Bildungsbürgertum trifft Pubertätsbande – ein Besuch auf der Leipziger Buchmesse

Maximilian Lämpel war mit seiner zehnten Klasse auf der Leipziger Buchmesse. Lief in etwa so chaotisch wie befürchtet.

Krisenmanagement

Es gibt vielfältige Möglichkeiten, junge Menschen für Literatur zu begeistern. Meine 10b findet, dass Rahmenlehrplan und Schulkanon da leider nur bedingt hilfreich sind. Zum pädagogischen Handwerkszeug gehört es daher, verschiedene Zugänge auszuprobieren. Neben den obligatorischen Klassikern, wie Theater, Verfilmungen, Poetry Slams, Szenen nachspielen lassen usw., gehören auch allerlei Spielereien dazu, wie dieses YouTube-Video unterhaltsam beweist. Und wenn die Lehrkraft mit Leidenschaft dabei ist, dann erreicht sie Teile der Schülerschaft schon irgendwie. Wenn’s gut läuft, steckt sie sie regelrecht an. Dieses Jahr wollte ich meiner 10b mal beweisen, dass Literatur auch Eventcharakter haben kann und habe deshalb eine Exkursion zur Leipziger Buchmesse organisiert. Man kann sagen, dass der gesamte Ausflug eine Übung in Krisenmanagement darstellte. Das ist nichts Ungewöhnliches, eigentlich ist jede Exkursion ein kleines Abenteuer.

Holpriger Start

Schon im Zug gab es den ersten Ärger: Zwei Schüler waren bei der Kontrolle nicht in unserem Abteil und wie ich später erfuhr, hatten sie sich als Schwarzfahrer ausgegeben, die keine Ausweisdokumente dabei hatten und dann Fantasie-Namen und -Adressen angegeben haben. Eher zufällig bemerkte Mitschülerin Julia, was da los war. Dankenswerterweise löste sie die Situation auf und konnte so abwenden, dass die Polizei gerufen wurde. Nicht so ein guter Start. Aber dann waren wir doch irgendwann in Leipzig angekommen.

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Ging holprig weiter, weil Jan gleich zu Beginn irgendwo einen Beutel auf der Messe liegen ließ. Immerhin reagierte er schnell, als über Lautsprecher der Besitzer einer „unbeaufsichtigten Tasche“ ausgerufen wurde. Am Eingang musste er dann Rede und Antwort stehen. Das versuchte er, der Klasse später als Abenteuer zu verkaufen.

Von wegen Festival

In meiner Junglehrernaivität hatte ich mir vorgestellt, dass sich meine Schülerinnen und Schüler von der Atmosphäre, den Menschen und nicht zuletzt von den unendlich vielen attraktiven Büchern einfangen und vielleicht sogar berauschen lassen würden. Wenn sie obendrein einen Eindruck von der ganze Szene und ein Gefühl für Feuilleton-Debatten bekämen, hätte ich das ganz schön gut gefunden. Aber natürlich Pustekuchen. Die meisten machten das, was sie immer tun, egal, ob zu Hause oder in der Schule und auf dem Weg dazwischen sowieso: rumhängen und zocken. Meine leicht verklärte Vorstellung vom Festivalcharakter wurde also schnell konterkariert. Mina fragte mich sogar, durchaus höflich immerhin, was die ganzen Menschen hier eigentlich wollten. Es gebe doch schließlich Wikipedia und Apps und so. Sei schon echt skurril hier. Na ja, wenigstens haben die Schülerinnen und Schüler, wenn auch widerwillig, meine Arbeitsblätter ausgefüllt, eine Buchmessenralley. Seitdem bin ich auf der Klassenbeliebtheitsskala signifikant nach unten gerutscht. Tja.

Ich hatte außerdem den Besuch bei einer kurzen Lesung samt Diskussion geplant, passte so schön zum aktuellen Unterrichtsstoff. Aber einige kamen nicht, und viele hingen da nur rum und, na klar, zockten. Immerhin zwei Schüler stellten gute Fragen und schienen sich wirklich zu interessieren.

Cosplay

Später merkte ich, dass etwa ein Viertel der Klasse in der Halle für Manga und Cosplay rumstand. Die einen, weil sie diese Dinge toll finden, die anderen, um sich drüber lustig zu machen. Beide Ansätze finde ich nicht gut: Hatte ich doch gehofft, meine Klasse würde sich echter Literatur widmen. Das Konzept von Manga und Cosplay begreife ich einfach nicht. Sich aber über den Geschmack von Mitschülerinnen und Mitschülern lustig machen, geht auch nicht.

Dann guckten sich alle wirklich eigenartige Choreografien an, weshalb ich die Nase rümpfte und mich gleichzeitig fragte, ob es jetzt also soweit war, dass ich mit dieser Haltung Teil der konservativen Bildungsbürger-„Cordhosenmafia“ sei, um es mit Stuckrad-Barre zu sagen. Und prompt setzten Verteidigungsreflexe bei mir ein: Ist ja auch alles Geschmackssache, besser sich für sowas begeistern, als gar keine Interessen zu haben. Diese Kämpfe auf Metaebenen muss ich eigentlich mal im Unterricht thematisieren.

Murat

Bisschen blöd, dass am Ende des Ausflugs Murat fehlte. Er ist ein kleiner Wannabe-Gangster, der mir nicht besonders sympathisch ist. Gern boykottiert er meinen Unterricht, wenn ich Pech habe, sabotiert er auch. Er ist aber nicht blöd und nennt sein Verhalten dann Dekonstruktion von Unterricht; da kann ich schon lange nicht mehr drüber schmunzeln. So. Und der war jetzt nicht zur vereinbarten Zeit am Treffpunkt erschienen. Zum Glück hatte ich vorsorglich einen Puffer von dreißig Minuten eingeplant, ich kenne ja meine Klasse. Hektisch lief ich nun also durch die Hallen.

Tatsächlich sah ich ihn dann im Getümmel stehen. Vertieft ins Gespräch mit einer namhaften Autorin. War ich erstmal ziemlich platt. Ich entschuldigte mich bei der Autorin, unser Zug führe bald zurück nach Berlin und Murat müsse deshalb jetzt wirklich sofort mitkommen. Daraufhin erklärte die Autorin, sie sei ganz hingerissen von Murat. Sie lese grundsätzlich nicht an Schulen, aber Murat habe sie überredet, zu uns zu kommen.

Auch wenn ich mir zwischenzeitlich nicht sicher war, aber Murat hat es mir klar gemacht: Dieser Tag hat sich gelohnt!

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Titelbild: © Ekaterina Pokrovsky/shutterstock.com