Ein Tag im Wald

Referendarin Franziska macht mit einigen Schülern und Schülerinnen einen Ausflug in den Wald. Die Stadtkinderfahrt in die Natur wird zum Erlebnis.

Vor einiger Zeit ist die Pädagogik auf den Trichter gekommen, dass die Schule als Ort der Bildung nicht so umfassend auf das Leben vorbereitet, wie man es sich wünscht. Außerschulische Lernorte – so lautet das Geheimrezept vieler Experten. Auch ich finde es vernünftig, die Jugendlichen aus dem geschützten Raum ins richtige Leben zu bringen und sie dort entdecken und lernen zu lassen. So durften sich vor wenigen Wochen Schüler und Schülerinnen der achten bis zehnten Klassen meiner Schule für ein Waldfahrtprojekt bewerben. Jetzt reisen mein Kollege und ich mit sieben Schützlingen in die Brandenburger Ödnis (Anmerkung der Autorin: Ja, Ausflüge und Klassenfahrten der Berliner Schulen gehen immer nach Brandenburg. Immer.). Mit vier Schülerinnen und drei Schüler im Gepäck fährt uns die Heidekrautbahn hinaus aufs Land, wo wir uns mit Forstarbeitern zur Arbeit verabredet haben. Zumindest mein Kollege und ich sind motiviert, unsere Eignung als Forstarbeiter und Forstarbeiterin unter Beweis zu stellen.

Pfadfinder und Ökokinder

Die Mädchen und Jungs unserer Gruppe kennen sich kaum und können sich auf Anhieb nicht riechen. Mich beeindruckt ihre Kreativität, ihre Abneigung zum Ausdruck zu bringen: Von derben und grammatikalisch falschen Sprüchen bis hin zu Darmgasen, die in die Richtung der Antagonisten freigelassen werden, ist alles dabei. Nachdem wir wenige Schritte in den Wald hinein marschiert sind, stellen meine Schülerinnen und Schüler fest, dass Naturböden schmutzig und schlammig sind. Sie werden unsicher, ob es klug war, sich zu diesem Erlebnis anzumelden. Mein Kollege – Erlebnispädagoge mit Haut und Haar – möchte mit der Bestimmung der heimischen Laubbäume beginnen. Alisa schlägt ihm entgegen: „Herr B., Sie können uns nichts mehr beibringen. Sehen Sie, ich bin Pfadfinderin und Anke hier, die ist ein Ökokind!“ Aha. Ich für meinen Teil habe meinen „Kleinen Naturführer“, eine Art Sachkundelehrwerk für Kleinkinder, zur Absicherung meines eigenen Wissens mitgenommen. Aber gut. Wenn sie alles wissen, werden sie nichts fragen, worauf ich keine Antwort habe.

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Speed-Dating im Wald

Auf der Wanderung zu den Forstarbeitern nähern sich beide Geschlechter an. Der Erfahrung nach dauert dieser Schritt in dem Alter nie lange. Ganz wie beim Speed-Dating fragt Fiona geradeheraus den dezent überforderten Tim: „Und du? Bist du eher ein Angeber oder ein höflicher Junge? Erzähl mal von dir!“ Tim gibt die Antwort, die die klügere ist und entfernt sich langsam von Fiona.

Wir sind bei den Waldarbeitern angekommen. Zu Beginn sollen die Schülerinnen und Schüler die Traubenkirsche, eine Art unverwüstliches Schädlingsgewächs, beseitigen. Das hat in unseren Berlin-Brandenburgischen Wäldern nach Aussage der Waldarbeiter nichts zu suchen. Zur Enttäuschung der Schülerinnen und Schüler benutzen sie dafür Handsägen und keine Motorsägen. Vor den Forstarbeitern haben meine Schülerinnen und Schülern sofort Respekt. Der unförmliche Ton und die großen Hände scheinen ihnen zu imponieren.

Die Stadtjugend im Wald

Als Nächstes räumen wir Grenzgräben frei. Das heißt: Die Schülerschaft erklärt sich nach wenigen Minuten für zu schade für diese Aufgabe. Stattdessen arbeiten mein Kollege und ich wie die Wilden. Uns wäre es sehr unangenehm, die Forstarbeiter, die sich für uns Zeit genommen haben, zu enttäuschen. Zum Abschluss unserer Arbeit bauen wir mit der Gruppe noch Wildzäune ab. Als wir dabei eine Ringelnatter finden und der Forstarbeiter fragt: „Wie nennen wir diese Schlangenart?“, antwortet Fiona selbstbewusst: „Hm, naja, also ich weiß nicht – ich würde sie Johnny nennen?“ Um ihrem Stadtkinderruf schlussendlich alle Ehre zu machen, erklären meine Schülerinnen und Schüler ebenfalls anwesenden Zehlendorfer Grundschulkindern beim Lagerfeuer, was eine Crackpfeife ist. Ja, meine Jugendlichen wissen einiges. Ich bekomme den Eindruck, dass wir ihnen tatsächlich nicht mehr so viel beibringen können.

Albtraum: Nachtwanderung

Zum krönenden Abschluss unseres Ausflugs haben wir unserer Gruppe eine Nachtwanderung versprochen. Für einen nachtblinden und schreckhaften Menschen wie mich ein absoluter Albtraum. Mein Kollege möchte den Schülerinnen und Schülern eine Wahrnehmungserfahrung erster Klasse bieten und befiehlt, die Taschenlampen auszuschalten. So wollen wir sehen, wie sich das menschliche Auge der Dunkelheit anpassen kann. Anke gibt zu bedenken: „Unser Betreuer bei der Ferienfahrt hat auch gesagt, wir sollen die Taschenlampen ausschalten, unsere Augen würden sich gewöhnen. Dann ist er mit ausgeschalteter Taschenlampe in die Baugrube gefallen.“ Aufgrund dieses Einwands beenden wir das Experiment vorzeitig. Die Jugendlichen kommen auf die Idee, im stockdusteren Wald Verstecken zu spielen. Die Dunkelheit, die Kälte, die Verantwortung – das alles wird mir langsam zu viel. Überfordert frage ich meinen Kollegen: „Herr B.,sag mal: Jetzt, in genau dieser Situation – hast du richtig Spaß?“

Er hatte Spaß. Und ich auch, wenn ich ehrlich bin. Auch wenn ich eher Pädagogin für die helle Tageszeit bin. Der Ausflug in den Wald hat den Schülern und Schülerinnen gutgetan. Etwas anderes als die Stadt und die gewohnte Umgebung zu sehen, erweitert den Horizont. Sie konnten ein Berufsfeld kennenlernen, das über jenes des Polizisten oder Lehrers hinausgeht. Erfahrungsgemäß bleiben die außerschulischen Lernerfahrungen eher in den Köpfen der Kinder und Jugendlichen hängen. Und am Ende des Tages sieht es so aus, als hätten sich zwei neue Pärchen gefunden. Zwischen Fiona und Tim hat es leider nicht geklappt.

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Gastautorin Franzi

Franziska studierte Sonderpädagogik und Deutsch auf Lehramt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nun ist sie Referendarin an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) im Berliner Zentrum. In den selten gewordenen Nächten mit etwas Schlaf träumt sie davon, selbsternannte Berufsexperten, die den Spruch „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei“ proklamieren, mit dem Rohrstock über den Sportplatz zu jagen.




Titelbild: © Dmitrijs Bindemanis/shutterstock.com