mit lernwilligen jungen Menschen zu arbeiten. Ich lernte viele nette, hilfsbereite Kolleginnen und Kollegen kennen und der Unterricht machte Spaß. Aber ich dachte oft an die Sonderschule zurück, an mein kleines, überschaubares, tolles Kollegium. „Du bist doch Gymnasiallehrerin, dann müsste das hier das Richtige sein“ war der Gedanke, die mir oft durch den Kopf ging.

Und dann kam die Erkenntnis: Wie viele Lehrkräfte gehen freiwillig an eine Schule mit ausschließlich schwierigen Kindern und Jugendlichen? Es sind die Wenigsten. Und so dachte ich an die Worte meines Kollegen der Sonderschule zurück, der schon viele Leute wieder gehen sah und mir sagte, dass ich dort echt gut aufgehoben war. Also nahm ich nochmals meinen Mut zusammen und entschied mich für einen Schulwechsel – zurück zum Ursprung, an meine kleine Sonderschule. In drei Wochen ist es soweit – nach den Winterferien werde ich wieder dort anfangen.

Der Weg zurück

Aber eins steht fest: Ich werde meine jetzigen Schülerinnen und Schüler sehr vermissen. Zum Abschied bekam ich Blumen und Plakate, eine Schülerin weinte sogar. Auch die Eltern hatten Präsente vorbereitet. „Schade, dass Sie gehen!“, sagten sowohl Kinder als auch Eltern. „Du wirst in die Geschichte dieser Klasse eingehen“, äußerte meine Kollegin.

Aber ich bin ja nicht aus der Welt und werde sie besuchen, wann immer ich kann. Auch Kontakt zu meinen Kolleginnen und Kollegen, von denen ich einige inzwischen als wirklich gute Freunde bezeichnen kann, werde ich pflegen. „Ich finde, dass sie mit Abstand die beste und netteste Lehrerin sind, die ich je kennenlernen durfte“, notierte ein Schüler auf seinem Feedbackbogen. Dieses Kompliment machte mich sehr glücklich. Und genau deshalb, weil die Arbeit mit jungen Menschen einem so viel zurückgibt, gehe ich diesen Weg – um meine Zeit solchen Schülerinnen und Schülern zu widmen, die es nicht leicht im Leben haben. Junge Menschen, die besonders viel Zeit und Geduld benötigen. Ich möchte ihnen zeigen, dass das Leben auch gute Seiten haben und wie man vielleicht manche Dinge anders machen kann. Somit tangiert es mich nicht, dass es sich schon um den zweiten Schulwechsel handelt – ich bin gespannt auf alles, was noch folgt, sei es an einer Sonder- oder an einer Regelschule. Und ich bin glücklich, über alle Erfahrungen, die ich sammeln darf. Denn ich bin eine Frau mit Klasse.

Titelbild: © Jacob Lund/shutterstock.com