Bildungsbericht 2014: zwischen Bewegung und Stillstand

Herkunftsbedingte Ungleichheit in der Bildungsteilhabe, konzeptlose Ganztagsschulen, zu wenig Nachwuchs im dualen Ausbildungssystem und strukturelle Probleme beim Thema Inklusion – der Bildungsbericht 2014 fällt kritisch aus. Die Politik kündigt an, sich nicht auf dem „Trend zu mehr Bildung” auszuruhen, sondern sich den aus den Kritikpunkten resultierenden Herausforderungen zu stellen.

357 Seiten ist er in diesem Jahr dick – der Bildungsbericht 2014. Ein zehnköpfiges Autorenteam bestehend aus unabhängigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hat die letzten zwei Jahre an ihm gearbeitet, um „die verschiedenen Bildungsbereiche in ihrem Zusammenhang darzustellen und übergreifende Herausforderungen im deutschen Bildungssystem sichtbar zu machen”. Am 13. Juni 2014 wurde er vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), der Kultusministerkonferenz (KMK) und dem Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) vorgestellt. Neben der Beschreibung der Gesamtentwicklung des deutschen Bildungswesens der letzten zwei Jahre widmet dieser Bericht sein Schwerpunktkapitel dem Thema „Menschen mit Behinderung im Bildungssystem”.

Trend zu höheren Abschlüssen

„Der Bildungsstand der Bevölkerung ist insgesamt gestiegen”, freuen sich Bundesbildungsministerin Johanna Wanka und die Präsidentin der Kultusministerkonferenz Sylvia Löhrmann. Immer mehr Kinder unter drei Jahren nähmen an frühkindlicher Bildung und Betreuung teil und der Trend zu höheren Schulabschlüssen setze sich fort. So zeigt der Bericht, dass der Anteil an Schülerinnen und Schülern ohne Hauptschulabschluss gesunken, die des Mittleren Abschlusses und der Allgemeinen Hochschulreife jedoch gestiegen seien. 57 Prozent aller Absolventinnen und Absolventen verlassen die Schule mit der Hochschulreife und dieser werde zunehmend auch an beruflichen und Schulen mit mehreren Bildungswegen erworben. Auch verzeichne der Hochschulbereich eine leicht höhere Anzahl an Studienanfängerinnen und -anfängern als die duale Ausbildung.

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Zu wenig Auszubildende

Der Anstieg der höheren Schulabschlüsse und Studienanfängerinnen und -anfängern bringe jedoch auch neue Herausforderungen mit sich: Dem dualen Ausbildungssystem mangele es an Nachwuchs, stattdessen ströme dieser an die Hochschulen. „Berufliche und akademische Bildung sind zwei starke Säulen unseres Bildungssystems, die wir in eine gute Balance bringen müssen”, so Wanka. Sie ist überzeugt, dass der entscheidende Schlüssel für diese Balance die Durchlässigkeit sei. So werde der Bund in den nächsten Jahren seine Förderung dahingehend verstärken, Studienabbrecher für eine Berufsausbildung zu gewinnen. Gleichzeitig müsse der Wechsel vom Beruf an die Hochschule einfacher werden, so die Bundesbildungsministerin.

Herkunftsbedingte Unterschiede

Auch wenn der Trend zu höheren Schulabschlüssen für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund gelte, so bleibe doch der Bildungsstand dieser Gruppe weiterhin deutlich geringer als von Schülerinnen und Schülern ohne Migrationshintergrund.
Auch die Abhängigkeit der Bildungsbeteiligung von der sozialen Herkunft sei in Deutschland – auch wenn diese soziale Ungleichheit in den letzten beiden Jahren etwas verringert werden konnte – im internationalen Vergleich weiterhin nur durchschnittlich bis eher hoch aufzuführen.

Konzeptlose Ganztagsschulen

Auch in den Ganztagsschulen sieht die Autorengruppe des Bildungsberichts Handlungsbedarf. Sie fordert ein „klares pädagogisches Konzept für die Gestaltung” und „schultyp- und regionenübergreifende Standards”. Gleichzeitig müsse jedoch auf das Profil der einzelnen Schulen im Ganztagsbetrieb eingegangen werden.

Strukturelle Probleme bei der Inklusion

Zwar besuchen immer mehr Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung gemeinsam Kindertageseinrichtungen und Schulen, dieser Anteil nehme mit zunehmendem Alter jedoch ab und die Umsetzung hin zu einem inklusiven Bildungssystem stoße immer wieder auf eine Reihe von strukturellen Problemen. Diese resultieren u. a. aus der „Verschiedartigkeit der begrifflichen Zuordnung, aus gewachsenen institutionellen Bedingungen, aus unterschiedlichen professionellen Selbstverständnissen”. Dadurch werde der Prozess der Inklusion erschwert, so die Quintessenz des Bildungsberichts. „In Zukunft wird es darum gehen, Qualifizierungen für das Personal in den Bildungseinrichtungen zu verstärken”, verspricht Löhrmann. So werde die Kultusministerkonferenz aktualisierte Standards für die Lehrerbildung als Grundlage für die weitere Professionalisierung im Bereich der Inklusion vorlegen.

Herausforderungen angenommen

„Der Bericht zeigt ein Bildungswesen zwischen Bewegung und Stillstand“, zieht der Sprecher des Autorenteams, Prof. Marcus Hasselhorn, sein Fazit. Und auch die Präsidentin der Kultusministerkonferenz versichert, dem Stillstand entgegenzuwirken: „Die immer noch zu starke soziale Ungleichheit bei der Bildungsbeteiligung, zu hohe Wechsel- und Abbruchzahlen in Schule und Hochschule und der demographische Wandel bleiben ernstzunehmende Herausforderungen. Es gibt keinen Grund, sich auf dem schon Erreichten auszuruhen.”


Titelbild: © Lucky Business/shutterstock.com