Brandbriefe an Grundschulen: Immer mehr sind verzweifelt

Bundesweit meldeten sich mehrere Grundschulen bei den Schulministerien: Es mangele an Lehrpersonal bei gleichzeitig wachsender Verantwortung für Ganztag, Inklusion und Integration. Das geht nicht zusammen.

Brandbrief von Gießener Grundschulrektorinnen und -rektoren

Mitte Juni veröffentlichten fast alle Leiterinnen und Leiter der Grundschulen in Gießen einen Brandbrief. Dieser wurde ans Staatliche Schulamt mit der Bitte um Weiterleitung ans Kultusministerium Hessen übergeben. Darin beklagten die Pädagoginnen und Pädagogen den zunehmenden Druck durch wachsende Aufgaben, die das eigentliche Lehren in den Hintergrund treten lasse. Lehrerinnen und Lehrer müssten sich stattdessen um erzieherische Grundlagen kümmern: integrieren, inkludieren und organisieren. Das führt bei gleichbleibend niedrigem Personalstand zu einer Notsituation, in der Lehrkräfte Unterricht nicht mehr gewährleisten könnten und die Gestaltung der Schule zunehmend schwerfalle. „Die aktuellen Bedingungen in den Grundschulen machen eine gelingende Inklusion für alle Beteiligten unmöglich“, zitiert die Gießener Allgemeine Zeitung die Schulleiterinnen und Schulleiter.

Situation bleibt verheerend

Bereits zu Beginn des Jahres meldeten sich mehrere Grundschulleitungen aus Frankfurt am Main beim hessischen Kultusminister Alexander Lorz und forderten Entlastung für ihre Lehrkräfte. Als Reaktion wurden 2000 neue Lehrerinnen und Lehrer eingestellt, teilweise als Quereinsteigerinnen und -steiger ohne spezifische Lehrausbildung. Der Arbeitsmarkt sei derzeit leergefegt, wird der Sprecher des hessischen Kultusministeriums Stefan Löwer zitiert. Neue Anreize für den Grundschullehrposten hielte das Ministerium jedoch nicht für nötig.

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In anderen Bundesländern ist die Situation nicht besser: Berliner Grundschulen etwa suchten in der Vergangenheit Unterstützung über Bundesgrenzen hinaus. Anzeigen in anderen Bundesländern wie den Niederlanden oder Österreich sollten neue Lehrerinnen und Lehrer für Berliner Grundschulen hervorbringen.

Ein Brandbrief aus Bayern beklagte im Februar, dass „viele der rund 5000 Schulleiterinnen und -leiter an Grund- und Mittelschulen und ihre Verwaltungsangestellten vielfach am Ende ihrer Kraft [seien]“. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) wendet sich in dem Schreiben an Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und fordert endlich die Umsetzung der versprochenen Maßnahmen, wie mehr Leistungszeit für Schulleitungen und eine bessere Ausstattung mit Verwaltungsangestellten an den Grund- und Mittelschulen. Auch hier wird als größtes Problem die Überbelastung durch Integration benannt. Viele Kinder in den oft vollen Grundschulklassen kommen mit mangelhaften Deutschkenntnissen zur Schule und Eltern würden ihre erzieherischen Aufgaben den Schulen überhelfen. Bislang bleiben die politischen Maßnahmen jedoch aus. Wie lange sich dieser Zustand ohne Aussicht auf Verbesserung aushalten lässt, ist fraglich.

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