Baden-Württemberg in aller Munde – über die Petition gegen die „Akzeptanz sexueller Vielfalt”

Die Bundeshaupstadt hat einen schwulen Oberbürgermeister, auch unser ehemaliger Außenminister ist homosexuell, eine anerkannte Fernsehjournalistin spricht offen über ihre Lebensgefährtin – zuletzt war es Hitzlsperger, der als erster Fußballspieler in der Geschichte öffentlich bekannt gab, dass er homosexuell sei und wurde für das Durchbrechen des Tabuthemas Homosexualität im Fußball bejubelt – all das steht für eine Gesellschaft mit deutlich weltoffenen, vorurteilsfreien und toleranten Zügen. Doch was bedeutet es, dass Hitzlsperger erst nach seiner Fußballkarriere solche Diskussionen entfacht und es in Baden-Württemberg eine Online-Petition gegen sexuelle Vielfalt im Unterricht gibt, die mehr als 130 000 Menschen unterschrieben haben.

Im neuen Bildungsplan 2015 der rot-grünen Landesregierung Baden-Württembergs soll die „Akzeptanz der sexuellen Vielfalt” festgeschrieben werden. So heißt es im Arbeitspapier zur Verankerung der Leitprinzipien: „Schülerinnen und Schüler setzen sich mit der eigenen geschlechtlichen Identität und Orientierung auseinander […]. Schülerinnen und Schüler haben einen vorurteilsfreien Umgang mit der eigenen und anderen sexuellen Identitäten; […] entwickeln eine Sensibiliät für Stereotype und können diese hinterfragen; […] sind fähig, sich in einer pluralen Gesellschaft zu verorten und begründete Werthaltungen zu entwickeln.”
Dieses Arbeitspapier löste jedoch eine Debatte aus, die deutschlandweit Wellen schlug.

Mehr als 130 000 Menschen gegen die Akzeptanz sexueller Vielfalt im Unterricht

Unter dem Motto „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 zu der Ideologie des Regenbogens” fordern nun mehr als 130 000 Unterzeichner der Petition – von denen die Hälfte nicht aus Baden-Württemberg stammt – einen „sofortigen Stopp einer propagierenden neuen Sexualmoral”.

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Mit der Petition sprechen sie sich dagegen aus, „dass Schülerinnen und Schüler die verschiedenen Formen des Zusammenlebens von/mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender, Transsexuellen und Intersexuellen (LSBTTI) kennen und reflektieren” lernen und werfen dem Kultusminsterium vor, dass dieses mit dem neuen Bildungsplan „auf eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen“ abziele.

Der Initiator schreibt außerdem in seinem Petitionstext homosexuell lebenden Frauen und Männern eine „höhere Suizidgefährdung“, „erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen“ und auch „das ausgeprägte Risiko psychischer Erkrankungen“ als negative Begleiterscheinungen des LSBTTI-Lebenstils zu.

Kultusministerium fordert Respekt vor vielfältigen Lebensformen

Der Baden-Württembergische Landeschef Oliver Hildebrand ist schockiert: „Das Vokabular erinnert an rechtsextreme und fundamentalistische Strömungen“, sagte er der Stuttgarter Zeitung. Laut Süddeutscher Zeitung schließen die Grünen anhand der vielen Kommentare auf der Petitionsseite auf „ein erschütterndes Maß an Homo- und Transphobie” und das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württembergs schreibt in einer Stellungnahme: „[D]ie Petition [macht] nicht nur Stimmung gegen Offenheit und Toleranz, sie zeichnet Zerrbilder und versucht Ängste gegenüber dem neuen Bildungsplan zu schüren.”

Kultusminister Andreas Stoch stellt darüber hinaus klar, dass er mehr Offenheit und Akzeptanz an Schulen herstellen wolle, damit sich niemand diskriminiert fühlen oder verstecken müsse. „Kinder und Jugendliche sollen vorurteilsfrei auf andere zugehen können. Deshalb sollen sie Respekt vor den vielfältigen Lebensformen in der Gesellschaft entwickeln können, ohne dabei in ihrer Identität beeinflusst zu werden”, so der Kultusminister von Baden-Württemberg.

Ferner wehrt sich das Kultusministerium vehement gegen die Behauptung, es „wolle die Schüler pädagogisch und moralisch umerziehen.” Eine solche Behauptung und Wortwahl zeige den dogmatischen Hintergrund der Verfasser. Sie sei unverantwortlich und habe nichts mehr mit einer demokratischen Diskussion zu tun.

Baden-Württemberg ist kein Vorreiter

Dass das Thema eine deutschlandweite Debatte entfacht hat, könnte den Eindruck erwecken, Baden-Württemberg sei mit den Plänen, Akzeptanz sexueller Vielfalt in den Unterricht einzubinden, bundesweit Vorreiter. Dem ist aber nicht so. „Berlin und Brandenburg sind absolute Vorreiter bei diesem Thema. Auch Nordrhein-Westfalen ist sehr fortschrittlich“, erklärt Karla Etschenberg, Erziehungswissenschaftlerin und ehemalige Professorin an der Uni Flensburg, der Deutschen Welle.

Aktuelle Maßnahmen gegen die Petition

Dem Regierungspräsidium Karlsruhe liegt eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Lehrer vor, der die Petition ins Leben rief. Ihm werde laut Stuttgarter Zeitung vorgeworfen, er verbreite falsche Inhalte und verstoße gegen das Mäßigungsgebot der Beamten und es sei fraglich, ob er die Loyalität seines Dienstherren wahre, da er sich gegen die bildungspolitischen Ziele des Kultusministeriums stelle. Es werde noch geprüft, ob ein Disziplinarverfahren eingeleitet werden soll. Auch sei die Online-Petition rechtlich noch nicht von Bedeutung, da beim Landtag noch nichts vorliege, berichtet die Stuttgarter Zeitung.

Währenddessen wurde nun im Netz eine Gegenpetition gestartet. Bereits mehr als 70 000 haben deutschlandweit unterschrieben – mehr als 28 000 Unterzeichner stammen aus Baden- Württemberg.

Titelbild: ©Grigoriev Ruslan/Shutterstock.com