Abschluss-Picknick – von Eltern in elternfreien Zonen

Auch in diesem Jahr veranstaltet Lehrer Maximilian Lämpel das traditionelle Picknick zum Schuljahresende mit seiner Klasse. Neuerung: Striktes Elternverbot.

Elternfrei

Am Ende eines jeden Schuljahres gehe ich mit meiner Klasse in den Park zum Abschluss-Picknick, so die Tradition. Wer wissen will, warum ich das mache und wie das normalerweise so läuft, der möge sich den Bericht vom letzten Jahr durchlesen.
Dieses Mal war alles anders: Meine 9b hatte sich nämlich dafür ausgesprochen, ohne Eltern zu picknicken. Sie seien schließlich keine Kinder mehr und überhaupt, die Argumente lägen ja alle auf der Hand. Meine erste Reaktion war ein kurzes Schaudern, weil das wohl bedeutete, dass nur Fleisch und Ketchup mitgebracht würden. Dann aber fiel mir ein, dass mir die Abwesenheit der Eltern in die Hände spielen könnte. Es gab nämlich zwei Elternpaare, die unbedingt etwas mit mir besprechen wollten. Genauer gesagt: Ich hatte in den letzten Wochen mehrmals nicht auf ihre Mails reagiert. Das Picknick wäre nun ihre Gelegenheit gewesen, mich damit zu konfrontieren. Ich spreche grundsätzlich echt viel und gern mit Eltern, aber auf die in den Mails angesprochenen „Probleme“ weiß ich einfach nichts zu erwidern. Besonders beim Gedanken, dass ich mich dieses Jahr nicht mit Herrn T. unterhalten müsste, empfand ich eine angenehme Mischung aus Erleichterung und Genugtuung.

Der unmögliche Herr T.

Als dann am Samstagnachmittag die ersten Schülerinnen und Schüler eintrudelten, hörte ich plötzlich ein „Da bin ich“ hinter mir und schrak zusammen. Herr T., der ein bisschen so aussieht, als wäre er der Sohn von Hans-Christian Ströbele, stand da und blickte mich beleidigt an. Beleidigt und gleichzeitig vorwurfsvoll zu gucken, ist zweifelsohne seine Kernkompetenz. Ich: Na super. Er: Nanu. Wo denn die anderen Eltern seien. Doch doch, Sebastian habe erzählt, Eltern seien dieses Jahr nicht erwünscht, aber das habe er ihm nicht glauben wollen. Ich wüsste ja, wie das sei mit den Pubertieren. Und nun, wo er schon mal hier sei, könnten wir uns doch mal so richtig unterhalten. Sei ja sowieso viel ungestörter ohne die anderen Eltern. Tja, was sollte ich da machen. Kurz wog ich die beiden Optionen, entweder wegzulaufen oder einen epileptischen Anfall vorzutäuschen, gegeneinander ab. Aber das spräche sich vermutlich rum und ich muss ja an meine Zukunft denken. Da hatte ich ihn nun also an der Backe.

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Ein Eklat mit Anlauf

Sofort legte er los: Sein Sohn habe in meinem Unterricht eine Powerpoint-Präsentation abfotografiert. Ganz schön schlau von ihm, habe sich sein Sebastian das lästige Notizen machen gespart, aber das nur nebenbei. Jedenfalls habe er sich die Präsentation angesehen und müsse leider sagen, dass mir offensichtlich ein Fehler unterlaufen sei. Und zwar ein rechtlicher. Das könne man nicht auf sich beruhen lassen. Ein Foto sei eindeutig von mir zugeschnitten worden. Ich wisse ja wohl, dass dies nicht in Ordnung sei und die Rechte des Urhebers verletzen würde. Von Herrn T. bin ich ja einiges gewöhnt, der ist ein Querulant und auch bei den anderen Eltern unbeliebt. Trotzdem war ich jetzt ziemlich verblüfft und muss auch so ausgesehen haben. Herr T. jedenfalls guckte mich wie einen durch seine Rede überführten Straftäter an. Ich zwang mich sachlich zu bleiben, erläuterte ihm die Rechtslage und konnte nicht fassen, dass ich mich hier gerade für eine Powerpoint-Präsentation rechtfertigen musste. Weil ich auf die letzten Verästelungen seiner folgenden Fragen keine Antwort hatte und er mit meinen Ausführungen augenscheinlich nicht zufrieden war, kündigte er an, die anderen Eltern zu informieren. Mal sehen, sagte er, wie es dann weitergehe. Das fand ich so absurd, dass ich lachen musste, und weil ich wirklich keine Lust mehr auf das Gespräch und Herrn T. hatte, bat ich ihn zu gehen. In meinem, aber auch im Interesse der Klasse, immerhin hatten die ein Elternverbot beschlossen. Das funktionierte. Ein bisschen zickig zog Herr T. von dannen. Jetzt war der Nachmittag wirklich elternfrei. Meine Laune wurde wieder besser.

Rumhängen und Abschlussfoul

Lief sonst ganz gut. Die Schüler hingen rum, quatschten und aßen Fleisch mit Ketchup. Einige spielten Karten, andere Volleyball und Tristan und Milena flirteten um die Wette, so soll es sein. Unbeschwerte Rumhängidylle. Irgendwie auch schön, das Leben als Neuntklässlerin und Neuntklässler.
Dann wurde Fußball gespielt, und weil ich Zeit hatte – es waren ja keine Eltern da – habe ich mitgespielt. Blöderweise rempelte ich dabei Jimmy – aus Versehen! – so kräftig an, dass er flog und fiel. Er kam wirklich sehr plötzlich aus dem toten Winkel. Weiß nicht genau, wie das passieren konnte, muss jedenfalls ein klares Foul gewesen sein. Da scheint mein innerer Jens Jeremies mit mir durchgegangen zu sein. Tja, und am Ende gab es dann Streit zwischen den beiden Mannschaften, weil ein Ball angeblich … bla bla. Jedenfalls: Die Stimmung war plötzlich etwas krawallig. So ehrgeizig und überambitioniert kenne ich meine 9b aus dem Unterricht gar nicht. Jimmy humpelte den Rest des Nachmittags. Und wieder war ich sehr dankbar, dass keine Eltern anwesend waren.

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Titelbild: © jultud/shutterstock.com