Amplify – Wenn eine Vision auf die Realität trifft

Amplify, eines der größten Bildungs-Start-ups der Welt, wird abgestoßen. Dabei wollte Rupert Murdoch damit die Bildung revolutionieren.

Am Anfang war die Vision

Rupert Murdoch ist einer der mächtigsten Medienunternehmer der Welt. Er ist der Vorstandsvorsitzende von News Corp, einem riesigen globalen Medien- und Nachrichtennetzwerk. Ihm gehören Fox News, die britische Sun, 21st Century Fox, das Wall Street Journal und viele weitere Medienhäuser. Die News Corp ist sogar an Sportteams beteiligt. Murdoch gerät 2011 wegen Abhörskandalen und Schadensersatzforderungen in den öffentlichen Fokus. Zur gleichen Zeit beschreibt er auf dem eG8-Gipfel in Paris seine Vision: Man lebe in einer digitalen Welt. Alles sei digital, jeder Bereich des Lebens. Nur Bildung befinde sich noch im „Viktorianischen Zeitalter“. Das will Rupert Murdoch ändern. Er stellt den ehemaligen Bildungssenator von New York, Joel Klein, ein, um die neue Strategie zur Eroberung des Bildungssektors von News Corp zu lenken. Dann kauft er für 360 Millionen US-Dollar das Technik-Unternehmen Wireless Generation. Das Unternehmen entwickelt Software, mit der Schulen Schülerdaten erheben und Handlungsanweisungen ableiten können. Aus Wireless Generation wird Amplify. Joel Klein wird der Geschäftsführer. Das Ziel von Amplify ist es, den Lernenden und Lehrenden eine neue Form des Unterrichts zu ermöglichen. Man will das Potenzial der Schülerinnen und Schüler freisetzen und sie zum selbstständigen, kritischen Denken befähigen.

Wie Amplify die Bildung revolutionieren will

Die Apps und Software-Anwendungen zeigen interaktiv, spiel- und projektbasiert, wie Lernen im 21. Jahrhundert funktioniert. Das Angebot von Amplify begrenzt sich nicht auf eine spezielle Lernphase. In einem Werbevideo auf der Webseite wird die Vision zusammengefasst: Vom Kindergarten bis zum Highschool-Abschluss sollen die Kinder von Amplify begleitet werden. Der Anspruch sei es, die Lebenswelten der Digital Natives mit ansprechenden Online-Lerninhalten zu verbinden und sie zum kritischen Denken zu animieren. Einfaches Auswendiglernen war gestern.

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Beispiele:


Leseförderung mit Amplify Games:

Amplify Curriculum: Video zu Edgar Allen Poes “Der Rabe”:

Amplify Curriculum: Interaktive Übung zur Funktionsweise von Zellen:


Diese Idee soll landesweit an die Schulen gelangen. Amplify orientiert sich an den Rahmenplänen, die zu den Common Core State Standards gehören. Es entwickelt für das Fach Englisch einen eigenen, ausschließlich digitalen Lehrplan.

Aber Rupert Murdoch verfolgt nicht nur selbstlose Ziele: Für ihn ist Bildung „ein Markt mit einer halben Milliarde US-Dollar an Umsatzwert, der nur darauf wartet, umgewandelt zu werden.“ Sogar Bill Gates geht davon aus, dass die öffentlichen Gelder für Schulbücher, Arbeitshefte und Tests in der Zukunft zunehmend für digitale Lösungen ausgegeben werden. Dadurch entstünde in den nächsten zehn Jahren nach Gates’ Schätzung ein 9 Milliarden US-Dollar schwerer Markt für technologiegestützte Bildung. In diesen Markt möchte Amplify vordringen. Damit würde Murdoch neben der Medien- und Nachrichtenlandschaft auch große Teile der Bildung in den USA übernehmen. Dafür holt er sich Tausende qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Boot.

Viel Geld muss fließen

Die Idee von Amplify fußt auf drei Säulen:

  1. Amplify Access: Das Unternehmen entwickelt ein eigenes Tablet für den gezielten Unterricht mit Amplify. Jedem Schüler und jeder Schülerin soll ein Tablet zur Verfügung gestellt werden. Außerdem ist eine stabile Internetverbindung im Paket enthalten.
  2. Amplify Learning: Apps und Softwares revolutionieren das digitale Lernen. Amplifys Lehrpläne werden allein auf das Lernen mit mobilen Endgeräten ausgerichtet. Die Amplify Academy schult Lehrende im Umgang mit digitalem Lehrmaterial und den mobilen Endgeräten.
  3. Amplify Insight: Amplify gestaltet eigene Dienste zur Schul-Administration und zur Erfassung von Schülerdaten. Diese sollen Lehrerinnen und Lehrer auswerten können, um die Klassen gezielter auf den Schulabschluss vorzubereiten.

Damit greift Amplify auf mehreren Ebenen die Bildungswirtschaft an: Zum einen macht es den Hardware-Entwicklern von Apple, Samsung, Dell etc. mit einem eigenen Amplify Tablet Konkurrenz. Zum anderen sind die Apps für Schülerinnen und Schüler, Weiterbildungen für die Lehrkräfte und passende Organisations- und Evaluationshilfen das Terrain der großen Schulbuchverlage. Damit macht Murdoch Pearson, Houghton Mifflin und McGraw-Hill eine klare Kampfansage. Die drei großen Schulbuchverlage in den USA investieren im jährlichen Vergleich bedeutend geringere Beiträge in innovative Projekte. Schließlich will Amplify durch die Direktvermarktung an Schulen große Plattformen wie Google, Apple und Amazon umgehen.

Amplify ist eine Vielzahl kleiner Unternehmen in einer großen Firma. Amplifys Konzept zu entwickeln, kostet Murdoch viel Geld: 500 Millionen US-Dollar fließen bis heute in die Tochterfirma von News Corp. Seine Strategie, so den Markt des technologiegestützen Lernens zu erobern, erfordert insgesamt eine Milliarde US-Dollar.

Das nüchterne Erwachen aus einem (Bildungs-)Traum

Trotz der immensen Investitionen, innovativer Konzepte und fachlicher Expertise kann Murdoch die Zeit nicht vorandrehen. Was in Deutschland nur in kleinen Schritten voranschreitet, kann auch durch einflussreiche Wirtschaftsunternehmen in den USA nicht über Nacht geschehen. Die Schulverwaltungen springen nicht an. Sie bleiben bei den bisherigen Verträgen mit den großen Schulbuchverlagen. Sie verfügen nicht über die finanziellen Mittel, die Schulen neu auszurüsten. Sie haben nicht die technischen Möglichkeiten, wie z.B. eine stabile Internetverbindung. Die Lehrenden zeigen nicht den erforderlichen Willen, sich die „Amplify-Methode“ anzueignen. Andere Anbieter für Lehrvideos und Online-Lerninhalte wie Discovery Education haben in den Naturwissenschaften bereits einen erheblichen Vorsprung in der Ansprache von Schulverwaltungen. Google entwickelt mit Google Chromebooks ein günstigeres, besser anwendbares Tablet für den Schulunterricht. Lehrer- und Elternorganisationen stellen sich gegen Amplify. Sie zeigen Rupert Murdoch die rote Karte nach den Abhörskandalen. Sie befürchten, dass die Schülerdaten zu Murdochs Gunsten ausgenutzt werden könnten. Am Ende scheitert es an zu wenig Absatz in zu kurzer Zeit.

Im vergangenen Geschäftsjahr von News Corp (endete am 30. Juni 2015) beträgt der Umsatz von Amplify gerade einmal 88 Millionen US-Dollar bei gleichzeitigen Ausgaben in Höhe von 193 Millionen US-Dollar. Nach Angaben von Bloomberg Business war ein Großteil dieses Umsatzes immer noch auf das Hauptgeschäft von Wireless Generation zurückzuführen, der Auswertung von Schülerdaten. Anfang August 2015 folgt die Ernüchterung: News Corp tätigt keine neuen Investitionen mehr. Erste Amplify-Produkte wie die offenen Online-Kurse werden verkauft.

Das Selbstvertrauen bleibt

Die Funktionen stehen weiterhin allen Nutzern zur Verfügung. Auch der Support wird weiterhin angeboten. Man spreche bereits mit einem externen Investor, bestätigt Joel Klein, bisheriger Geschäftsführer von Amplify. Auch einige der derzeitigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wollen sich an einem Kauf beteiligen. Noch ist nichts offiziell. Klein selbst begründet das Scheitern mit Selbstvertrauen: „Amplifys Arbeit war so innovativ und transformativ, dass wir unserer Zeit voraus waren.“




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